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Die Welt · 1910-06-03 · 22 (3.6.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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536 DIEMKE LT NO. 22 ABRAHAM GEIGER (Zu seinem 100. Geburtstage) Von Dr. O. Thon, Krakau Jawohl, — auch an dieser Stelle soll an dem Gedenktage von ihm gesprochen werden; von ihm, der ein Schöpfer und Meister der jüdischen Wissenschaft gewesen, der . das Schrifttum unseres Volkes vom ersten bis zum letzten Worte kannte, der für die Kenntnis und Erkenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur Großartiges, geradezu Unvergängliches geleistet. Aber es wäre eine sündhafte Selbstverleugnung, wollten wir selbst an seinem Gedenktage ihm bloß Worte der Anerkennung und der Ehrerbietung zollen, ohne mit aller Energie und Entschiedenheit sein Streben und sein Wollen zu verurteilen, das sich auf die Gegenwart und die Zukunft des Judentums bezog. Abraham Geiger wollte nämlich nicht bloß ein Forscher und Gelehrter sein, er wollte vielmehr ein Reformator des Judentums werden. Schon im Jahre 1841 schreibt er, der damals Einunddreißigjährige, an Zunz: „Übrigens bin ich jetzt weit weniger gestimmt, Geschichte zu schreiben, als Geschichte zu machen." Und die Art, wie er jüdische Geschichte machen wollte, ist genau der Gegensatz von dem, wie der Zionismus die Geschichte des jüdischen Volkes lenken und machen will. Geiger wollte abbrechen, wir wollen fortsetzen, Geiger wollte abschließen, wir wollen von neuem anfangen; was uns heiliges Ideal ist, war ihm ein Gegenstand frivolen Spottes, woran wir mit aller Kraft der Seele glauben, das hat er fanatisch geleugnet. Und nun, da sich jetzt, fast 36 Jahre nach seinem Tode, der Sieg zweifellos uns zuneigt, während Geigers Bestrebungen auf der ganzen Linie endgültig bankerott sind, werden wir auch an seinem Gedenktage dem Triumphe unseres Lebenswillens über sein Auflösungsideal laut und lebhaft Ausdruck verleihen. Doch zunächst einiges über die „Haben"-seite seines tatenreichen Lebens. Abraham Geiger war noch sehr jung, als er mit seiner außerordentlich reichen und fruchtbaren literarischen Arbeit anfing. Schon als Zweiundzwanzigjähriger gewann er einen Bonner Universitätspreis mit einer Schrift über die Preisfrage: „^ber die jüdischen Quellen des Koran.~ In dieser Erstlingsarbeit zeigen sich schon alle Vorzüge von Geigers wissenschaftlicher Begabung: immenses Wissen, erstaunlicher Scharfsinn und große Klarheit der Darstellung. In der Folge, d. h. während mehr als vierzigjähriger wissenschaftlicher Arbeit gab es fast keine Frage der jüdischen Wissenschaft, in die er nicht hineingeleuchtet hätte. Die fünf Bände der „Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" und die elf Bände der „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" stammen fast ganz aus seiner Feder. Viele Monographien behandeln in glänzen^ der, mitunter sogar in abschließender Weise, Einzelprobleme oder Einzelpersönlichkeiten aus der jüdischen Wissenschaft. Seine Vorlesungen über „das Judentum und seine Geschichte", die nachher in drei Bänden veröffentlicht wurden, erzählen in ebenso lichtvoller wie prägnanter Weise den Werdegang des Judentums von der Urzeit bis zum 16. Jahrhundert. Der Laie ahnt freilich nicht, wieviel Gelehrsamkeit in diesen mühelos hingesprochenen Vorlesungen steckt, in denen der ganze wissenschaftliche Apparat im Hintergrunde bleibt und in keinem Punkte zum Vorschein kommt. Von wesentlich anderm, ungleich schwererem Kaliber ist Geigers wissenschaftliches Hauptwerk: „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der innern Entwicklung des Judentums". Ein wahres Standard work! Bis auf Geiger war die Bibelkritik fast ausschließlich Domäne der protestantischen Theologie, die, unbeengt und ungehemmt von irgendwelcher Kenntnis der nachbiblischen jüdischen Quellen, schalten und wralten konnte nach Herzenslust. Geiger aber zieht alle, aber auch alle jüdischen Quellen heran zur Erklärung des Entwicklungsganges des biblischen Schrifttums. Und man kann es sagen: auch nicht ein einziges Wort von Belang in diesem unübersehbaren Schrifttum ist seinem Forscherauge entgangen. Das und noch vieles andere, — das ich ja hier nicht im einzelnen aufzählen und noch weniger besprechen kann, — ist der überreiche Ertrag von Abraham Geigers wissenschaftlicher Arbeit. Mögen viele der Resultate seiner Forschung heute bereits überholt sein, mögen sogar manche seiner Erkenntnisse von Hause aus nicht genügend begründet oder irrtümlich gewesen sein, — das Ganze seines wissenschaftlichen Nachlasses ist ein reiches Erbe, für'das ihm Dank und Verehrung gebührt. Zweifellos — unter den sogenannten Klassikern der jüdischen Wissenschaft sind nur wenige ihm gleichgekommen, und keiner war größer als er. Zur Aufhellung unserer Vergangenheit hat Abraham Geiger Unvergängliches beigetragen, aber unserer Zukunft hätte er jede Entwicklungsmöglichkeit abgeschnitten, wenn sich nicht der gesunde Instinkt des jüdischen Volkes von ihm abgewendet hätte. Von Hause aus ein Forscher und Gelehrter, — dem aber die Natur zu viel Temperament gegeben hat, als daß er es gar zu lange in der Studierstube und im Bücherstaub ausgehalten hätte, — zog es ihn immer wieder hinaus in die Aktivität des Lebens. Aber da fehlte ihm jeder Sinn und jedes Verständnis. Für ihn war das Judentum eingeschlossen in der winzigen Gemeinde seiner Gesinnungsgenossen; die 10 Millionen aber, die jenseits dieser Hundert standen, lebten und leben wollten, waren ihm Dunst. Im Jahre 1836 berichtet er mit tiefem Stolz und voller Genugtung, daß seiner „Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" im letzten Monat — drei neue Abonnenten hinzugekommen sind. Und außer sich vor Freude und Siegesgewißheit ruft er aus: „Der Fortschritt der Verbreitung derselben (nämlich der Zeitschrift) wächst nach Monaten . . . nicht etwa bloß nach Jahren . . . ." Das sind seine Maßstäbe für große Bewegungen. So vollständig fremd steht er dem Leben gegenüber. Und doch bildete er sich ein, dieses Leben beeinflussen und meistern zu können. Es gab eine Zeit, bis gegen Mitte der Vierziger Jahre, wo Geiger sich im stillen die Rolle eines jüdischen Martin Luther beilegte und auf den Bruch, die Trennung, das — Schisma gerne hingewirkt hätte. „Was vermag uns bei unserer innern Zerfahrenheit zu retten? Ich weiß nichts anderes als ein Schisma". So schreibt er im Jahre 1841 an Zunz, dem freilich seinem

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