Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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538 DIE3^ELT No. 22 Ebenso ist es mit Jerusalem". So sprach Geiger irn Jahre 1870. Man beachte das Datum: i87o! Es dauerte nicht lange, bis seine Prophezeiung bezüglich Roms in — die Brüche ging. Hoffentlich erleben wir es auch noch mit Jerusalem..... Das Leben des jüdischen Volkes ist zu seinem Q-ücke über Geiger hinweggegangen. Zu seinem Glücke, denn das was Geiger aus dem Judentum machen wollte, wäre wirklich weder eine Nation, noch eine Religion geworden, sondern ein Unglück. Darum sei es auch an seinem Gedenktage scharf und ehrlich gesagt: Ehre dem Andenken Geigers, des < großen Gelehrten, des scharfsinnigen Historikers; aber rücksichtslose Fehde seinen Ideen über des Judentums Gegenwart und Zukunft. Geiger war keine Molluske, die man zart anfassen muß, um sie nicht zu zerquetschen. Er war ein Mann des harten Kampfes, der niemanden schonte und auch keine Schonung forderte. Darum sei es schonungslos gesagt: Von Geiger, dem Historiker, werden wir uns über manches oder vieles aufklären und belehren lassen, aber Geiger dem Reformator, dem Vernichter, dem Zerstörer ist das Judentum nie gefolgt und wird ihm nimmer folgen. Sein Weg führt zu Tod und Auflösung, unser Weg führt zum Leben und zum Glücke. Und wir wählen, wie uns geboten wurde, — das Leben. f* o -o * O ([□□□□□ * - Der Fall Bock Ein galizischer Jude namens Abraham Bock war am Karsamstag im Wiener Gemeindebezirk: -Hernais mehrmals Zeuge der die Gassedurchziehenden „Auferstehungsprozession". Erwurdevon einem Wachmann aufgefordert, das Haupt zu entblößen, weigerte sich aber, den Hu>t abzunehmen; er wurde verhaftet und wegen „unanständigen Benehmens während einer Religionsübung" angeklagt. Vor Gericht gab Bock die „Tat" ohne weiteres zu, erklärte aber, als frommer Jude so gehandelt zu haben. Nach seiner religiösen Auffassung wäre es Sünde gewesen, barhäuptig der Prozession beizuwohnen. Bock erklärte ferner, er sei nicht absichtlich die Feier der Auferstehung angaffen gegangen, sondern sei auf dem Wege durch den Straßenumzug aufgehalten worden. Der Gerichtshof hat die Verantwortung nicht gelten lassen und Bock zu der ungeheuerlichen Strafevon vierzehn Tagen strengen Arrest verurteilt. Dieses in keinem Verhältnis zum Vergehen stehende strenge Urteil des Wiener Erkenntnissenats kann nicht ohne Einspruch hingenommen werden. Die Wiener Richter verstehen es sonst sehr wohl, veraltete Gesetzesbestimmungen in einer dem Geist der Zeit entsprechenden Art zu interpretieren, ihre Härten zu mildern. Dieser Urteilsspruch hingegen würde einem durchaus vormärzlichen Richter zur Ehre gereichen. Harmlose Fußgänger werden von der Behörde auf Grund einer mittelalterlichen Vorschrift gezwungen, vorüberziehenden religiösen Prozessionen ihre Ehrerbietung zu erweisen. Und wenn Nicht- oder Andersgläubige es ablehnen, sich der frommen Zuschauerschar anzuschließen, werden sie zu unerhört harten Freiheitsstrafen verdonnert. Im vorliegenden Fall Bock ist das Unrecht um so größer, als die Rechtfertigung des Angeklagten durchaus plausibel ist, da jeder Kenner der Auffassung gläubiger und gesetzestreuer Juden bestätigen kann, daß es nach ihrer Überzeugung tatsächlich etwas Sündhaftes ist, vor christlichen Glaubenssymbolen den Hut zu ziehen. Man kann von einem in den meisten Fällen unfreiwilligen Zuschauer kirchlicher Straßenunizüge nicht verlangen, daß er seiner eigenen religiösen Überzeugung zuwiderhandelt, um die Empfindungen der gläubigen Menge zu schonen. Nun befaßt sich die Wiener „Arbeiterzeitung" mit dem Fall .Bock. Wendet sich der sozialdemokratische Gerichtsreporter gegen den Gewissenszwang, den das vorliegende Urteil bedeutet? Das darf dem „Freiheitssinn" des armseligen Zeilenschinders, der die Gerichtssaalberichte der „Arbeiterzeitung" macht, nicht zugemutet werden. Es handelt sich um einen Juden, um einen galizischen dazu, und die „Arbeiterzeitung" darf um keinen Preis in den Verdacht der Judenfreundlichkeit und des Philosemitismus (fi donc!) kommen. Dieses Organ der österreichischen Sozialdemokratie, richtiger der deutschen und polnischen Sozialdemokraten Österreichs — die ' Cr ° o □□□□□] O \ <v o —v Tschechen lehnten es ab, die Arbeiterzeitung als ihr Zentralorgan zu" betrachten! — sympathisiert unverhohlen mit dem reaktionären Richterspruch. Mit dem Oberlandesgerichtsrat Kurzweil hält sie den „jüdisch-theologischen Teil der Verantwortung für eine Ausrede," das Verhalten Bocks ist dem Schmock der Gerichtssaalrubrik „Taktlosigkeit", „Manierlosigkeit", „allerreaktionärster Fanatismus". Urteilt ein Christlichsozialer oder Klerikaler anders? Das Schönste ist aber, wie der erbarmungswerte „Demokrat" und „Sozialist" die ganze Angelegenheit in eine zionistische umwandelt. Der Bericht führt die Überschrift „Ein Zionist bei der Auferstehung," und der Zusammenhang mit dem Zionismus wird auf folgende sinnreiche und belehrende Art hergestellt: „Der Gedankengang, aus dem heraus der junge Mann aus Galizien die Taktlosigkeit beging, ist leicht verständlich. Er ist in dem sogenannten Glaubenseifer der frommen östlichen Juden auferzogen, die die „Wundertaten", die ihre Religionsbücher erzählen, für lauterste Wahrheit halten und bloß die „Wunder" der andern Religionen als nicht geschehen und darum die Bekenner der andern Religionen als Götzendiener ansehen. Der Zionismus hat nun diesen allerreaktionärsten Fanatismus zu einer „modernen" Sache gemacht, und da die zionistische Betätigung nicht zum letzten von Arroganz diktiert ist, die sich besonders darin äußert, daß die zionistischen Symbole auch bei festlichen Veranstaltungen Andersdenkender aufgepflanzt werden, wollte der junge Mensch auch bei der „Auferstehung" mit seinem zionistischen Mute paradieren." Wenn ein Mann wie Otto Bauer die „Judenfrage" von Marx noch jetzt als ein klassisches Werk über das jüdische Problem, als ein Muster nationaler Vorurteilslosigkeit empfiehlt, dann ist es kein Wunder, wenn ein gedankenloser Mauschel, wie der zitierte Skribifax, die Triebkraft des Zionismus in der Arroganz erblickt, in der berühmten „jüdischen Arroganz" natürlich. Beachtenswert ist freilich die Art und Weise, die wir nicht näher qualifizieren wollen, wie sogenannte sozialdemokratische Journalisten die Arbeiterschaft über Judenfrage und Zionismus unterrichten. Es ist nicht neu, daß die „Arbeiterzeitung" dort, wo es ihr nicht paßt, „jüdisch" zu sagen, die Bezeichnung „zionistisch" gebraucht. Die „Neue Freie Presse" ist ein antizionistisches, jüdisch-assimilatorisches Organ — für die Arbeiterzeitung ist sie ein „zionistisches Börsenblatt." Christlichsoziale und Deutschnationale hetzen gegen die Wiener Tschechen, — die „Arbeiterzeitung" bringt das Unerhörte zuwege, die Straßenunruhen der deutschnationalen und christlichsozialen Fenstereinwerfer als ein „zionistisches Diktat" hinzustellen. Sie kann sich freilich darauf berufen, daß auch der polnische Sozialist Daszynski REVUE DER WOCHE