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Die Welt · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No, 22 DIE XsEE LT 539 im Parlament von der „zionistischen Börsenpresse" sprach, die die Schwechater Krawalle verursacht habe. In diesem Wahnsinn steckt Methode, und zwar ein System der Infamie und der Verleumdung. Die Ursachen sind verschieden. Daszynski z. B. wollte an den Zionisten sein Mütchen kühlen, weil ihn die Juden seines ehemaligen Krakauer Wahlkreises durchfallen ließen. Die Schreiber der „ Arbeiter- Zeitung" wieder sind ihrer Mehrzahl nach jüdische Renegaten, die sich in erster Linie an die deutsche und polnische Arbeiterschaft herandrängen. Die Furcht vor dem Erwachen des jüdischen Volkes, dessen geknechtete Massen sie ihrem Schicksal überließen, die Angst vor dem Zionismus hat sie besinnungslos gemacht. Und deshalb greifen sie unbedenklich zur Verleumdung und Beschimpfung. Es ist die höchste Zeit, daß die österreichischen Juden, wie sie dem „Moschko" an den Leib geruckt sind, auch für das Treiben dieser Individuen die Partei verantwortlich machen. Nicht der Zionismus wird es sein, dem solche Bubenstreiche Schaden bringen. Dr. Magnes gegen die Reform Unser bekannter Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. J. L. Magnes, Vizepräsident der Federation of American Zionists, hielt am ersten Tage des Pessachfestes vön der Kanzel des Temple Emanuel in New York eine Predigt, die in den weitesten Kreisen der amerikanischen Judenheit großes Aufsehen erregte und auch von der New Yorker Tagespresse lebhaft besprochen wurde. Dr. Magnes wandte sich in dieser Predigt mit außerordentlicher Schärfe gegen die ganze moderne Reformrichtung, die zur völligen Auflösung des Judentums führe. „Die reichen Reformgemeinden", führte der Redner aus, „machen wohl äußerlich Eindruck durch die Schönheit ihrer Gebäude, durch die künstlerische Verschönerung und die Ordnung des Gottesdienstes. Kann aber alles dies die Leere und Seichtigkeit des jüdischen Lebens verdecken? Unsere Jugend empfindet keine Freude mehr an ihrem Judentum. Sie fragt immer nur in kriechender Weise: Ma jomru Hagojim? Unsere Jugend kennt das Judentum nicht, sie hat ihre Moral verloren, sie besitzt keine Selbstachtung, keinen Ahnenstolz, keine Tradition und keine Hoffnung für ihr Volk und seine Zukunft. Viele von Euren Söhnen und Töchtern gehen Ehen ein mit Nichtjuden. Und die Nachkommen dieser Generation wachsen auf ohne jede Religion, ohne Gebet, gottlos. Nach einer solchen Erziehung betrachten sie das Judentum mit unjüdischen Augen. Viele der jungem Generation, die von Natur aus religiöses Gefühl besitzen, wenden sich fremden Religionen zu, um die1 Leere in ihren Herzen auszufüllen. Und Ihr Alten denkt nicht an das Unglück, das Euch und Eurer Nachkommenschaft droht. Ein neuer Geist muß Euch bewegen, wenn Ihr leben wollt! Und das Hilfsrnitel ist in erster Linie: Studium der Quellen des Judentums, derThora, der gesamten jüdischen Literatur, der jüdischen Sprache und Geschichte, der Überlieferung und der Gebräuche, der Gesetze und der jüdischen Ideale. Der bisherige Religionsunterricht der -Jugend ist absolut unzureichend, und auch die Alten müssen sich mit Liebe dem Studium widmen. Das alte traditionelle Gebetbuch muß wieder zurückgebracht werden, das durch die Leiden und Hoffnungen und die religiöse Inbrunst der zahllosen Geschlechter unserer Ahnen geheiligt ist. Alte Formen und Zeremonien müssen wieder eingeführt werden, wenn sie an sich schön oder kraftvoll, wenn sie uns eine Idee repräsentieren, schließlich wenn sie dazu dienen, unsern Gottesdienst als spezifisch jüdisch auszuzeichnen/* Diese entschiedene Kriegserklärung von Dr. Magnes an das reformierte Judentum hat um so größere Sensation hervorgerufen, als sie von einer Stätte erfolgte, die vorzugsweise als die Tribüne der Reform in Amerika gilt. Auf der Kanzel eines reformierten Tempels vom Range des Temple Emanuel sind Worte dieser Art noch niemals erklungen, und man ist allgemein gespannt, welche Stellung die Häupter der Gemeinde zu der „revolutionären" Predigt ihres Rabbiners nehmen werden. . . . Jüdische Immigranten in Konstantinopel Seit Monaten befinden sich in Konstantinopel Abgesandte russischjüdischer Auswanderungslustiger, die für die Wartenden Boden in Anatolien kaufen sollen. Ohne Kenntnis der Landessprache, -sitte, -rechtslage, der ökonomischen Verhältnisse und des Charakters der asiatischen Böden, irren sie in den Straßen Konstantinopels oder auf den Schienen- und Fahrwegen Kleinasiens umher, eine Beute gewissenloser oder unwissender Unterhändler, ohne zu irgend einem Ziele zu gelangen. Und allwöchentlich mehrt sich noch ihre Zahl. Leichtsinnige Publikationen und Annoncen in russischen Blättern haben zu diesen unfruchtbaren Schritten verleitet. Da ist es denn Pflicht, unsern Brüdern in Rußland zu sagen, daß eine überstürzte Auswanderung in die Türkei vor Behandlung des Immigrationsgesetzes in der Kammer und vor Schaffung der unumgänglichsten Vorbedingungen für die Einwanderung, wie verantwortlicher Auskunftstellen und Vermittlungsinstanzen durch jüdische Organisationen, nur zu Katastrophen führen kann. — Im Zusammenhang mit dieser Einwanderungsbewegung steht folgende, anscheinend wahrheitsgetreue Mitteilung türkischer Blätter: „Zweihundert jüdische Familien aus Chutin in Bessarabien richteten an die ottomanische Regierung das Ersuchen, ihnen in der Umgegend von Angora, Koniak und Konstantinopel Terrains zu bewilligen. Sie seien bereit, die ottomanische Staatszugehörigkeit anzunehmen und die Terrains, falls sie ihnen nicht unentgeltlich überwiesen werden, in Teilquoten zu bezahlen. Sie bitten außerdem um Zollfreiheit für ihre Ackergeräte und Saatkörner, die sie mit sich führen würden." Die russenfreundliche „Turquie" kann sich nicht enthalten, dieser Nachricht folgenden Kommentar mitzugeben: „Es ist bekannt, daß die Juden seit lange darauf aus sind, in großen Massen in die Türkei einzuwandern. Das ist eine wichtige Frage für uns. Infolgedessen (!) ist es klar, daß die Gesetzesbestimmungen über die mohamedanische Einwanderung keinesfalls auf die jüdische Einwanderung ausgedehnt werden "dürfen." Die Logik dieses Organs steht „infolgedessen" mit seiner Menschenfreundlichkeit und seinem Patriotismus auf gleicher Stufe. O (( □ □□ □ □ □ o \V--- FEUILLETON □ □□□□□ ELIZA ORZESZKO Von Dr. Leon Reich, Paris Dichterin der Kleinen und Notdürftigen, Schutzengel der Leidenden und Enterbten, und Apostel der Wahrheit und der Liebe. Fürwahr, man wüßte sich «vaum zu entschließen, wen man mehr an Eliza Orzeszko bewundern soll: die bedeutende Literatin, die mit Meisterfeder Werke von herrlicher, künstlerischer Plastik und psychologischer Wahrheit schuf, oder die nationale Lehrerin und Wegweiserin, die ihre Feder als Führerstab und Lichtesfackel gebrauchte, um ihr Volk zu den Höhen des Glückes und der Gerechtigkeit zu geleiten. Zur Zeit, wo in Frankreich die „Mystiker" und

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