Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316429--53336-3347113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

554 DIE^ELT No. 2 fr o ({□□□□□ -o REVUE DER WOCHE DD DOP) Der Kampf gegen die Wanderarmen Der soziale Gedanke der Zentralisation, der eine der großen Errungenschaften unserer Zeit darstellt, erfreut sich einer übermäßigen Beliebtheit in Preußen, dem Lande des Ordnungsfanatismus. Zentralisation und Ordnung sind unstreitig zwei wichtige Grundsätze im sozialen Leben, die aber, wie jeder Grundsatz, nur in gewissen Grenzen ihre segensreiche Wirkung bewähren. Arten sie in einen Fanatismus aus, so vermögen sie nur Unheil zu stiften. Insbesondere gilt dies, wenn dieser Ordnungsfanatismus auf ein Gebiet übertragen wird, auf dem das individuelle Moment besonders respektiert werden muß. Ein solches Gebiet ist nun die Wohltätigkeit. Es ist sehr löblich, wenn man die Wohltätigkeit zu organisieren versucht, es ist aber verfehlt und verstößt gegen ihren Geist, wenn man das Persönliche und Individuelle aus der Wohltätigkeit auszuschließen bestrebt ist. Dieses Bestreben hat den verführerischen Namen: „Wanderarmenfürsorge". Vor wenigen Tagen fand in Berlin eine jüdische Versammlung statt, die sich mit dem Aufbau eines „wohltätigen Zentralisationsapparates" beschäftigte. Der eigentliche, wenn auch nicht ganz zugestandene Zweck dieses wohltätigen Apparates ist der Kampf gegen die Bettelei. Dieser Kampf ist nicht neu. Er ist so alt wie das natürliche Bestreben der Reichen, sich, so weit es. nur geht, der Armen zu erwehren, oder wie es gewöhnlich heißt, sich gegen den Mißbrauch der Wohltätigkeit zu schützen. Man wird uns freilich entgegnen, es sei nicht der Kampf gegen die Armen schlechthin, sondern gegen die Schnorrer. Aber was ist im Grunde genommen ein Schnorrer? Doch sicherlich kein wohlhabender Mann. Und das sollte genügen, um ihn nicht zu verfolgen. Denn würde sich etwa jemand den argwöhnischen Verdächtigungen und den schonungslosen Kränkungen seitens der Unterstützungskassen aussetzen, — für die der Schnorrer in den meisten Fällen augenscheinlich aufgehört hat, ein Recht auf Menschenwürde zu haben, — wenn es ihm nicht um das Stückchen Brot zu tun wäre? Oder ist die Zudringlichkeit das Merkmal des Schnorrers, gegen den der Kampf gerichtet ist? Freilich ist Zudringlichkeit keine Tugend, sie ist aber vielleicht die einzige Waffe der Armen in ihrem Kampfe ums Dasein, und wir sollten ihnen dieses letzte Auskunftsmittel nicht mißgönnen. Wir sehen, es wird viel Mißbrauch mit dem Ausdruck „Schnorrer" getrieben. Dieser Spitzna ne der Armen gehört zu den vielen Ungerechtigkeiten, die an ihnen geübt werden, und ist eigentlich nur eine bequeme Ausrede, die zur Beschwichtigung des Gewissens der Wohlhabenden dient. Es hat etwas Komisches an sich, daß man seit Jahren bemüht ist, einen Kampf gegen die „Bettelei" zu organisieren, und dies so hinstellt, als ob es eine soziale Tat wäre: man appelliert mit einem unangemessenen Pathos an das soziale Empfinden. Es ist nicht recht begreiflich, warum die jüdischen Wohltätigkeits-Institutionen den Armen so sehr verfolgen. Sie erwecken den Eindruck, als ob sie dazu da wären, die Wohlhabenden vor Ausbeutung seitens der Armen zu schützen, während sie doch eigentlich berufen sind, gleichsam als Vertreter der Armen zu fungieren und deren Interessen zu wahren. Die Zentralisation der Armen-Unterstützungskassen wird, sagt man, eine Kontrolle über den Stab der Armen bewirken und somit dem Treiben der Schnorrer, oder wie der technische Ausdruck lautet, der „Unterstützungsunwürdigen" ein Ende setzen. Abgesehen aber davon, daß die „Unterstützungswürdigkeit" sich nicht gut kontrollieren und bestimmen läßt (und wie die Praxis uns lehrt Die Aussichten der russischen Juden kommen am besten bei dieser Kontrolle die Frechlinge weg); abgesehen davon, daß der richtige Schnorrer trotz der Zentralisation den Weg finden wird, *um auf seine Kosten zu kommen und all d:ese Maßregeln nur den verschämten bescheidenen Petenten treffen werden, bedeutet diese Ausschaltung des Individuellen und Persönlichen aus der Wohltätigkeit geradezu einen Frevel. Es ist psychologisch wohl erklärlich, wenn man alle Mittel anwendet, um nur nicht mit den Armen in persönliche Berührung zu kommen. Die jüdischen Wohltätigkeits-Institutionen sollten sich aber nicht dazu hergeben. Sie haben eine andere Aufgabe. Anstatt die Reichen gegen die Armen zu organisieren, sollten sie die Armen für ihien Kampf ums Dasein organisieren. Wir, die an einem großen Zentralisationswerke arbeiten, haben um so mehr Grund, zu dieser Mißgeburt des Zentraüsationsgedankens Stellung zu nehmen. Wir können nicht umhin, auch unser Befremden auszudrücken, daß eine so vornehme Institution, wie es der Hilfsverein der deutschen Juden ist, der in seiner Tätigkeit stets Sinn und Verständnis für das Individuelle bekundet, diese Ausschaltung der privaten Wohltätigkeit unter dem schönklingenden Namen Wanderarmen-Fürsorge (richtiger wäre wohl der Name: Reichen-Fürsorge) billigt, ja fördert. Wenn die Stolypinsche Regierung die niedrigsten Mittel nicht scheut, um die Juden niederzuhalten und „unschädlich" zu machen, das kann uns kaum wundernehmen: sie will die Massen vom Wege der Freiheit ablenken, und das läßt sich bekanntermaßen am besten durch eine Hetzjagd auf die Juden bewerkstelligen. Wenn in der Duma die schwarzen Herren von rechts und die nicht viel weißeren vom Zentrum nicht müde werden, Gesetze zu schmieden, die direkt oder indirekt den Juden das Leben sauer machen sollen und seit fünf Jahren nicht aufhören, durch ihre Purischkewitschs, Markows und Konsorten die Ehre des jüdischen Volkes in den Staub zu zerren, — da wissen wir, daß wir vor uns ein obskures Gesindel haben, von dem schließlich kein Land gänzlich verschont bleibt. Aber auch die russische Intelligenz ist von tiefem Haß gegen die Juden durchdrungen; ein Haß, der immer mehr an Aufrichtigkeit zunimmt. Die russische Intelligenz macht allmählich Fortschritte, indem sie, ihrer geheuchelten Judenfreundlichkeit müde, ehrlich ihre antisemitische Gesinnung bekennt. Der Fall Arabaschin- Tschirikow-Asch-Struve im vorigen Jahre, wobei den russischjüdischen Schriftstellern seitens der Besten ihrer russischen Fachgenossen ein grober Fußtritt versetzt wurde, hat uns zur Genüge bewiesen, welcher Gesinnung die Elite der russischen Intelligenz ist. Die öftere unzweideutigen Äußerungen der Anführer der Kadettenpartei haben uns gelehrt, was wir von der liberalsten russischen Partei für die Erhaltung unserer nationalen Individualität zu erwarten haben. Unsere Freiheitskämpfer, die in den Tagen der Freiheit die jüdische Jugend als Kanonenfutter recht gerne sahen, wenden sich jetzt gegen die Juden mit einer Brutalität des nationalen Hasses, die noch größer ist als die ihrer aufgegebenen kosmopolitischen „Weltanschauung", welche ja das jüdische Volk nur als Mittel für die Gelüste anderer Völker gelten ließ. Die Enquete, die neulich im PetersburgerTechnologischen Institut veranstaltet wurde, ergab, daß weitaus die Mehrheit der Studenten gegen die- Gleichberechtigung der Juden ist. So sieht es mit der studierenden russischen Jugend, den Kulturträgern des neuen Rußlands, aus. Auf der letzten Konferenz der russischen Schriftsteller hielt einer der ehemaligen Freiheitskämpfer ein Referat, in dem er nachzuweisen suchte, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.