Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 23 -OIE^ELT 557 Ist es denn ein so gar unsinniger Gedanke, eine judische Lebensversicherungsgesellschaft begründen zu wollen? Gewiß nicht! Wenn man voraussetzt, daß die Mortalitätsverhältnisse sich bei den Juden durchschnittlich günstiger stellen als bei den sie umgebenden Völkern, so ließe sich vielleicht ausrechnen, daß wir bei der allgemeinen Versicherung schlechter wegkommen und daß eine jüdische Versicherungsgesellschaft, die nur oder hauptsächlich Juden versichern würde, mit etwas niedrigeren Prämientarifen als den üblichen arbeiten könnte. Ob und wie groß die Differenz sein könnte, wage ich nicht zu beurteilen. Ferner ist es eine Tatsache, daß eine jüdische Gesellschaft innerhalb gewisser, allerdings enggezogener Grenzen bei der Anlage ihrer Kapitalien auf jüdische Interessen Rücksicht nehmen könnte. Der Zionist, dem der unerschütterliche Glaube an das jüdische Gemeinwesen, das sich im eignen Lande entwickelt, mit seiner ganzen Lebensüberzeugung verwachsen ist, braucht diese Prämissen nicht einmal, um die Idee einer jüdischen Lebensversicherungsgesellschaft für vollkommen vernünftig und selbstverständlich zu halten. Weshalb sollte das jüdische Gemeinwesen, das schon jetzt jüdische Schulen, jüdische Zeitungen, eine jüdische Handelsbank, jüdischen Agrarkredit, jüdische Bauunternehmungen und so viele andere kulturellen und wirtschaftlichen Unternehmungen nationalen Charakters kennt, im Laufe seiner fortschreitenden Entwicklung nicht auch jüdische Versicherungsgesellschaften zeitigen? Es ist dies eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich kaum der Erwähnung bedarf. Ich habe den festen Glauben, daß, wer heute noch kein Greis ist, den Tag noch erleben wird, an dem er eine Police bei der „Ersten jüdischen Lebensversicherungsgesellschaft" abschließen kann. * * * Es ist also gewiß nicht die Idee an sich, wogegen ich mich wende. Es sind vielmehr die Motive, aus denen man schon jetzt an die verfrühte Gründung schreiten will. Herr Dr. Theilhaber überschreibt sein Expose über die Lebensversicherungsgesellschaft: „Ein Beitrag zur Lösung der Geldfrage im Zionismus." Und Herr Goldberg, auf dessen Ausführungen in der „Welt" (1909, No. 22) er sich bezieht, legt sogar noch aufrichtiger, fast hätte ich gesagt: noch zynischer, seinen Versicherungsplan dar, am Schluß seiner -Betrachtungen „über Finanzierung von palästinensischen Unternehmungen." Die Mortalitätsberechnungen, die niedrigen Tarife und dergleichen schöne Dinge sind schließlich nur Nebensache; sie sollen nur dazu dienen, das Unternehmen zu empfehlen; Hauptsache ist, die Einlagen der Versicherten, das Reservekapital der Gesellschaft für die Finanzierung unserer wirtschaftlichen Unternehmungen in Palästina zu verwenden! Vorausgesetzt, was ich allerdings kaum glaube, daß eine Anzahl einfältiger Leute auf diesen schönen Plan hereinfallen würde, wäre das ganze Unternehmen doch nichts weniger als ein Verbrechen und der gute Wille der Unternehmer wäre, wenn sie schon von vornherein dagegen protestieren, daß man „ihre Kreise stört", kaum ein Milderungsgrund! Die Idee, eine Lebensversicherungsgesellschaft zu gründen, um mit deren Geldern in einem jungen Lande die Anfänge einer Kolonisation zu finanzieren, ist so absurd, daß man sich darüber wundern muß, daß das Unmögliche des ganzen Unternehmens nicht jedem, der ernst an die Sache herangeht, sofort einleuchtet. Wenn es irgendwo im Wirtschaftsleben Gelder gibt, die „mündelsicher" angelegt werden müssen, die mit ängstlicher Sorgfalt von jedem auch nur irgendwie spekulativen Unternehmen ferngehalten werden müssen, so sind es doch wohl die Mittel einer Lebensversicherungsgesellschaft. Die Leitung einer Lebensversicherungsgesellschaft, die mit den ihr anvertrauten Geldern Kolonisationsunternehmungen finanzieren würde, würde nicht nur einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der in kürzester Zeit den Kredit der Gesellschaft endgültig zu Grunde gerichtet hätte, sie würde sich auch nach den Gesetzen der meisten Staaten eines direkten Verstoßes gegen strenge Vorschriften schuldig machen, der für sie die peinlichsten Folgen haben könnte. Übrigens würde sie es wohl kaum so weit bringen, da man ihr, wenn ihre Pläne bekannt wären, von vornherein gar keine Gelder anvertrauen würde! , Gewiß, wir sollen mit Anstrengung aller unserer Kräfte in Palästina kolonisieren. Wir glauben auch nicht, daß man uns die Mittel dazu einfach schenken wird. Wir sehen eki, daß es gilt, das Kapital zur Mitarbeit heranzuziehen. Aber wer seine Mittel in Palästina anlegt, der soll wissen, was er tut. Er soll wissen, daß er vielleicht hohe Dividenden erzielen wird; daß aber die ganze Unternehmung auch fehlschlagen kann. Er soll wissen, daß man ihm bessere Zinsen gewährt, als im alten Europa; daß aber dafür sein Kapital auch weniger sicher angelegt ist. Man glaube nur nicht, daß die Gefahr das Kapijal abschreckt. Das Kapital, das zehntausende Kilometer Eisenbahnen gebaut hat durch die Prärien des Far West, das in den Wildnissen Ostafrikas Kautschuk pflanzt und Tabak zwischen den Urwäldern Sumatras; das jeden Augenblick bereit ist, den drahtlosen Telegraphenverkehr, die Flugtechnik und die Luftschiffahrt zu finanzieren — dieses internationale Kapital wird auch mit unserm kleinen Palästina fertig werden. Es gilt nur, es heranzuziehen, zu lenken und in unserm nationalen Sinne zu verwenden. Das ist möglich, wenn auch nicht leicht. Nicht jüdisches Kapital brauchen wir, sondern jüdischen Kredit. Wer das Geld hergibt, womit wir schaffen werden, kann uns ziemlich egal sein. Non olet! Hauptbache ist, daß man es uns gibt! Also — das Kapital soll herangezogen werden. Aber wer hat jemals gehört, daß man die für die Kolonisation in einem jungen Lande benötigten Gelder durch eine Lebensversicherungsgesellschaft gesucht — und gefunden hat? Wenn Herr Dr. Theilhaber mir auch nur einen Präzendenzfall zeigen könnte, würde ich ihm für diese Bereicherung meiner ökonomischen Kenntnisse ungeheuer dankbar sein. Ich möchte mich auf die allgemeinen Gesichtspunkte beschränken. Die einzelnen Ausführungen des Herrn Dr. Theilhaber zu kritisieren, ist zu leicht, als daß es einen anziehen könnte. Die Frage, ob nicht der ganze Plan schon dadurch undurchführbar ist, daß die einschlägige Gesetzgebung in fast allen Ländern (darunter auch eben den Ländern, wo die jüdischen Massen wohnen) das Anlegen von Geldern außerhalb des betreffenden Landes außerordentlich erschwert, möchte ich Fachleuten zur Entscheidung überlassen. Ebenso die Frage, ob nicht die in vielen Ländern zu hinterlegenden Depots ein weit größeres Kapital, ausmachen, als sämtliche Gelder, die heute für uns auf dem Subskriptionsweg zu bekommen wären, wodurch die Sache schon nicht einmal zu einem Anfang kommen würde; ebenso die Frage, ob nicht das Opfern des Gewinnanteils der Versicherten die Unternehmung konkui renzunfähig machen würde. Wer den Vorschlag des Dr. Theilhaber prüft und daraus ersieht, daß man die Lebensversicherungsgesellschaft zu einer zionistischen Parteisache machen will, den faßt ein Schrecken, wenn er an Kongresse denkt, wo künftig nicht nur die Geschäfte des J. C. T. und der A. P. C, sondern auch die der Versicherungsgesellschaft Veranlassung zu Debatten geben würden, wobei — gelinde gesagt -— der gute Wille den Mangel an Ernst und Sachverständnis nicht völlig zu ersetzen imstande ist. Die Bank übersteht solche Debatten schließlich noch, wenn auch nicht ohne Schaden; für die Versicherungsgesellschaft würde eine Debatte, worin irgend ein wohlmeinender Dilettant — sagen wir — die Forderung der „Liquidation" aufstellen würde, einfach den Tod bedeuten! Wenn nun schließlich Herr Dr. Theilhaber mir entgegenhalten würde, daß er doch nur die Gelder seines Reservefonds II, der ja verschwindend klein sein wird, verglichen mit dem eigentlichen großen Reservefonds, in riskanten Unternehmungen anlegen will, so frage ich, ob dann nicht der Nutzen in gar keinem Verhältnis zu den erforderlichen Aufwendungen an Energie steht. Im übrigen rechnet Herr Dr. Theilhaber schon den Ankauf von Bankaktien zu den für die Lebensversicherungsgesellschaft sichern Geschäften(!!), die für den großen Reservefonds in Betracht kämen; es packt einen ein Grauen, wenn man an die uns ichern Geschäfte des Reservefonds II denkt! * * Wie wäre es mit dem Namen „Simson", fragt Herr Dr. Theilhaber am Schlüsse seines Aufsatzes. Ich kann nur sagen, daß ich zu dem Namen nicht raten möchte. S. Hoofien. IL Auf die Gefahr hin, von Herrn Dr. Theilhaber zu den „Wankelmütigen" gerechnet zu werden, muß ich den in Nr. 21 der „Welt" gemachten Ausführungen über eine jüdische Lebensversicherung entgegentreten. Der Gedanke ist keineswegs neu. Bereits vor Jahresfrist hatte das E. A. C. eine Kommission von Sachverständigen mit dem Studium dieser Frage beauftragt, nachdem von Herrn Gold6erg (Wilna) und vielen andern immer wieder und wieder die Gründung einer jüdischen Lebensversicherung verlangt worden war. Das Gutachten der Kommission lautete: Unmöglich! An sich hat der Gedanke einer jüdischen Lebensversicherung viel Bestechendes. Man hört so viel von den glänzenden Geschäften unserer großen Lebensversicherungen, von den nach Millionen zählenden Reserven, den in die Hunderttausende gehenden Tantiemen für Aufsichtsräte und Direktoren, und man sieht, daß die Aktien dieser Unternehmungen immer höher im Kurse steigen und immer größere Dividenden abwerfen. Es mag auch richtig sein, daß das