Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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558 DIE EKELT No. 23 Risiko infolge längerer Lebensdauer unter den Juden besonders günstig ist. Da liegt natürlich nichts näher, als darüber nachzüsinnen, ob diese Vorteile nicht für unser Volk und unsere Idee nutzbar gemacht werden können. Freilich, an die vielen kleinen Lebensversicherungsgesellschaften, die trotz größter Anstrengungen keine Erfolge erzielen können, die nur mit Mühe und Not sich über Wasser halten, oder gar ihre Zahlungen einstellen müssen, denkt man dabei nicht. Und deren gibt es doch mehr, als Herrn Dr. Theilhaber bekannt sein dürfte; ja die Zahl der erfolgreichen großen Gesellschaften ist nur verschwindend klein. Für uns hat eine jüdische Lebensversicherungsgesellschaft nur dann einen Zweck, wenn wir in der Lage sind, größere Kapitalien, das heißt die Prämienreserven, in Palästina zu investieren oder für jüdische Dinge nutzbar zu machen, wie Herr Dr. Theilhaber richtig ausführt. An Tantiemen für Aufsichtsrat "und Direktion und an Dividenden für Aktionäre läßt sich nichts ersparen; denn wer ein Risiko übernimmt, muß dafür entschädigt werden, wenn das Geschäft gut geht. Sonst wäre das Ganze kein geschäftliches Unternehmen, wofür man Kapitalisten interessieren könnte. Die Prämienreserven kann man aber nur dann in Palästina investieren, wenn die Gesellschaft von vornherein ihren Sitz in Palästina hat. In sämtlichen Staaten, in denen größere Judentnassen wohnen, also z. B. in Rußland, Deutschland, Österreich-Ungarn, England und Amerika unterliegen die Versicherungsgesellschaften der Aufsicht besonderer Staatsbehörden, welche darüber wachen, daß die Reserven in inländischen sichern Werten angelegt werden. Ausländische Gesellschaften müssen in den genannten Ländern — wenn anders sie eine Konzession erlangen wollen — derartig hohe reale Sicherheiten leisten, daß meistens schon dadurch ihre Geschäfte unrentabel werden. Aus diesem Grunde haben sich z. B. die großen amerikanischen Gesellschaften fast ganz aus Deutschland zurückgezogen oder haben ihre Geschäfte erheblich eingeschränkt, aus demselben Grunde verlegen sich die großen deutschen Gesellschaften fast ausschließlich nur noch auf das deutsche Geschäft. Eine kleine Gesellschaft wäre gar nicht in der Lage, in mehrern Ländern zu arbeiten, da sie mit einem unverhältnismäßig hohen Aktienkapital beginnen und dies in verschiedenen Ländern sofort festlegen müßte. Es wäre also für unsere jüdische Lebensversicherungsgesellschaft zwecklos, in Deutschland zu arbeiten, denn sie müßte ihre Reserven aus dem deutschen Geschäft in deutschen Werten anlegen, sie könnte aus demselben Grunde weder in Rußland, noch in Österreich-Ungarn, noch in Amerika usw., sondern nur in der Türkei arbeiten. Ob es rentabel ist, zu den bereits bestehenden zwei türkischen Gesellschaften noch eine dritte hinzuzufügen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich will auch nicht untersuchen, ob eine türkische Gesellschaft, die sich im wesentlichen mit der Versicherung von Juden befaßt, Aussicht auf Erfolg bietet. Das eine ist klar, wenn alle übrigen Faktoren gegeben wären, würde die Gesellschaft vorläufig sehr unbedeutend sein, denn ihr Material und ihr Wirkungsfeld bietet keine glänzende Aussichten. Dies ist aber zweifellos nicht das Ideal der Männer, die so dringend die Gründung einer jüdischen Lebensversicherung wünschen. Dr. Eduard Leszynsky. O ((□□□□□□ "o o vs ■ ■ FEUILLETON □□□□□□ o n Schlummernde Erde Rätselhaft und unbegrenzl breitet sie sich, umhüllt von goldglänzen der Sternennacht. Keine Farben und keine Züge des Ausdrucks sind auf ihr. sondern nur der schwebenden Dunkelheit Atom. Ja. sie selbst ist gleichsam der Quell dieser Dunkelheit. — Und an der schweren, lichtlosen Masse ist es nicht zu erkennen, ob sie nur locker umhüll res Felsgebein ist oder warmer Mutterschoß morgen aufbrechender Keime. Und das Rätsel blickt aus ihr, gerade wenn die hellen Grenzen des Tages erloschen sind. Sie träumt den Doppeltraum ihres Daseins: ihrer Herkunft und ihrer Bestimmung. Starrheit des Urgesteins. Ewigkeit des Felsentodes, unberührtes, gleichsam noch kosmisches Dasein? Oder die treue Frohn des Menschendienstes, das Los der Ackererde, dem Menschen ganz zu eigen zu sein, von ihm bezwungen und eben dadurch auch ihn bannend zu treuer Ständigkeit? Und wird sie morgen das Furchen der Pflugschar in ihrem warmen Grunde fühlen und den Gesang der Säenden über ihren Schollen hören? Und wer wird dein Erwecker sein? Menschen, .die der erste Heimatstrieb zu unsteter Freiheit Bändigung zwang? Nicht solche werden dich suchen, die du doch starr und versteint bist, jeder rohen Kraftbezwingung trotzend. Oder werden etwa Einzelne, des Besitzes Satte, dich auswählen zu einem neuen Gelüst ihres unternehmerischen Geistes, ohne dich zu kennen, nur um deiner Erträge Münzwert einzuheimsen? Oder hattest du einen andern seltsamen Traum, daß überhaupt kein Einzelner ein Recht über dich hätte, es sei denn im Dienste eines Volkes? Und gibt es ein Volk, welches so einsam und traurig ist wie du selbst, das in Not und Sehnsucht zu dir strebt und ohne dich ruhelos wandelt wie der irrende Nachtwind? Uraltes Bündnis besteht zwischen dir und diesem Volke. Es lebte auf dir und vielleicht versteintest du noch einmal seit es von dir genommen wurde. Aber selbst uralte Bündnisse haben keine Kraft, wenn sie nicht erneut werden an der rastlosen Glut der Gegenwart, wenn nicht die Enkel der Ahnen Erbe mit ihrem ganzen Wesen noch einmal auf sicli nehmen. Und sie müssen das Verlorne noch einmal erobern. Und wie werden die Sendlinge deines Volkes sein? Vielleicht nur solche, welche dich wohl im Herzen tragen, im innersten Wesen aber doch nur für sich einen Ort der Sicherheit suchen? Und vielleicht wirst du ihnen mit dem Frieden, der aus dir weht, auch die reine Liebe zur Heimat wiederbringen. Oder vielleicht solche, die nur deinen entkörperten Gedanken heilig halten und dich auch nur nach Maß und Münze wägen werden, im Namen des Volkes, aber manchmal seines Wohles nicht achtend? Solche, die niemals selbst jenen warmen Dampf der Kraft aus dir kommen fühlten, den nur jener verspürt, der dich allein mit dauernder Arbeit bezwungen? Solche, die nicht danach fragen, wer dich wandeln solle, und die dich mit fremden Lohnsklaven nur zum dienenden Werkzeug mißbrauchen? Oder werden es treue Erlesene des Volkes sein? Oder seine stillen und treuen Diener, die niemals seiner und deiner vergessen? Oder solche, welche du zum ersten Male fühlen machen wirst nicht nur die rettende Freiheit, sondern auch die Kräfte der schöpferischen Freiheit? Welche du im Zauber der Sonnenkräfte lehren wirst, das neue Leben eines Volkes zu formen? Ernst Müller Geschrieben in Lydda. Jjjar 5669.