Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XiV. JAHRG. KÖLN, 10. Juni 1910;l->t6 No'Wn T"** No. 23. SCHAWUOTH Es ist'ein Doppelfest: das Fest der Lehre und das Fest der Erstlinge. Seine Wurzeln liegen ebensowohl im jüdischen Volkstum, in der jüdischen Urgeschichte, wie in der Natur des jüdischen Landes. Einerseits ist es der Tag, an dem einst Israel die Thora am Sinai empfangen hatte, anderseits war es, wie schon der Name Schawuoth andeutet, ein Erntefest, die Zeit der Weizenreife, der Abschluß der sieben wöchigen palästinensischen Erntezeit, die am Pessach-Feste mit dem ersten Abmähen der Qerste ihren Anfang nahm. Kultur und Natur, Lehre und Leben werden durch dieses Fest symbolisiert. Aber es ist nicht bloß ein Symbol. Diese Verschwisterung der jüdischen Lehre mit dem jüdischen Boden, man möchte fast sagen des jüdischen Geistes mit der palästinensischen Erde, kennzeichnet das geschichtliche Dasein des jüdischen Volkes und ist ein wesentliches Merkmal seiner nationalen Individualität. Die Verkennungdieses Grundcharakters des Judentums, „des palästinensischen Erdgeruchs in der israelitischen Religion", wie es ein nichtjüdischer Gelehrter unserer Zeit nennt, hat sich stets als verhängnisvoll erwiesen. Wo und wann immer in der Geschichte des jüdischen Volkes der frevelhafte Versuch unternommen wurde, die jüdische Lehre vom jüdischen Boden völlig loszulösen, Erez Israel aus dem Bewußtseinsinhalt des jüdischen Volkes auszuschalten, stiftete ein solches Unterfangen nur Unheil und Verderben, wenn es nicht schon gleich zu Beginn an seiner innern Unwahrhaftigkeit und Haltlosigkeit scheiterte. Es war und ist stets, wenn auch zuweilen unbewußt, die Tendenz zur Selbstvernichtung, die den Gedanken gebar und die Parole schuf, daß die jüdische Lehre, der jüdische Geist allein, losgerissen von seinem Nährboden, das „Wesen des Judentums" erschöpfen könne. Dieses Wesen verflüchtigte sich hierbei zur Wesenlosigkeit, zu einem blutlosen Abstraktum, das naturgemäß dem Ansturm anderer bodenständigen Kulturen nicht standhalten konnte, weil es gleichsam in der Luft schwebte und den Boden unter den Füßen verloren hatte. Pinsker scheint die richtige Formel für das psychologische Motiv des Antisemitismus gefunden zu haben, indem er ihn als eine Nuance der Angstempfindung, als eine Art Gespensterfurcht bezeichnete: die Angst vor dem körperlosen Geiste, dem bodenlosen Volke. Ein Gegenstück zu diesem Horror der nichtjüdischen Umwelt vor den „Seelen, die hüllenlos umherirren", bildet die gesunde instinktive Scheu des jüdischen Volkes vor all den krankhaften Bestrebungen, die auf eine „Spiritualisierung" des Judentums hinzielen. Man beobachte doch, wie die Reformbewegung, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts so siegesgewiß einherschritt; die sich vermaß, der jüdischen Entwicklung völlig neue Bahnen zu weisen und deren Grundzug eben in der Verneinung des Körperlich-Konkreten, des Bodenständig-Nationalen im Judentum bestand; die die jüdische Lehre durch Abstreifung der „Äußerlichkeiten", des „Formelkrams", zu vergeistigen suchte, schon nach wenigen Jahrzehnten in sich selbst zusammenbrach. Unter den großen Massen vermochte diese abstraktspirutualistische Richtung niemals festen Fuß zu fassen. Ihr Einfluß auf die Jugend beschränkte sich mit der Zeit darauf, daß sie derselben die völlige Entfremdung vom Judentum erleichterte, ihr gewissermaßen als eine bequeme Brücke zur Taufe diente. Selbst die theologischen Vertreter der Reform, soweit es ihnen um die Erhaltung des Judentums ernst ist, und soweit sie sich einen ungetrübten, historisch geschulten Blick bewahrt haben, gelangen allmählich zur Überzeugung, daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen kann, daß die jüdische Zukunft sich auf festerem Grunde aufbauen müsse. Der Rabbiner einer angesehenen Reformgemeinde in Amerika hat dies erst jüngst im Angesicht seiner Gemeinde von der Kanzel herab mit anerkennenswertem Freimut bekannt. Das Schawuoth-Fest, das Fest der jüdischen Lehre und ihres Bodens, mahnt uns, die Einheit des Judentums, die Einheit von Geist und Natur, von Kultur und Boden unverbrüchlich zu wahren. Zur vollen Entfaltung kann die jüdische Kultur, die jüdische Lehre nur auf ihrem geschichtlichen Mutterboden in Palästina gelangen.