Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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540 DIE^ELT No. 22 „Symboliker4* mit Haracourt und dem unlängst verstorbenen Jean Morias an der Spitze, in Deutschland Otto Julius Bierbaum in seinem „modernen Musen- Almanach", in Polen Stanislaus Przybyszewski, die „Kunst für die Kunst" predigten, betrachtete Frau Orzeszko die Kunst nur als Werkzeug der Idee. Der Idee dient sie, indem sie im „Cham" für die gedemütigten Bauern eine Lanze bricht; derselben Idee, der Idee der Gerechtigkeit, widmet sie ihre Fähigkeiten, wenn sie in „Marta" und in „Memoiren der Wachawa" die Rechte der Frauen verteidigt; dieser Idee verleiht sie Ausdruck, wenn sie in „Eli Makower" und „Meir Ezofowicz" schriftstellerisch die Judenfrage beleuchtet. Im Jahre 1866 — 24 Jahre alt — begann die soeben Dahingeschiedene ihre schriftstellerische Laufbahn. Drei Jahre vorher war sie Zeugin des blutigen Aufstandes gewesen, den die Polen zum letzten Male unternommen hatten, um das tyrannische Joch von sich abzuwälzen, und an dem auch viele Bürger jüdischer Abstammung, die für Freiheit schwärmten und in der Mitte ihres eigenen Volkes noch kein Freiheitsbanner aufgespannt fanden, durch ihr Herzblut die Treue zu Polen und „Liebe zur Nation" zu besiegeln versuchten. Und dann kam die Enttäuschung. „Vae victis!" — tönte es in Rußland den Polen entgegen, gleichzeitig vertiefte sich die Kluft zwischen den Besiegten und ihren Bundesgenossen, den Juden. Diese letztern wollten noch einige Zeit im Nebel ihrer Schwärmereien die Wahrheit untertauchen; in Qalizien gründeten sie „Agudath-Achim"-Vereine und faselten von „nationaler Einheit". Die Verachtung und Bedrückung jedoch seitens — der Bedrückten haben den Kurzsichtigen die Augen geöffnet. Man hörte auf, um fremde Gunst zu buhlen. Und um so stärker dafür begann es in der jüdischen Gasse zu gären. Die Schwärmer der Freiheit sahen noch nicht genaue Ziele vor sich, aber sie glaubten, daß sie vor allem die Ketten der Intoleranz und des Fanatismus sprengen müssen. Der Kampf zwischen selbständiger Kultur und Hoffnung einerseits und verknöchertem Buchstabendienst anderseits nahm seinen Anfang. Dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. . . . Diese zwei Bilder, die seit den 70er Jahren in dem jüdisch-polnischen Weltviertel sich abspielen und zwei aktuelle Fragen auf die Tagesordnung brachten: das Verhältnis der Juden zu den Polen, — Nachklang jener Bewegung, die im Jahre 1863 die Morgenröte der jüdischen Verbrüderung zu werden schien, — und das „Frühlingserwachen" des jüdischen Ghetto, bilden den Stoff der zwei jüdischen Romane von Eliza Orzeszko. Es ist staunenerregend, mit welch künstlerischer Intuition die Schriftstellerin es verstanden hat, in die Seele des ihr fremden Stammes einzudringen; bewundernswert ist die wuchtige Darstellungskraft, mit der sie die Anbetung schildert, die die Gemeinde des litauischen Städtchens Szybow ihrem Rabbi Todros entgegenbringt. Ein gewisser Fanatismus steckt in dieser Verehrung, aber daneben auch ein feineres Gefühl der Achtung vor der Gelehrsamkeit: etwas von diesem „culte d'esprit", den — nach Ernest Renan — die Juden andern Nationen beigebracht haben sollten. Ergreifend ist auch der Idealismus, mit dem die Verfasserin gegen die Autorität dieses „schwarzen Mannes" Partei nimmt und die zivilisatorischen Bestrebungen des Meir unterstützt, dessen „Name schon Licht bedeutet" und der „die Seele- Israels mehr liebt, denn seine Ruhe, sein Glück und sein Leben". Meir ist der jüngste Wahrheitsmärtyrer im jüdischen Volke. Er verteidigt die Karaiten gegen den Haß der Gläubigen, er untergräbt die Macht des allmächtigen Rabbi, er will „Israel von den Wolken des Gedankens zur Höhe des neuzeitlichen Lebens emporheben". Verbannt muß er seine Heimat verlassen, vom Fluche des „Heiligen" und von Schmähungen, des Volkes begleitet. Aber wie ein moderner Uriel Acosta — wenn auch ohne dessen pathetische Geste — trägt er sein Los. Mit gehobener Stirn zieht er fort, um „denen Licht zu bringen, die im Finstern straucheln, und die Brüder von der Last ihrer Ketten zu befreien'4. Bis Meir sein W7erk vollzogen haben wird, beleuchtet indes MeTrs literarische Vorkämpferin die Finsternis der jüdischen Gasse durch einige Goldstrahlen freudiger Hoffnung. In die jüdischen Schlupfwinkel ist sie noch einmal im „starken Samson" eingedrungen. Die Lebensgeschichte eines jüdischen gelehrten „Luftmenschen" wird da behandelt. An den vergilbten .Folianten der „heiligen Bücher" sucht der bleichwangige, schwache Szimszel die Rätsel~ des Weltalls zu lösen. Seiner Frau überläßt er es, für sie beide und ihre fünf Kinder zu sorgen; er kennt keine andere Kränkung als die Erinnerung der babylonischen Gefangenschaft; er haßt niemand außer — Kaiser Titus. Und erst das Theater bringt den weltvergessenen Szimszel dem Leben näher. Auf der Bühne bei einer Purimvorstellung, an der ihm wegen seiner „Bildung" die Heldenrolle des Philisterfeindes zuteil wurde, geht in seiner Seele eine ernste Umwandlung vor. Er gelangt zum Bewußtsein seines Ichs und seiner jetzigen Knechtschaft, und trotzig wie der „starke Samson4* geht Szimszel von nun ab dem Schicksal entgegen. Die polnische Presse und die jüdischen Renegaten Vollen Eliza Orzeszko durchaus zur Verfechterin der Assimilationsbewegung stempeln. Aber aus ihren Werken ist dies keinesfalls zu entnehmen. Als gute Patriotin hatte sie sicherlich den Wunsch, in ihrem Vaterlande alle, die darin wohnen, einzuschließen und auch den jüdischen Massen die Kultur ihrer Nation eigen zu machen. Aber sie war weit davon entfernt, durch Gewaltmittel diese Kultur aufoktroyieren und die selbständige Entwicklung der eigenen Werte hemmen zu wollen. Im „Eli Makower" spricht sie unverhohlen ihre Meinung aus, daß die Christen vor allem bestrebt sein müssen, die Achtung der Juden zu gewinnen, sobald sie von ihnen Ergebenheit verlangen, und selbst in einem Briefe, den sie vor einigen Jahren an die Assimilanten Lembergs zu deren Begründung einer Goldmann-Institution gerichtet hat, schreibt sie, daß man nur „durch Gerechtigkeit zur Liebe und durch Liebe zum Frieden und zur Eintracht gelangen kann". Also — vorerst Gerechtigkeit und Liebe, dann erst Friede und Eintracht. Dies mögen sich auch die führenden Geister des Polentums, wie Suretochowski, Niemojewski und andere merken, die in letzter Zeit wieder in ihren „demokratischen" Tendenzen sich gnädig dazu herbeilassen, die Juden zum reichlich gedeckten Tisch den. polnischen Kultur und Nationalität einzuladen, und mit einem. Kreuzzug gegen das jüdische Gesindel drohen, falls es fortfahren würde, mit seinem litwakischen Jargon die polnische