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Die Welt · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 22 DIEMKE LT 541 Luft ZU verpesten und in seiner Barbarei auf die An ihre Stelle waren als letztes Bindemittel abstrakte Prinzipien Danaergabe der polnischen Nation zu verzichten. getreten, darunter in erster Linie der religiöse Kultus. Der „Gerechtigkeit und Liebe!" Mögen die Atome der moderne Jude, der „freigeistig" dem Kultus gegenübersteht, den mit edlen Gedanken und Träume, das geistige Vermächtnis seinen Glaubensgenossen kein gemeinsamer Wohnsitz, keine, der dahingeschiedenen Polin noch zur rechten Stunde gemeinsame Sprache und nicht mehr die gleiche Beschäftigung zu Worte kommen! . . . verbindet, weiß nicht mehr, warum er Jude ist und noch viel weniger, warum er Jude bleiben soll! Und in der Tat sickert das Judentum der Diaspora in einer Weise in die umgebenden . T 1 Zä. A 1 A 4. Volksmassenein, die viel stärker ist, als Nichteingeweihte annehmen. lilC ZUKUlllt UCS JUaeiTtUflIS Zollschan weist auf dieZahl der Taufen und Mischehen hin. Von Dr. Rudolf Wassermann, München Auch in Deutschland nähern wir uns den Zuständen, wie sie in Vor kurzem ist ein Buch erschienen, das sicher in den Kreisen, Amalien und Dänemark herrschen, wo nahezu 50 % aller heiratenden in denen jüdische Fragen diskutiert werden, großes Interesse erregen Juden und Jüdinnen eine Mischehe ein2eherL In Berlin' H^lbuurS wird: Dr. Ignatz Zollschan, Das Rassenproblem, unter besonderer ™d Frankfurt standen z' B' irn Jahre 1905 624' 105' 164 jud,schen Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassen- Ehen 277' ö2' 3y Mischehen gegenüber. frage (Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller). Stellt doch diese Dabei berücksichtigte Zollschan nur ungenügend das dritte, weit Schrift die erste großangelegte Darstellung des Rassenproblems im bedenklichere Anzeichen des Verfalls, das sich in dem Sinken der Hinblick auf die Juden dar, bringt sie doch zum erstenmal eine Geburtenziffer manifestiert. Er betont nicht deutlich, daß das Übersicht über das weitverstreute Material, das zu diesem Gegen- Judentum im Westen mit seinem Abfall vom Glauben der Väter auch stand vorhanden ist. Zollschan hat ein populäres Buch schreiben der traditionellen Bevölkerungspolitik („Seid fruchtbar und mehret wollen, und man muß anerkennen, daß ihm dies auch gelungen ist. Euch!") den Rücken gekehrt hat und heute noch ausgesprochener Allein trotzdem dürfen die Bedenken, die hieraus resultieren, nicht als die Franzosen dem Zweikindersystem huldigt! unterdrückt werden. Es fragt sich, ob der Zeitpunkt zu einem Das Sinken der Geburtenziffer bei den Juden in Deutschland solchen Unternehmen nicht noch verfrüht ist, ob uns nicht rein veranschaulicht folgende Tabelle: wissenschaftliche Einzeluntersuchungen heute weit mehr not täten Auf 1000 Juden im Durchschnitt Preußen Bayern Hessen als zusammenfassende Popularisierungen. Auf diese Frage kann treffen der Jahre denn die Antwort nicht zweifelhaft sein: Es besteht dieGefahr, daß Ehen / 1876 80 14,0 14,2 13,4 infolge der Ungeklärtheit zahlreicher Probleme Ansichten in weitere I 1896/00 14,5 lo,i 13,5 Kreise getragen werden, die sich dann später nicht halten lassen. , , [ 1876/80 32,4 33,3 31,6 ~ , , . A ' , , A c , .e. . ..r> .. Geburten.........( 1896/00 21,4 19,0 19,8 Trotzdem wird man aber die vorstehende Schrift begrüßen, weil 1 ^qj^ jg g^ 18 021) 19 0 sie sicher auch auf die Einzeluntersuchungen befruchtend wirken , 1876 80 18 9 19? 18 6 wird. Es kann nun nicht im Rahmen einer Besprechung zu den Sterbefälle........<J 1896/00 15,4 13^9 15*5 einzelnen Ausführungen unseres Autors, die übrigens im großen [ 1901/04 14,2 12,81) 14,3 und ganzen referierend sind, Stellung genommen werden. Von f 1876 80 13,5 14,1 13,0 vornherein müssen wir uns daher zur Aufgabe machen, nur die Geburtenüberschuß . . . < 1896/00 5,6 5,1^ 4,3 Ausblicke, die die Schrift Zollschans eröffnet, nachzuprüfen. * 1901/04 4,6b 4,8'j 4,7 Zollschan steht auf dem Standpunkt, daß die Rassen- Innerhalb 30 Jahren ist also die Geburtenziffer der Juden in individualitäten erhalten werden sollen, und daß speziell die jüdische Deutschland auf die Hälfte ihres Bestandes in den sechziger Jahren Rasse wert sei, erhalten zu werden. Wie sieht es nun mit den herabgesunken und hat einen bei keinem Volk der Welt Aussichten aus, die sich uns in dieser Beziehung für die Zukunft herrschenden Tiefstand erreicht! eröffnen? ^° ^ann Z°Mscrian durchaus mit Recht sagen: die Juden des Wir müssen davon ausgehen, daß im heutigen Judentum eine Westens haben aufgehört, das Judentum zu konservieren, auch Reihe von Erscheinungen vorhanden ist, die teils die Kohäsion wenn sie es nicht wollen, auch wenn es ihnen noch gar nicht zum der jüdischen Rasse erhöhen, teils dissoziierend wirken, und daß Bewußtsein kam: die Entwicklung drängte sie dazu, die ganze Judenfrage letzten Endes davon abhängt, welche Gruppe Nur im 0sten hat darum beute das Judentum noch Aussicht, dieser Faktoren sich als stärker erweist: die Sonderart des Erwerbskonserviert zu werden, aber nach der Ansicht Zollschans auch dort lebens und der ökonomischen Verhältnisse der Juden, der politische, nur unter der Voraussetzung - daß das bisherige Ghetto-Milieu gesellschaftliche und wirtschaftliche Antisemitismus, die Dissolution mit seiner Unbildung, seiner Not und seinem äußern Druck völlig der Ghettokultur, das Schwinden der Religiosität, die bewußt oder bestehen bleibt. Allerdings würde sich dann wie die erste Hälfte unbewußt automatische Assimilation an die sie umgebenden des Nordauschen Satzes „die höher gebildeten Juden des Westens nationalen Kulturen, der auf die Nivellierung aller Besonderheiten hinwerden abfallen«, auch dessen zweite Hälfte bewahrheiten „die Juden arbeitende Kosmopolitismus auf der einen Seite; die konservativen des Ostens werden mit Leib und Seele zugrunde gehen."* Bestrebungen im traditionellen Rahmen der Orthodoxie, die Man sieht: unser Autor verhält sich dem Problem der Zukunft reformatorischen Versuche eines liberalen Judentums und die des jüdischen Volkes gegenüber sehr pessimistisch. Allerdings modern-nationale Bewegung auf politischer Basis anderseits. macht er einen gewichtigen Vorbehalt: „Wenn nicht doch den Das ist die „Bilanz" des Judentums von heute! Repatrierungsversuchen ein besserer Erfolg beschieden sein sollte.. .!* Dem entsprechen denn auch die Erwartungen Zollschans. So seher3 wir' wenn auch Zollschan am Zionismus fast ver- Gleich mir ist er, da er nicht mehr daran glaubt, daß es dem zweifelt, er kennt doch kein anderes Heilmittel gegen die drohende nationaljüdischen Gedanken gelingen wird, in Westeuropa neues Vernichtung des Judentums, gegen das trostlose Dilemma: Auf- Leben aus den Ruinen erblühen zu lassen, der Ansicht, daß das lösung der Rasse oder physische Degeneration, als — Judentum weltlich der Weichsel einem raschen und sichern.Verfall deP Zionismus. entgegengehe; 1 Das westliche Judentum hat die materiellen Bande =—---—— y einer Nation, Territorium und Staatswesen längst eingebüßt. l) 1904.

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