Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316428--53318-3347094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ganzen Habitus nach, nichts ferner lag, als solcher Selbstmord. Geiger spielt geradezu mit dem Feuer. Der „Fortschritt", wie er die kleinen und kleinlichen „Reformen" im Gottesdienst hochtrabend nennt, steht ihm höher, als die Einheit des Judentums. Hätte Geigers Anhängerschaft so viele Tausende gezählt, wie sie Einzelne zählte, — er hätte sicherlich keine Gewissensbisse empfunden, das jüdische Volk zu zerreißen und sich mit seiner Anhängerschaft als eine Sekte etabliert, die wohl nicht einen Fußbreit Erde unter den Füßen gehabt hätte und darum sehr bald irgendwohin weggeweht worden wäre, von woher es kein Zurück gibt - . . Zum Glück aber kannte das jüdische Volk ihn nicht und wußte nichts von ihm, wie er das jüdische Volk nicht kannte und von ihm nichts wußte. Das jüdische Volk! Geiger konnte dieses Wort nicht hören, ohne geradezu krank zu werden. Der Haß gegen jüdisches Volkstum war bei ihm geradezu krankhaft. Ein krasses Beispiel für viele wird diese Krankhaftigkeit illustrieren. Die Gemeinde in Worms versendet (ich glaube, es war im Jahr 1853) einen Aufruf an andere jüdische Gemeinden mit der Bitte um Unterstützungen zur Erhaltung mancher historischer Denkmäler. In aller Unschuld schreibt sie: „. . . . daß kein Volk der Erde das Andenken an seine Verstorbenen mehr ehrt, als Israel." Über diesen sicherlich unschuldigen Satz, der wahrlich noch kein Baseler Programm andeutet, gerät Geiger in Harnisch .... „Muß denn immer das nichtexistierende „Volk" paradieren? Darf von Israel nicht als der Glaubensgenossenschaft gesprochen werden?" So lächerlich klein kann dieser große Gelehrte werden, wenn er das Wort Jüdisches Volk aussprechen hört, und darob in unbändige Wut gerät, da ja das jüdische Volk — nicht existiert. Und wie und wo sollte es denn für Geiger existieren? Die Millionen in Osteuropa sind ja das reine Nichts, weil sie „Ringellocken" tragen, im „Chassidimstübel" sitzen und „verzwickte Gedanken und rohe Empfindungen" haben. (Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Bd. X, Aufsatz: Geld oder Geist" II.) Die Orthodoxie in Deutschland, die Alt- und Neuorthodoxie, ist ja erst recht nichts, weil sie sich von Geiger nicht reformieren läßt. Die hundert — damals waren es schon wohl an die fünfhundert! — Anhänger Geigers aber bekennen sich nicht zum jüdischen Volke, also: existiert es nicht. Was zu beweisen war. Für Geiger war eben nur das wirklich, „quod est in actis", was irgendwie in seinem Gesichtskreise war, daher nur die Bücher und die Handschriften und seine — Anhänger. Aus all dem hat er sich ein Gehäuse gezimmert, in dem er lebte und — zu wirken glaubte. Waren aber die Tatsachen in offenkundigem Gegensatz zu dieser seiner „Wirklichkeit", dann war es eben, wie bei jenem Professor, sehr traurig — für die Tatsachen .... Was Geiger am meisten beunruhigt, ist der Widerspruch zwischen dem Verlangen nach Gleichberechtigung und dem jüdischen Volksbewußtsein. Er weiß es wohl, daß der große und mutige und wohl auch einzig erfolgreiche Vorkämpfer für jüdische Gleichberechtigung, Gabriel Riesser, solche Skrupel nicht hatte. Riesser wollte kein Jota von seinem historischen jüdischen 1 ewußtsein für die Bürgerrechte eintauschen, weil er <-iese nur auf Grund der Menschenrechte und der Bürger-? 'ichten forderte, jedes schmähliche Tauschgeschäft;!w stets ablehnte. Geiger aber sagt: „Die Rechte eines Bürgers im Vaterlande erlangen und ein Palästiner (sie!) bleiben in Sitten, Sprachen und Wünschen, ist Unsinn!" Wegen der Bürgerrechte fordert Geiger von den Juden ein restloses Auf- und Untergehen. Charakteristisch für Geiger ist die leichte Art, mit der er über Mendelssohns prächtige Worte hinweggeht, die dieser einst an Herz Homberg zur Begründung seines Festhaltens an der altjüdischen Tradition geschrieben hat. Mendelssohn sagt dort, daß die Völker mit uns Juden eine Vereinigung eingehen wollen, wie die Wölfe mit den Schafen und Lämmern. Sie wollen eben aus dem Lamm- und Schaffleisch Wolffleisch machen. Gegen dieses Aufgefressenwerden wehrt sich aber der instinktsichere Lebenstrieb des Judentums. Geiger hat für diese kraftvollen Worte bloß ein Achselzucken und die durchaus unwahre Behauptung: „Die Zeit ist darüber längst hinausgeschritten." Wir wissen es heute besser: die Zeit ist darüber nicht hinausgeschritten, trotzdem mehr als 40 Jahre seitdem wieder verflossen sind, und sie wird noch nach weitern hundertmal vierzig Jahren nicht darüber hinausschreiten. Solange es Juden geben wird, die als Juden werden leben wollen, werden sie sich gegen das Aufgefressenwerden, oder wasdasselbe ist, gegen die Assimilation wehren. Der Gedanke an die Einheit oder Solidarität des Judentums ist Geiger so gründlich, so seelentief verhaßt, daß er — der sonst ein guter und wohltätiger Mensch gewesen sein soll — selbst die Philanthropie, die im Namen dieser Solidarität geübt wird, oder etwa in der Folge zu ihr führen könnte, aufs strengste verurteilt. Man soll nicht die notleidenden rumänischen Juden unterstützen, man braucht nichts für die armen Juden in Rußland zu tun. Das ist alles „alte auf einer falschen Solidaritätsvorstellung begründete Allerwelts-Bettelei". Er spricht darum mit einer Bitterkeit von den „Alliancen und Gemeindebünden", mit der die heutigen irdischen Überreste der Assimilation etwa nur vom — Zionismus reden. Die böse Alliance ist es, die die endgültige Erlösung, das Hereinbrechen des wirklichen messianischen Zeitalters aufhält, wie es heute, nach Ansicht derselben „Alliancen und Gemeindebünde" eben die bösen Zionisten tun. Die Alliance, besonders die Alliance des ersten kühnen Fluges, die Alliance der sechziger und ersten siebziger Jahre beging ja noch das für Geiger geradezu fluchwürdige Verbrechen, daß sie Palästina wieder zu erwecken versuchte. Und Geiger weiß es ja so totsicher: „Ein Jerusalem mit einer mächtigen jüdischen Bevölkerung wäre die Zwingburg des Judentums, wäre ein jüdisches Rom". Eine Zwingburg? Warum nicht eine Hochburg? Ist es nicht schon einmal so gewesen? Jerusalem zur Zeit des zweiten Wiederaufbaues ist, gerade nach Ansicht des Bibelkritikers Geiger, erst recht zu dem geworden, was seinen für die Jahrtausende unverlöschbaren Glanz begründet hat. Warum soll es dann zum dritten Male nicht möglich sein? Nicht möglich sein, jetzt, nachdem wir zwei Jahrtausende durch die ganze alte und neue und neueste Welt gewandert sind? Der Historiker Geiger weiß es aber besser. Er, der die Geschichte kennt, den mächtig fließenden Kraftquellen des vollen Lebens aber ahnungslos und verständnislos gegenübersteht, entscheidet inappellabel: „Rom wird . . . keine gesunde Hauptstadt eines neuen Reiches werden.