Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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»in die Feste des gleichmäßigen Lebens; denn er hat kein gleichmäßiges Leben. So genießt er nicht mit, sondern denkt über das Genießen nach, und ihn dünkt das Leben als Genießen des Moments — Narrheit. . . . Gab wohl Herzl deshalb seinem Buche den Titel? . . . Doch keinen Spott, keinen Hohn ergießt Herzl über die Narrheit, die er um sich sieht, die Narrheit, die man ein Leben nennt. Denn er war großer an Hoheit der Seele als Heinrich Heine. .. . Darum sind seine Erzählungen im Buche der Narrheit sonnig und hell wrie der Süden, den sie am meisten schildern. •Selten zog wohl damals über Herzls dunkle Augen jener Schatten versonnener Schwermut, der sie noch dunkler machte, jener Schwermutschatten, der seinen spätem Werken etwas Weiches verlieh, die Weichheit von dunklem Samt. Uber der Narrheit, dem Leben, lag Herzls Lächeln, das wehmütige, nachsichtige, gute. . . . Die unendliche Güte strahlt auch von den meisten dieser Erzählungen aus . . . Oft und oft spricht Herzl in diesen Skizzen von den „Enterbten des Glücks/' er spricht gerne von ihnen, von ihren Träumen und von ihren Lügen, mit denen sie sich aufrechthalten. . . . Doch niemals setzt er das grelle Gegenbild der Wahrheit dazu, den abgrundtiefen, lebenvernichtenden Gegensatz des wahren Daseins, das diese Armen führen und selbst nicht sehen dürfen. . . . Denn Herzl kann nicht lachen über Lebenslügen und nicht spotten, er ist gut; er lächelt nur. gütig, liebend. .. . Gleich die erste Skizze erzählt von den „Göttern zweiten Bangesu, den wandernden Schmierenkomödianten, die ihr elendes Sein und ihre elende Kunst durch gegenseitiges Vorlügen echter Größe einander verschönen. Herzl erzählt, er habe sie einst selbst auf ihrem ^Vege geleitet. Ich glaube, das ist wahr, und auf dem Wege hat Herzl ihnen mit seinem Lächeln die Stunden verschönt, und sie waren glücklich; denn er schonte den Phantasiebau, den sie um ihr Leben gezimmert. . . . Ein Golusjude bringt solche Größe nicht auf. Wenn ich diese Skizze lese, so fallt mir immer ihr Gegenstück ein: Ein jüdischer Schriftsteller hat in der Golussprache eine Skizze geschrieben, deren „Held" ein jüdischer Lehrer ist, auch einer, der, um sein Leben vor andern und sich selbst zu wahren, sich aus seinein „zweiten Bange" emporlügt. Aber schonungslos deckt der Autor die Wahrheit auf und wendet noch Witz auf, um den Gegensatz zu schärfen. Diese Skizze ist ekelhaft, golushaft. . . . Diese Lebenslügenarren darf man nicht humoristisch behandeln, aber auch nicht tragisch, um sie zu zeichnen, muß man Herzl sein, wie Herzl fühlen, frei fühlen, wie Herzl schildern, mitGüte schildern,wie Herzl erleben,voll erleben.... Als er dasBuch der Narrheit schrieb, wanderte er mit den kleinen „Göttern zweiten Banges", es zog ihn mächtig zu ihnen. Er wußte, ihr Leben sei Narrheit. Er suchte Leben der Wahrheit und fand es, auch bei Göttern zweiten Banges, und er kam zu ihnen, geleitete sie auf ihrem Wege, lächelte ihnen zu, half ihnen und starb für sie .... und sie sind noch immer Götter zweiten Ranges. ... In der Skizze „Sonne und Schatten" schildert Herzl das römische Ghetto; dort heißt es: „Mit welch"1 niedrigem Haß man sie verfolgte, die armen Leute, deren großes Verbrechen die Glaubenstreue gewesen; wir haben es jetzt viel weiter gebracht: man macht den Juden nur mehr die krumme Nase zum Vorwurf sowie das Geld, auch wenn sie keines haben." Diese Worte stehen im Buche der Narrheit, und sie schrieb Herzl damals, als er die Narrheit der Welt betrachtete; eine der Narrheiten, die Narrheit der Welt ist eben Judentum, die vermillionfachte Ironie auf das Weltleben. So sah Herzl das Judentum, als er, der Sechsundzwanzigjährige, durch das römische Ghetto schritt. ... Und zehn Jahre später war für ihn das Judennarrenspiel zur Tragödie geworden, die ihn mit heiligem, "mystischem Schauer erfüllte, die Tragödie, die er wandeln wolltez um Weihefestspiel eines Volkes. . . . Sechsund - dreißig Jahre war Herzl alt, da war wieder ein Buch fertig, ein Buch, worin die Frucht dessen war, was im Buch der Narrheit dunkel mitklingt, ein Buch, das die Erklärung dafür ist, warum Herzl dem Leben um ihn her mit dem „Buch der Narrheit" geantwortet. Kurze zehn Jahre waren vergangen, und Herzl war Jude geworden aus sich und in sich, mußte Jude. werden, weil er erleben konnte, voll erleben. So war der „Judenstaat" entstanden, und als er fertig war, da mag wohl Herzl oft an sein erstes Buch, das „Buch der Narrheit", gedacht haben. Ob er nicht auch manchmal diesen Titel dem „Judenstaat" geben wollte? Denn Herzl konnte da nicht die Probe am Leben machen. Er hat das, was er im „Judenstaat" schrieb, nur erschaut und nie gesehen, nur aus seinem Innern heraus verallgemeinert, nie aus der Allgemeinheit erschlossen. Ein Künstler, ein Dichter hat den „Judenstaat" geschaffen; und wrenn der nagende Zweifel in der Brust des Künstlers aufkeimte, wenn er an dem Werke seiner Phantasie, an seiner Schönheit zweifelte, da mag er wohl seinem, neuen Werke oft den Titel „Buch der Narrheit" gegeben haben. . . . Und doch war es ein „Buch der Wahrheit", geschaffen aus den urinnersten Träumen einer reinen Künstlerphantasie. . . . Den „Judenstaat" schuf Herzl, der Urjude, der die ureigenen Kräfte und Ideen, die im Juden schlummern, aus sich herausgeholt und geformt hatte. Ein Kunstwerk hatte er geschaffen, und ein Los ward dem Künstler beschieden, von dem nun einmal die Sage meldet: das Kunstwerk bekam Leben und lebte wirklich in seiner ganzen Keine und lebt noch. Was die Sage von Pygmalion meldet, das gelang Herzl. Es gelang ihm, weil seine Künstlerschaft rein war, weil er die Idee aus reiner Seele schöpfte, die nicht angezogen war vom Getriebe der Welt ringsum. Er fühlte dunkel, schon damals, als er das Buch der Narrheit schrieb, das Leben der Welt ringsum sei für den Juden Narrheit, und er sali es nur, aber er lebte sein eigenes Leben, lebte seine eigenen Ideen, lebte wie sein „Solon" .. . Und die reine, reinste Künstlerschaft Herzls liegt schon in der Idee des Buches der Narrheit. Er spottet nicht der Lebensnarrheit, die um ihn tost, er sucht sie nicht zu ändern, er lächelt nur, lächelt das wehmütig-freundliche, nachsichtige, gute Lächeln, sein Lächeln. . . . In Güte lächeln, mitten in dem Leben, das dem eigenen fremd ist, das hat, als der einzige Jude des Golus, Herzl vermocht, hat es vermocht schon damals, als er das Buch der Narrheit, das Buch seiner ersten Begegnung mit dem Leben, schrieb. Und dann hat er aus den Lebensideen, die ihm das ureigene, jüdische Blut zuflüsterte, das Buch der Wahrheit geschrieben, das Buch über das eigene jüdische Leben, Und die ihn hörten, die hörten sich selbst, ihrUrjudentum, das sie erst wieder haben werden auf der Urerde des Judentums. Herzl lebte es schon hieiv Sein Buch der Narrheit ist die Frage, die bänglich-erstaunte Frage, ob dieses eigene Leben wirklich vorhanden sei, und der „Jüdenstaat" ist die aus dem Urinnern hallende Antwort, die erlösende Antwort des Urjuden auf das Golus. Und „wir werden seinesgleichen nicht mehr sehn, im Golus nicht, vielleicht . . . einst, einst. ... So las ich Herzls „Buch der Narrheit". Wien, im xMai 1910. Siegfried Schmitz.