Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Np.- 23 [ELT 559 Literaturbriefe Von Dr. H. Brody II. Zunächst sei eine wenig erfreuliche literarische Erscheinung abgetan: „Der babylonische- Talmud. Textkritische Ausgabe. (Mit einer Realkonkordanz). Vokalisiert, übersetzt und erklärt von Dr. Jakob Fromer." (Charlottenburg 1910. XX u. 38 S. 8°.) Das Heft, als „Probeheft" bezeichnet, enthält eine Einleitung, Bl. 2—3 des Traktats Baba Kama, eine Probe der Realkonkordanz und drei Faksimiles. F. teilt den Text der Mischna und der Gemara in kleine Teilchen, die er mit allen möglichen Überschriften versieht; er zerlegt das Gewebe (Massekhet) in Fäden und Fasern, zu deren Bezeichnung er das große und das kleine Alphabet, die römischen und die arabischen Ziffern in verschiedenen Größen und Kombinationen verwendet. Das sieht recht gelehrt aus und ist — lächerlich. Wer einer talmudischen Diskussion nicht folgen kann, für den ist der Talmud nicht geschrieben. Durch die vom Ubersetzer angewandten Kunstmittelchen wird die Sache eher verwirrt als geklärt. „Wer einen Text übersetzt, muß ihn auch lesen können'4 (S. XII) erweist sich als hohle Phrase im Munde von F., da er ja doch nur jedes zweite Wort, und auch dieses oft inkorrekt und oft nur zur Hälfte vokalisiert. Von einer „textkritischen" Bearbeitung kann nicht die Rede sein; es werden wohl einige Varianten verzeichnet, aber F. weiß nicht, was er mit ihnen anfangen soll. Daß der Talmud ha-galal (I. Kon. 14, 10) mit „Zahn" übersetze, ist unrichtig. F. hat Raschi mißverstanden, nach dessen erster Erklärung der Talmud ha-galal mit „der Entblößte" übersetzt und diesen Ausdruck als eine Umschreibung für „Zahn" auffaßt. Wie aus seinem Kommentar zu I. Kön. hervorgeht, verwirft Raschi selbst diese Erklärung (die, wie es scheint, RSBA in seinem Raschi- Texte überhaupt nicht hatte), wie sie auch R. Nathan im Aruch mit gutem Grunde verworfen hat. Wer den Talmud so erklärt, bekundet damit, daß er von einer wissenschaftlichen Behandlung dieses eigenartigen Literaturwerkes, wie sie heute gefordert wird, nichts versteht. Wenn F. den Nachweis liefern wollte, daß er den Talmud weder sprachlich noch sachlich zu bearbeiten fähig ist, dann hat er sein Ziel erreicht, dann darf auch das „Probeheft" nicht als wertlos bezeichnet werden. Ganz anders muß eine Arbeit über den Talmud bewertet werden, die Dr. S. Funk (Boskowitz) zum Verfasser hat und den Titel „Die Entstehung des Talmuds" führt (..Sammlung Göschen" Nr. 479, Leipzig 1910, 127 S. kl. 8°). Nicht „die Geschichte des Talmuds" erzählen, nicht „das Wesen des Talmuds" schildern, nicht eine „Einleitung in den Talmud" liefern, sondern alles dies und noch viel mehr will der Verfasser unter dem Titel „Die Entstehung des Talmuds" bieten. Und was er will, bringt er in meisterhafter Weise zur Ausführung; selten hat ein Büchlein von so geringem Umfange eine solche Fülle belehrenden Inhalts aufzuweisen. Wir haben vor uns das gelungene Werk eines Fachgelehrten, der nach einem wohldurchdachten Plane arbeitet und mit geübter Hand die sichern oder — wo solche nicht vorhanden sind — die als wahrscheinlich "geltenden Resultate der Forschung zu einein Gesamtbilde von wohltuender Wirkung vereinigt. Er beginnt damit, daß er das Vorhandensein einer mündlichen Überlieferung an der Hand eingehender, streng wissenschaftlicher Untersuchungen, aber in knappen Worten, nachweist, und das Verhältnis des geschriebenen zum ungeschriebenen Gesetz bespricht. Mit lobenswerter Klarheit wird dann die Tätigkeit der Soferim, der Gelehrtenpaare, der Tannaiten, Amoräer, Saboräer nid einzelner hervorragender Gesetzeslehrer der verschiedenen j-pochen geschildert, ihre Forschungsweise und ihr Anteil an dem ••Msbau der mündlichen Lehre und der halachischen Exegese kennzeichnet. Bei Gelegenheit erhalten wir Kunde von den politischen und sozialen Verhältnissen, in welchen die Juden in den in Betracht kommenden Zeiten und Ländern gelebt haben; wir werden mit ihrem Schulwesen bekannt gemacht; wir erfahren das Wissenswerte von dem Lehrstoff, der an den Volksschulen sowohl wie an den höheren Lehranstalten den Gegenstand des Studiums bildete, und von der Lehr- und Vortragsweise, die in den Schulen üblich war. Der Verfasser macht uns den Begriff der „Halacha" klar, charakterisiert die „Haggada", besonders die mit der Bibel "in Zusammenhang stehende geschichtliche und religiös-ethische Haggada, in anschaulicher Weise. Wir sehen die alteren nachbiblischen Schriftwerke entstehen: Die Targume, die halachischen Midraschim, die Mischna, die Tosefta. Ohne es zu merken, haben wir so das Werden und Entstehen des Talmuds verfolgt, genauer: beider Talmude, des jerusalemischen und des babylonischen, deren Wesen nunmehr zur Darstellung kommt. Das reiche Material ist übersichtlich gegliedert und geordnet, die Sprache rein und fließend, die Darstellungsweise anziehend, das Ganze eine erfreuliche Bereicherung der populär-wissenschaftlichen Literatur. Aber nicht der „Laie" allein, auch der Sachkundige wird das Büchlein mit Vergnügen und mit Nutzen lesen. Denn der Verfasser begnügt sich nicht mit der Verarbeitung dessen, wras der Forschergeist anderer an historischen Wahrheiten und Wahrscheinlichkeiten zutage gefördert hat; oft genug finden wir bei ihm sehr beachtenswerte Resultate, die er selbst nach gewissenhafter Durchforschung des weiten und schwierigen Gebietes gewonnen hat. Es seien hier nur die interessanten Ausführungen über die Mitgliederzahl der „großen Versammlung" (S. 35 ff.) erwähnt und die neue Auffassung von den „Rollen der Geheimnisse" (S. 87), die der Verfasser wohl an anderer Stelle durch Beweise erhärten wird. Bei den vielen ungelösten Rätseln und offenen Fragen, die auf den vom Verfasser berührten Gebieten noch vorhanden sind, konnte es natürlich nicht fehlen, daß er in Einzelheiten Ansichten akzeptiert und Urteile fällt, die nicht unantastbar sind. So kann ich der (von Halevy beeinflußten) Ansicht über den geringen Anteil des R. Jehuda ha-Nasi an der Redaktion der Mischna nicht beipflichten; auch scheint mir immer noch sehr unwahrscheinlich, daß die Mischna nicht gleich nach der letzten Redaktion schriftlich fixiert wurde. Mit der Auffassung des Verfassers über die Redaktion des Jeruschalmi kann ich mich gleichfalls nicht hefreunden; das Werk ist, infolge Zusammentreffens mehrerer ungünstiger Umstände, nur sehr fragmentarisch auf uns gekommen, so daß wir uns von seiner ursprünglichen Gestalt und Beschaffenheit keine sichere Vorstellung machen können. Indessen handelt es sich hier nur um Anschauungssachen: wissenschaftlich stichhaltige und unumstößliche Beweise lassen sich weder pro noch contra beibringen. Von der Haggada bemerkt Funk (S. 69), daß sie in die Hymnen und Festgebete der Poetanim mündete. Das ist insofern richtig, als sich die neuhebräische Poesie früh schon der Haggada bemächtigt und in ihre Dienste genommen hat. Aber die Haggada wurde nicht von der Poesie abgelöst: die religiöse Dichtung ist nicht, wie vielfach angenommen wird, der Haggadabildung gefolgt. Die Anfänge der neuhebräischen Poesie fallen zeitlich mit dein Werden jener Elemente zusammen, aus denen der Talmud sich zusammensetzt, wenn auch die ersten mit Namen bekannten Dichter, deren Kompositionen sich erhalten haben, erst um das Jahr 600 geblüht haben. Die ältesten Dichtungen sind in Verlust geraten, und was sich von ihnen durch Zufall erhalten hat, stammt aus unsicherer Zeit. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß Talmud und Poesie gleichzeitig entstanden sind, und auch in ihren Schicksalen zeigt sich ein ge- 2*