Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 21 DIEIaKELT 527 deutlichst zu erkennen gibt, daß wir es mit einigen übelwollenden Reaktionären zu tun haben, die wahrscheinlich nicht nur den Juden, sondern auch dem neuen Regime eins am Zeuge flicken möchten, indem sie alarmierende Nachrichten über angebliche Gefahren verbreiten, die aus der Haltung der neuen Regierung erwachsen sollen. Es ist auch bezeichnend, das alle die wackeren Nazarener mit einer einzigen Ausnahme wirklich nur Christen sind; es ist also durchaus wieder diese Seite, von der aus das antisemitische Gift auf die islamitische Welt übertragen wird. Wie wir das seit seinem Bestehen nicht anders von ihm gewohnt sind, hat wieder der „Jeune Türe" in freimütiger und tapferer Weise die Sache des Judentums verteidigt. Er hat die falschen Ziffern und Nachrichten rektifiziert und die treibenden Ursachen dieser Hetzereien ins Licht gerückt. Er hat auch der „Turquie" gehörig heimgeleuchtet, indem er die wohltätigen Begleiterscheinungen der jüdischen Einwanderung der gefährlichen „Penetration paeifique" der russischen Klöster und Schulen gegenüberstellte, deren wahrscheinlich glänzend remunerierten Interessen die „Turquie" so warm in ihre Hände nimmt. Der „Jeune Türe" hat ein übriges getan, indem er sich an das Ministerium des Innern wandte, um festzustellen, was die behaupteten Dinge Wahres an sich hätten. Das Ministerium autorisierte den „Jeune Türe", zu erklären, daß es keinerlei Kenntnis von einer Massenankunft von Juden in der Gegend von Nazareth besitze. „Diese Nachrichten", so lautete der Bescheid des Ministers, „können nur der Ausdruck der Interessen von Privatpersonen sein, sie zielen auf durchaus persönliche Zwecke hin und sind infolgedessen absolut tendenziös." Gegenüber der antijüdischen Haltung der eingangs genannten Zeitungen berührt überaus wohltuend die Stellungnahme des „Tanin". In seiner Nummer vom 12. Mai widmete dieses Blatt den Juden einen sehr warmen Artikel. Die hebräische Sprache in der Türkei In der Rede, die der Chachambaschi Rabbi Nahum in der großen Synagoge der Talmud Thora in Salonik hielt, legte er besonderes Schwergewicht auf die Notwendigkeit und die Pflicht der Juden, die hebräische Sprache zu erlernen. Hierauf nahm der Großrabbiner Rabbi Jakob Meir von Salonik das Wort und sagte, er habe seit langem an der Verbreitung der hebräischen Sprache in Salonik gearbeitet. Eben deswegen sei er bei einer gewissen Gruppe nicht wohl gelitten und als Zionist verschrien. Was müßten diese Gegner jetzt nun gar vom Chachambaschi Rabbi Nahum sagen, dessen Gefühle sich soeben kundgegeben hätten? — Die neugegründete „Iwriah" in Konstantinopel erhält aus verschiedenen Vororten Gesuche um Einrichtung hebräischer Abendkurse. So hat auch der Klub von Ortaköj die -Überlassung seiner Klubräume für diese Kurse angeboten. Auch in Hasköj und Balat haben sich viele junge Leute an die „Iwriah" gewendet. Für den Moment ist es dem Verein noch nicht möglich, an die Gründung dieser Kurse heranzugehen; insbesondere fehlt es an Mitteln zuj Honorierung der Lehrkräfte. Er hat sich einstweilen an verschiedene Stellen im Auslande gewendet, um Unterstützung für diese eminent wichtige und außerordentlich aussichtsreiche zionistische Arbeit heranzuziehen. Hoffentlich krönt dieser Bemühungen ein reicher Erfolg. Der „Makkabi", mit Volldampf voraus, wie immer, hat inzwischen den Beschluß gefaßt, seine Mitglieder so schnell wie möglich in den Gebrauch der hebräischen Sprache einzuführen. Der erste Teil einer jeden Turnstunde soll diesem Studium gewidmet werden. In Hasköj nehmen diese Kurse sofort ihren Anfang, da die Herren ElNekawo, Herausgeber des„Judio", und Marco Kamehi sich für unentgeltliche Erteilung der Kurse bereit erklärt haben. Die jüdische Jugend und die türkischen Regierungsschulen Aus Palästina und andern Ländern wenden sich viele jüdische junge Leute an das Informationsbureau des Odessaer Komitees, sowie an hiesige Persönlichkeiten um Auskunft über die Bedingungen der Aufnahme an den türkischen Staatsbildungsanstalten. Allen diesen kann mitgeteilt werden, daß die Regierung zwar der Aufnahme fremdländischer Untertanen als Mittel- und. Hochschüler keinerlei Schwierigkeiten in den Weg legt, daß jedoch von allen eine einigermaßen gründliche Kenntnis des Türkischen verlangt wird, ohne die auch eine Teilnahme am hiesigen Unterricht als unmöglich anzusehen ist. Die um Aufnahme Nachsuchenden müssen sich deshalb einer Sprachprüfung unterwerfen; die Aufnahmebedingungen anderer Länder sind also nicht im vorhinein für die Türkei genügend. Jedoch stehen nach Abschluß dieses Studienjahres auch in dieser Hinsicht noch Erleichterungen in Aussicht. Reise des Chachambaschi nach Palästina Anfangs Juni gedenkt Rabbi Nahum endlich seine große Reise nach Palästina anzutreten. Er will Jerusalem und die übrigen größeren Städte, sowie die jüdischen Kolonien besuchen. Wie die „Aurore" meldet, werden ihn wahrscheinlich der Deputierte Nissim Masliah und der Präsident der Gemeinde Salonik, Jakob Modiaro, auf dieser Reise begleiten. Aus Palästina Montefiores Wagen im Bezalel-Museum Jerusalem, 4. Mai. Heute ist das seit einigen Wochen schon erwartete außergewöhnliche Geschenk für das Bezalel-Museum, der Wagen Moses Montefiores, nach dem Gebäude des Bezalel gebracht worden. Der Wagen, mit dem Montefiore und seine Frau ihre denkwürdigen Reisen ausgeführt hatten, ist nicht nur eine höchst wertvolle historische Reliquie, ein Andenken an den großen Juden und einen der ersten und besten Zionisten, welches im jüdischen Nationalmuseum für immer aufbewahrt zu werden verdient, sondern auch ein sehenswürdiges Kunstwerk. HerrRev. Hechler, Kremenezky und andere zionistische Freunde aus Wien haben den Wagen dem Bezalel geschenkt. Allein der Transport des Wagens von Wien nach Jerusalem hat nahezu 1500 Frs. gekostet. Neuer Arzt in Chederah Chederah, 10. Mai. Unserer Kolonie gelang es schließlich nach vielfachen Bemühungen, einen Arzt zu engagieren. Herr Dr. Brünn aus Berlin, der auf einer Studienreise durch Palästina auch unsere Kolonie besucht hat, hat sich bereit erklärt, zunächst provisorisch die vakante Stellung eines Arztes bei uns zu übernehmen. Das Jubiläum Karl Goldmarks Der berühmte Komponist Karl Goldmark feierte am 18. d.M. das Fest seines 80. Geburtstages. Goldmark wurde im Jahre 1830 als Sohn des jüdischen Kantors in Keszthely (Ungarn) geboren und wurde von seinen Eltern ursprünglich selbst für den Kantorenberuf bestimmt. Aber bald trieb es ihn nach einer Stätte, wo er sein musikalisches Talent ausbilden und zur Reife bringen konnte. Siebzehn Jahre alt, kam er nach Wien, wo er im Konservatorium die Grundlagen der Harmonielehre, außerdem Violin- und Klavierspiel lernte. Im Jahre 1848 mußte er sich infolge der Revolutionswirren nach Ungarn zurückziehen, wo er als Autodidakt tiefer in das Studium der klassischen Tonwerke eindrang. Er lebte in Ofen und Raab und kehrte im Jahre 1850 nach Wien zurück, wo er Mitglied des Karl-Theater-Orchesters wurde und alsbald eine äußerst fruchtbare und schöpferische Tätigkeit als Komponist entfaltete. Er schrieb eine große Anzahl Opern, u. a. „Die Königin von Saba", die man als eine echt nationaljüdische Oper bezeichnen kann und die zugleich das bedeutendste Werk des Meisters ist und seine musikalische Eigenart am deutlichsten ausprägt. Goldmark schrieb ferner zwei Symphonien, das symphonische Tonwerk „Zriniy", zahlreiche Ouvertüren, Violin- und Klavierkompositionen, Lieder u. a. — Goldmark war anläßlich seiner Jubelfeier Gegenstand begeisterter Ovationen. Der Kaiser von Österreich verlieh ihm das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft. Die philosophische Fakultät der Budapester Universität ernannte ihn zum Ehrendoktor. Unterrichtsminister Graf Stürgkh sandte ihm ein herzliches Gratulationsschreiben. Das Wiener Hofoperntheater veranstaltete eine Fest vorstell ung, in der Goldmarks „Götz von Berlichingen" gegeben wurde. Am 21. d. M. traf der greise Meister in seiner Geburtsstadt Keszthely ein, die er seit seinen frühesten Kindestagen nicht mehr gesehen hatte. Hier wurden rauschende Feste zu Ehren des Jubilars veranstaltet. Ein Festbankett fand statt, an dem die Spitzen der Gesellschaft teilnahmen. An dem Geburtshause des Meisters wurde eine Gedenktafel enthüllt. Im Rathause versammelten sich die Stadtväter zu einer Festsitzung, in der Goldmark zum Ehrenbürger der Stadt Keszthely ernannt wurde. Abends gaben die Budapester Philharmoniker ein Festkonzert, ferner wurde am Plattensee ein „Venezianischer Abend" mit feenhafter Beleuchtung veranstaltet. Interessant ist, daß der jüdische Kantorensohn in seiner Geburtsstadt Gast des Ordenshauses der Prämonstratenser war.