Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 21 DIE^ELT 521 Aus meinem Tagebuch (Buköwinisches) Von Dr. A. Coralnik. II. Karl Bauer So haben wir ihn in übermütigen Augenblicken genannt. Und wenn ein naiver Fremder an unsern Stammtisch im „Cafe Paris" herantrat, pflegten wir ihm diesen .„Germanen" so vorzustellen. Doch wehe dem Fremden, wenn er sich seinerseits gestattete, „Chune Goj" mit seinem deutschen Namen anzusprechen. Denn Chune konnte sehr ungemütlich werden, wenn er gereizt war. Und Fremden gegenüber war er immer sehr mißtrauisch und reserviert. Eigentlich hieß er Chune der Tischler. Ein braver Handwerker vor dem Herrn. Aber in der Stadt hat man längst an seinen Beruf vergessen. Als der „Goj" zog er in das Pantheon von Czernowitz ein und als solchen will ich ihn der Mitwelt vorstellen. Denn er gehörte zu den Sehenswürdigkeiten von Czernowitz, wie das Erzbischofpalais und der „Advokatentisch" im obengenannten Cafe, wo der „Herr Abgeordnete" selbst Stammgast ist. Oberhaupt, spricht man von Czernowitzer Juden und Judenpolitik, so darf der Name Chune Goj nicht unerwähnt bleiben. Ich hatte mit ihm allerdings anfangs einen sehr schweren Stand. Es kostete mich entschieden Mühe und Aufwand aller mir zu Gebote stehenden Überredungskünste, um diesen Bären nur ein wenig zu zähmen, ihn an mich zu gewöhnen. Aber es gelang dennoch. Meine Freunde vom „Advokatentisch" hatten mich schon längst auf ihn vorbereitet. „Da werden Sie einen Typus sehen," hieß es am Schluß aller Beschreibungen. Endlich bekam ich den Vielgenannten zu sehen, von Angesicht zu Angesicht. Da saß so um die zwölfte Stunde unsere Tafelrunde im „Cafe Paris" beisammen. Das Cafehaus ist nämlich eine geheiligte Institution in Czernowitz, beinahe Tradition. Türkischmoldauische Sitte, durch das Beispiel Wiens sanktioniert und zum Kulturelement erhoben. Ganz seltsame Cafehäuser mit zutraulichen Kellnern, mit denen man „Jüdisch" spricht. Man lasse sich durch die extremeuropäischen Namen nur nicht abschrecken. Es ist schon einmal eine besondere Vorliebe des Ostens. In manchen kleinen Städtchen Rußlands findet man die phantasiereichsten Aushängeschilder, die einen etwa an die Rue de la Paix oder die Fifth Avenue erinnern..... Wir saßen also und redeten — Politik, — d. h. wir machten Witze. Zwei Gebiete, auf denen der Ostjude Gewaltiges leistet. Die Stimmung war schon etwas flau. Mir stiegen die czernowitzer Witze zu Kopfe und ich fühlte mich müde und abgespannt. Da öffnete sich die Tür, und eine Hünengestalt trat ein, brummend und schimpfend. Schon beim Eintritt herrschte er in barschem, bärenhaft-gutmütigem Ton die Kellner an. Weg war alles Europäertum, weg alle Deutschtümelei. Der Kellner Leopold oder Hans wurde einfach mit Leibele oder Jojne tituliert. Die Bukowina der alten guten Zeit trat ein. „Ah Chune! Chune, komm her, setz dich zu uns!" Mein Freund, ein behäbiger, sozialistischer Advokat, rief es dem Neueintretenden im breitesten Bukowinaer Idiom zu. Chune kennt nämlich kein „Sie". Er steht noch mit der Welt auf dem Duzfuß. „Zu euch Hallunken gehe ich nicht," lautete die liebenswürdig-galante Antwort, was jedoch kein Hindernis war, daß Chune in demselben Augenblick an unserm Tisch Platz nahm, so bequem, wie er nur konnte. Eine Riesengestalt. Auf den breiten Schultern ein mächtiger Kopf, bartlos, von unbestimmtem Alter. Man hätte den Mann für einen Fünfziger halten können. Dabei war er beinahe ein Achtziger. Ein starker, vulgärer, sinnlicher Mund mit gewaltigen Appetiten, und kleine, listige Augen unter den fast haarlosen Brauen. Ich war frappiert. Also das ist der berühmte Chune Goj! Dieser Mann mit dem Gesichte eines walachischen Wojewoden! Eine halb vergessene Erinnerung stieg in mir auf. Wo ich nur diesen Kopf gesehen habe? Aber ja, das ist Jakob Frank, der wunderliche Pseudomessias von Ywanje, der podolische Sabatai-Zwi, der nachmalige Baron von Offenbach und Begründer der Frankisten-Sekte! Ich vergaß für einen Augenblick die Gesellschaft um mich und stierte in die Augen dieses seltsamen Mannes, der für mich ein „Revenant" wurde. Wie wenn ich in diesen alten Fuchsäuglein das Geheimnis jenes podolischen Abenteurers, jenes jüdischen Cagliostro zu entziffern hoffte. Was war das für eine seltsame Erscheinung! Aus dem Stoffe gemacht, aus dem Menschen- und Seelenherrscher geknetet werden. Irreligiös bis ins Knochenmark, ein Protestierender, Unruhiger, Empörter. Ein Umstürzler des Judentums, aus dem Volke hervorgegangen. Ein Analphabet, der Sektengründer wurde. Ein jüdischer Mohammed ohne die unermeßliche Perspektive der arabischen Wüste. Und wie .seltsam ist doch sein „Buch der Prophetie", das Kraushaar in seiner polnischen Monographie herausgegeben hat! War es nicht die Auflehnung des Jargonjuden gegen seine alte, orientalische, hebräische Vergangenheit? War es nicht ein unbeholfener Versuch, dem neuen, in der slawischen Ebene sich breit hinstreckenden Organismus des Ostjudentums auch adäquate Lebensformen zu geben, die ewige Kluft zwischen dem Sein und dem Seinwollen auszufüllen? Der Versuch mißlang, er war grotesk und barbarisch. Aber die Gestalt dieses Frank blieb wie ein Geheimnis in der jüdischen Geschichte, unerklärt und ungewertet. Ihre rohe Naturmystik zog mich an ... . Hörte ich da nicht seine Stimme vor mir? Chune Goj ließ sich durch meine etwas zudringliche Beobachtung nicht im mindesten stören. Er fragte bloß ganz laut nieinen Nachbarn, wer denn „dieser Daitsch" sei. Als er aber erfuhr, dieser „Deutsche" sei gar ein „Russe", änderte sich plötzlich seine ruhige Haltung, und er erhob sich laut schimpfend. „Mit Russen wolle er nicht beisammen sitzen, das dürfe kein Patriot tun." Es war nämlich um die Zeit des österreichisch-serbischen Konflikts, da der, Krieg zwischen Österreich und Rußland unvermeidlich schien. Chune war aber ein gewaltiger Patriot, und den „Erbfeind" haßte er ganz besonders. Er hatte noch übrigens die russische Invasion in Erinnerung. Grundlos war also sein Haß gegen Rußland durchaus nicht. Es kostete große Mühe, ihn von der Ungefährlichkeit meines „Russentums" zu überzeugen. Der Appell an das Judentum wirkte schließlich, und er setzte sich versöhnt zu uns hin, sein so und sovieltes Glas Kognak