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Die Welt · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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546 --DIE zu ergreifen, womit den national-jüdischen Rednern das Wort entzogen werden soll. Als Rabbinatskandidaten — und hier steckt der Triumph der Intelligenz — haben nur die von' jetzt ab das Rabbinerseminar verlassenden Theologiestudierenden zu gelten, nicht die früher Maturierten! Will man wissen, warum? Weil unter den letztern Herr Elnekavve, der Herausgeber des „Judio", ein von obenher offenbar als besonders „gefährlich*4 erkannter Zionist, mitbetroffen und einfür allemal mundtot gemacht werden soll. Es bleibt abzuwarten, welche Wirkung dieses furchtbare Urteil hinterlassen wird. Seine Eminenz ließen sich damit nicht genug sein. Persönlich wurden die eigentlichen Sünder, die Vorstandsmitglieder der Synagoge „Malern" vor Sie beschieden und ihnen väterliche Vorhaltungen über ihr unchristliches — pardon! unjüdisches Vorgehen gemacht. Auf die Äußerung der 50 peinlich Verklagten, daß es sich ja nur um eine Maskir-Feier, nicht um eine politische Versammlung gehandelt habe, kam der entrüstete Gegenruf: „Wie? das ist nicht Politik, wenn der Redner sagt, Herzls Devise sei gewesen: Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland?" Worauf gewiß jede Zunge veistummen muß. Inzwischen sind von andern Synagogen bereits Einladungen an unsere Redner ergangen. Die Intrigen gegen jüdische Einwanderung in Palästina Wie zu vermuten stand, :st die ganze, vom „Jeni Ikdam" und der „Turquie" so eifrig aufgetischte Protestkundgebung aus Nazareth auf persönliche Interessen einiger Beteiligten zurückzuführen. Die „Aurore" erfährt, daß ein russisch-jüdischer Agronom, der in Palästina bereits seit einigen Jahren ansässig ist, einen Unterhändler mit den Vorarbeiten für den Kauf eines 9000 Dut*am großen Terrains in der Nähe von Nazareth zur Anlage einer Farm betraut habe. Die Muchthare, die ein gutes Geschäft witterten, das ihnen zu entgehen drohte zum Besten eines jüdischen Vermittlers, beschlossen hierauf Rache und fabrizierten das bekannte Protesttelegramm. Ein Interview mit Faraggi Effendi Ein angesehener Konstantinopeler Jude hatte dieser Tage eine Unterredung mit Faraggi Effendi, dem jüdischen Deputierten von Konstantinopel, die in mehr als einer Beziehung interessant ist. Ausgangspunkt war das Immigrationsgesetz, das nun doch in absehbarer Zeit zur Parlamentsbehandlung kommen soll. Farraggi ist der Meinung, daß das schwerlich noch in der laufenden Saison geschehen, sondern wahrscheinlich dem kommenden Winter vorbehalten bleiben werde. Auf die Frage, ob er und die andern jüdischen Deputierten in dieser Frage Stellung nehmen würden, erwiderte er, daß sie selbstverständlich energisch die Sache der Einwanderungsfreiheit in alle Gebiete der Türkei verteidigen würden. Vielleicht wäre es aber opportun, daß er als Jude gar nicht persönlich das Wort ergreife; in diesem Falle glaube er aber versichern zu dürfen, daß 50—60 seiner muselmanischen Freunde, davon wohl die Hälfte Chodschas (Priester) entschieden für den freien Zutritt der jüdischen Emigranten plädieren würden. Im weitern Laufe der Unterhaltung drückte Faraggi Effendi seine große Bewunderung für den Zionismus aus. Was er an dieser Bewegung aus taktischen Gründen mißbillige, das sei der Mißdeutungen zugängliche Name, der vielen Attacken ausgesetzt sei- und die Hauptschlagworte, die bei Verbreitung der Idee in die Massen geworfen würden. „Ich will genau dasselbe wie Sie", meinte er „werde aber andere Wege einschlagen, um zu dem gleichen Ziele zu kommen. Es muß nicht immer gerade eine einzige Tür sein, durch die man irgendwo hineinwill." Was er aber am Zionismus schätze und nicht genug rühmen könne, das sei die kulturelle Leistung desselben. Es sei geradezu unglaublich, welche wunderbaren Erfolge dieBewegung auf diesem Gebiete zeitige. Die Wandlung des jüdischen Lebens in Konstantinopel selber seit dem Eindringen der zionistischen Idee ist erstaunlich im höchsten Grade. Wo früher Stagnation herrschte, sei jetzt Leben, wo früher stumpfe Gleichgültigkeit, da jetzt , feuriger und tatkräftiger Enthusiasmus. In dieser Richtung habe der „Makkabi" geradezu bahnbrechend gewirkt. Dieselbe Jugend, die zuvor in nichtigem und unmoralischem Zeitvertreib aufgegangen sei, bringe jetzt ihre ganze freie Zeit mit [ELT No. 22 körperlicher und geistiger Selbstzucht hin, lerne und verbreite die hebräische Sprache und die Liebe zur jüdischen Kultur. Das sei die Wirkung des Zionismus. Er wäre daher viel eher dafür, daß die Träger solcher Bestrebungen in der Türkei ihnen etwa den Namen „Jungjüdische Renaissance" beilegen. Dagegen würde niemand Front machen. Ginge eine solche Bewegung mit der zunehmenden Einwanderung von Juden Hand in Hand, so würde sich als Kernpunkt dieser Kulturbestrebungen ganz von selber Palästina ergeben, das allen Juden teuer sei. Das zionistische Ziel eines palästinensischen, Kulturzentrums würde sich also ohne politische Taktik ganz von selber ergeben, ohne irgendwelchen Gegnerschaften ausgesetzt sein zu müssen. Der „Tanin" und die Juden Das hervorragendste Blatt der Jungtürken schreibt in einem Artikel zugunsten der Juden folgendes: „Eine Nation, die auf der ganzen Erde durch eifrige Arbeit, ständige Kraftanstrengung und bewundernswerte Solidarität ihrer Glieder unaufhaltsam dem Fortschritt entgegenstrebt, nicht auf dem gefährlichen Boden politischer Kämpfe, sondern auf dem des ökonomischen Wettbewerbs, die aus ihren solidaritätsbeseelten, kampfgerüsteten Elementen eine moderne Gesellschaft aufzubauen sucht, die allen Anforderungen der Neuzeit genügen kann, — das ist die jüdische Nation! Das ottomanische Reich folgte einer glücklichen Inspiration, als, es dieser Nation, einem der wichtigsten Faktoren der ökonomischen Domäne, seine Pforten auftat zu einer Zeit, da sie überall ungerechterweise verfolgt war. Die Sultane bewiesen mit diesem Akt, wie sehr sie die Elemente zu schätzen wußten, die zum Fortschritt und Wohlstand des Landes beitragen konnten. Dank dieser Weisheit der Sultane besitzt unser Land einen erheblichen Bruchteil dieses Volkes, das trotz seiner geringen Menschenzahl einen beträchtlichen Einfluß auf die politische Welt ausübt, und das der lebendige Beweis ist für den Grundsatz: Ein Volk ist imstande, nicht nur durch seine Menschenziffer, sondern auch durch seinen Charakter, durch seine Tugenden in die Höhe zu kommen und zu einem hohen Grade der Zivilisation zu gelangen." Palästina Industrieunternehmungen russischer Juden in Palästina Dieser Tage fand in Kiew die konstituierende Versammlung einer Gruppe jüdischer Kapitalisten statt, die sich die Aufgabe gestellt hat, in Palästina eine Zuckerfabrik zu gründen. Es wurde ein Komitee gegründet, das demnächst eine Expedition von fachkundigen Chemikern und Agronomen nach Palästina zu entsenden hat zwecks eingehender Studien an Ort und Stelle. An der Spitze des Unternehmens steht der bekannte Kiewer Millionär, Moses Halpern. Als Motiv iür diese Gründung war neben den günstigen wirtschaftlichen Chancen des Unternehmens auch der Wunsch maßgebend, zur ökonomischen und kulturellen Hebung Palästinas und seiner jüdischen Arbeiter beizutragen. Die Ausbeutung der Phosphatminen von Es-Salt In der Sitzung der türkischen Deputiertenkammer vom 17. Mai brachte die Regierung eine Gesetzesvorlage ein betr. die Aufnahme einer Anleihe von 1500 000 Frs. für den Bau einer nach den Phosphatminen von Es-Salt (Palästina) führenden Zweiglinie der Hedschasbahn sowie einer Hafenanlage in Haifa. Die Eisenbahn und die Hafenanlage sollen den Betrieb der Phosphatbergwerke ermöglichen, für den die staatliche Bergwerks- und Forstverwaltung dem ottomanischen Bürger Nazif Bey el Halidi und seinem Gesellschafter Arzem eine Konzession erteilt hat. Organisierung der aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem Die Bestrebungen, die aschkerlasische Jerusalemer Gemeinde zu organisieren, werden fortgesetzt. Vor einiger Zeit wurde ein Aufruf verbreitet, der auf die Schäden des jetzigen Zustandes und die Notwendigkeit der baldigen Wahl eines Waad ha-ir hinwies. Jetzt werden Listen von denjenigen unterzeichnet, die eine Medschidi jährlich für die Ausgaben der Gemeinde zahlen wollen.

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