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Die Welt · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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526 DIE^ELT No. 21 Gedanken, die beträchtlichen Spesen der großen Reise über das Wasser zum größeren Teile zu ersparen und in engerer Nähe produktiv anlegen zu können, haben sie das leicht erreichbare Kleinasien ins Auge gefaßt. In Konstantinopel weilen seit einigen Wochen Sendlinge dieser Massen, um Mittel und Wege, vor allem aber die Gebiete der geplanten Ansiedlung ausfindig zu machen. Sie sind die Vertreter von vorläufig Hunderten, aber täglich sich unheimlich mehrenden Familien aus verschiedenen bessarabischen und südpolnischen Gouvernements, Kundschafter eines ungeduldig drängenden Volkes, das es kaum noch erwarten kann, bis die Stunde schlägt, da sie von ihren Pfadsuchern endlich gerufen werden. Wie ist es dazu gekommen? Es haben erst die seit Verkündigung der Konstitution auftauchenden Bestrebungen jüdischer Politiker, die Türkei für eine Judenimmigration zu erschließen, diesen Gedanken in den Massen vorbereitet; sodann die von führenden Männern der Türkei ergangenen Einladungen an die Juden, in das Osrnanenreich zu immigrieren, stärkere Hoffnungen erweckt; schließlich die anspruchsvollen, nicht völlig verantwortlichen Veröffentlichungen von seiten einer neuen jüdischen Organisation, die Versprechungen auf unmittelbar vor ihrer Realisierung stehende Unternehmungen in die Massen lanzierte, aufregend gewirkt. Nun haben die direkten Rufe, die von obskuren Volksrettern aus den Konstantinopeler Einwandererkreisen ausgingen, zur Tat aufgestachelt. Die hier Eingetroffenen geben an, durch Inserate und Briefe eines gewissen Reichmann veranlaßt worden zu sein, ihr Heil zu versuchen und sich für ihre Landsleute auf den Weg zu machen. Damit ist diese große Frage in ein akutes, wenn man will, in ein gefährliches Stadium eingetreten. Denn es steht außer Zweifel: werden die gehetzten, russisch-jüdischen Massen sich wirklich jetzt sofort in Bewegung nach Kleinasien setzen, so haben wir eine Katastrophe schlimmster Art zu gewärtigen. Nichts ist vorbereitet. Niemand ist da, der heute imstande wäre, den Ankömmlingen auch nur die Punkte anzuweisen, an denen sich mit einiger Aussicht auf Erfolg eine jüdische Ansiedlung bewerkstelligen ließe. Nichts ist vorgesehen, sie vor Ausbeutung durch gewissenlose oder einfach unwissende Vermittler zu schützen und ihnen Ruhe und Sicherheit am Niederlassungsorte zu gewähren. Keine Instanz, die sie fachmännisch über die anwendbaren Kulturen und über die allgemeinen Eriverbsmöglichkeiten, über Verkehrs- und Transportwege, über die juristischen Formalitäten beraten könnte. Jede, auch die primitivste Kenntnis der Vorbedingung für diese Einwanderung mangelt. Schon die wenigen Gruppenführer, die zur Vorbereitung des Nötigsten ans Werk gingen; haben diesen Notstand bitter zu spüren bekommen. Ohne die geringste Ahnung von der Landessprache, seinen ökonomischen Verhältnissen und Verkehrsbedingungen, sind sie willenlos unverantwortlichen, obskuren Helfern in die Hände geliefert, die ihnen bislang zu nichts verholfen haben, sie aber dafür um viele Hunderte von Rubeln erleichterten. Den jüdischen Organisationen, die sich mit der Regelung der Emigration befassen, ist der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie nicht beizeiten auch in der Richtung des Orients Vorsorge getroffen haben. Das Kommende war einigermaßen vorauszusehen. Bei der Steigerung des furchtbaren Druckes in Rußland und der Erschließung der Türkei für eine neuzeitliche Zivilisationsentwicklung mußte der Prozeß des Abströmens der Massen auch nach dieser Seite früher oder später eintreten. Der Zionismus hat schon seit Jahren, ganz besonders in der Berufung der Brüsseler Konferenz, auf diese Eventualität hingewiesen und die Arbeit sämtlicher großen Organisationen auf den Orient hin zu vereinigen gesucht. Er selber hat ein begrenztes Aktivitätsfeld und kann nur seine moralische Mitbeteiligung an der notwendigen Organisationsarbeit, soweit sie nicht Palästina und dessen Nachbarländer betrifft, bieten. Aber er hat die dringende Pflicht, aufs neue, ganz im Sinne der Brüsseler Konferenz, ans Werk zu rufen und, soweit es unbeschadet seiner Programmaufgabe geschehen kann, seine Menschen- und wirtschaftlichen Kräfte, die er im türkischen Orient schon besitzt, zur Initiative und Mitarbeit zur Verfügung zu stellen. Wir haben immer den Standpunkt vertreten, daß zu einer wahllosen, ganz besonders zu einer zerstreuten Kolonisation jüdischer Massen in der europäischen und asiatischen Türkei nicht zu raten ist. Wir können auch heute in Anbetracht des vorläufigen Tiefstandes im ganzen ökonomischen Leben der Türkei, der Unsicherheit der gesetzlichen Grundlagen und in vielen Gegenden auch des Lebens und Eigentums, nicht dazu raten. Gelänge es, von der Regierung die Erlaubnis zu geschlossenen größeren Siedlungen auf der Basis der Agrikultur, an fruchtbaren, friedlichen und durch die Staatsautorität geschützten Gegenden zu erhalten, so wäre das etwas anderes. Trotzdem können wir uns an einer Warnung der russischjüdischen Massen nicht genügen lassen. Wer Männer wie die ' Sendlinge unserer verzweifelt zur Auswanderung drängenden Brüder hier gesehen und gehört, der hat das Herz nicht dazu. Es gilt, mit der Tatsache zu rechnen, da/3, gleichviel, ob sie gewarnt werden oder nicht die Scharen sich in Bewegung setzen und in der Türkei eintreffen können. Jeder Tag kann die erste Flutwelle herüberbringen. Angesichts dessen ist alle .theoretische Gegnerschaft außer Spiel gesetzt, und man ist gezwungen, zur aktiven Hilfe zu greifen. Wehe den Immigranten und uns, wenn man zu spät damit beginnt. Darum heißt es, beizeiten das öffentliche Gewissen aufrütteln. Was not tut, ist ein Emigrationsbureau in Konstantinopel mit agronomischen und juristischen Mitarbeitern, das ein Netz von Auskunftsstellen herstellt und imstande ist, den Einwanderern alle Informationen über Land, Leute, Bodenwerte, Erwerbschancen, Verkehrsmittel usw. zu liefern. -Nur dieses Minimum von Hilfe kann die ratlos Anlangenden vor dem grauen Elend und die ganze Emigration im Orient vor einer Katastrophe bewahren. Eine neue Liga Mit ganz frischem Elan wird gegen unsere Bewegung Front gemacht. Gleichgestimmte Kämpen haben sich in der Dunkelheit zusammengefunden, um gemeinsam auf den Zionismus und das Judentum überhaupt loszuschlagen. Da ist das famose Organ „Carmel" in Haifa, das unsertwegen schon wiederholt mit der Justiz in Konflikt geraten ist; da ist der große „Jeni-Ikdam" in Stambul und am Ende die kleine „Turquie" in Konstantinopel-Pera. Es ist wundervoll, wie diese, offenbar von den gleichen Drahtziehern vorgeschobenen „Mächte" sich gegenseitig in die Hände arbeiten, um die erfinderischen Halluzinationen einiger Interessierter in den Klimbim einer großen Staatsgefahr empoizuschwindeln. Hinter dem „Carmel" stehen ein paar christlich-arabische Wucherer und Bodenspekulanten, hinter dem „Ikdam" eine Reihe ebenfalls echt christlich gesinnter Volksvertreter der sogenannten Opposition und hinter der „Turquie" Rußland. Fast hätte ich den altberühmten und bewährten „Taswiri-Efkiar" unseres speziellen Freundes Ebbuzzia Tewfik vergessen, den zu seinem Leidwesen auch die letzte demagogische Anzettelung vor dem Verenden nicht mehr hat retten können. Mit dem antisemitischen Schwanengesang auf den Lippen ist er dahingegangen -rungestörtester Friede sei seiner Asche! Der Ex-„Taswiri-Efkiar eröffnete vor einigen Tagen den Reigen. Er berichtete voll Schrecken von einem ihm seitens Haifaer Notabein zugegangenen Proteste: die ununterbrochene Immigration von Juden in Palästina zerstöre die Ruhe des Landes (siehe die unaufhörlichen Kirchenkämpfe der orthodoxen Araber)! „letztens", so sagte der Protest, „sind ungefähr 100000 Einwanderer hinzugekommen, um so die Zahl der schon vorher Immigrierten gewaltig in die Höhe zu treiben. Sie kaufen Farmen und Boden unter geborgten Namen — —" Nach dieser vielversprechenden Ankündigung trat die bis dahin „in judaicis" noch ganz unschuldige „Turquie" auf den Plan. Ihr Debüt war aber sofort ein außerordentliches zu nennen. Sie gab nicht nur den „Protest" aus dem „Taswiri-Efkiar" wieder, sondern fälschte den letztangeführten Satz noch dahin um, daß er lautete: „Der Zionismus gibt uns hypothekarische Darlehen und eignet sich am Ende unsere Farmen und Felder an. Und damit nicht genug, fügte das wackere, durch seine Chantage-Praxis bekannte Organ noch nachdrücklich aus eigenem hinzu: „Das ist, scheint uns, ein Punkt den der Staatsrat peinlichst genau untersuchen sollte bei der Erörterung der Klauseln des Bodenkreditinstituts, mit dessen Konzessionierung er sich gegenwärtig zu beschäftigen hat." Diese ungenierte Denunziation zeigt unverhüllt, worauf es der famosen „Turquie" eigentlich ankommt: das Konzessionsgessuch des Me. Salem auf Gründung eines Credit fonsies wahrscheinlich im Auftrage eines Konkurrenten oder antisemitischer Faktoren, die in russischer Nähe gesucht werden müssen, zu hintertreiben. Der zweite Streich wurde vom „Jeni-Ikdam" geführt. Er veröffentlichte folgendes Telegramm aus Nazareth: „Die Ankunft einer großen Anzahl jüdischer Einwanderer aus dem Auslände in dieser Gegend ist eine Ursache großer politischer und ökonomischer Schädigungen. Vormals war es ihnen verboten, sich hier niederzulassen. Die ganze Presse (sie!) gibt einmütig zu, daß die Zionisten die Absicht hegen, unsere Besitztümer zu „expropieren". Diese Pläne sind eine Frage um Leben und Tod für uns. Wir lenken die Aufmerksamkeit der kompetenten Behörde hierauf. Gez.: Muschtar Anthos (orthodox), Nassara Said (Muselman), Nassara Halil (protestantisch), Nassara Pathon (lateinisch), Nassara Selim (katholisch), Nassara Aarej." Wie nach dem Vorangegangen vorauszusehen, hat die „Turquie" es sich nicht entgehen lassen, auch diese Publikation in ihre Spalten aufzunehmen und in ihrer Weise zu kommentieren. Interessant ist, das die zitierte Depesche sich nicht auf bestimmte Fakten, sondern auf die Meinung der „ganzen Presse" stützt, unter der wohl nur der Haifaer „Carmel" zu verstehen ist. Ferner der Seufzer nach den Fleischtöpfen des „Vormals", der

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