Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 21 DIE ELT 519 gegen die jüdischnationalen Bestrebungen geradezu wie ein Bluthund losgeht. Der schwerste Schlag aber ist es, daß die Regierung bei der bevorstehenden Volkszählung einer separaten Rubrik für die Nationalität keinen Raum geben will. Dadurch macht sie allen nationalen Minderheiten unmöglich, ihre Nationalität bei der Volkszählung überhaupt zu dokumentieren. Uns Juden gegenüber geht aber die Regierung ia ihrer Unduldsamkeit noch weiter. Wenn wir Juden, gestützt auf unser gutes Recht, als Umgangssprache die jüdische angeben wollen, so wird sie, wie sie uns bedeutet hat, das nicht berücksichtigen, sondern anordnen, daß diese Eintragung gestrichen wird. . . . (Abgeordneter Fresl: Das darf sie doch nicht streichen!) Das ist Tatsache, wir haben solche Erklärungen von den höchsten staatlichen Beamten erhalten und daß man uns entgegen unserm Willen der polnischen Nation zuzählen wird. Nun ist es aber tatsächlich, daß von den 900 000 Juden sich gewiß 800 000 der jüdischen Sprache in Wort und Schrift, im täglichen Leben und geschäftlichen Verkehr bedienen (Abgeordneter Stand: Der Abgeordnete Dr. Gold spricht nicht anders als Jüdisch!) Ja! Sogar Herr Korytowski spricht Jüdisch, und trotzdem gibt uns die Regierung nicht das Recht, die jüdische Sprache als Umgangssprache anzugeben. Wir erblicken wie andere Parteien in der Geschäftsordnung nur einen Notbehelf für den Schutz der Minoritäten. Auch wir erachten es für unwürdig, daß gerade ein Staat, welcher berufen ist, die kleinen Nationen zu schützen, nur einen Notbehelf bietet, anstatt eine Einrichtung zu treffen, welche diesen Zweck völlig erfüllt. Nichts wräre wünschenswerter, als daß endlich an Stelle dieses Notbehelfes eine Einrichtung geschaffen wird, welche die Minoritäten wirklich schützt und den nationalen Frieden bringt. Die einzige Einrichtung dieser Art wäre nach unserer Ansicht die nationale Autonomie. (Zustimmung.") Ihre Durchführung ist so einfach, wie es nur sein kann. Die nationale Autonomie basiert auf dem freiwilligen nationalen Bekenntnisse jedes einzelnen Individuums. Und noch eine Bestimmung, welche wir für dringend notwendig halten, finden wir nicht in der neuen Geschäftsordnung, nämlich eine Bestimmung, welche Rechte und Pflichten sowie die Stellung des Präsidenten normiert. Wir sehen leider, daß die Präsidenten und spezieil der Präsident Dr. Pattai in der letzten Zeit sich vielfach Unduldsamkeit zuschulden kommen ließ (Zwischenrufe), daß der Präsident die Würde seines Standes nicht zu wahren wußte. (Zustimmung.) Als unlängst ein Klerikaler die jüdische Religion in einer unerhörten Weise beschimpfte und gegen die jüdische Nation mit unqualifizierbaren Ausdrücken loszog, da hat der Präsident die Würde seines Standes vergessen, dem Redner öffentlich Beifall gezollt und seiner Zustimmung Ausdruck gegeben. (Zwischenrufe.) Wir, die jüdischen Nationalen, haben uns das nicht gefallen lassen, wir haben dagegen protestiert und den Präsidenten an seine Pflicht erinnert. Durch unsere Proteste haben wir den Präsidenten gezwungen, den Saal zu verlassen. Was waren aber die Folgen? Der Präsident hat uns später den Ordnungsruf erteilt. (Zwischenrufe.) So amtiert ein Präsident eines Volkhauses, und so behandelt er seine Stellung. Da müssen wir verlangen, daß in die Geschäftsordnung eine Bestimmung aufgenommen wird, welche garantiert, daß der Präsident völlig parteilos bleibt, und welche jeden Abgeordneten und jede Partei gegen mehr oder minder witzige Äußerungen, insbesondere aber gegen UnfTätigkeiten eines Präsidenten schützt. (Zustimmung.) Im weitern Teil seiner Rede besprach der Abg. Dr. Gabel die Mißachtung der Minoritätsparteien durch die Regierung. , Seine Ausführungen fanden lebhaften Anklang und, Beifall. (□□□□□□ FEUILLETON o □□□□□ g^- ■ D Theodor Herzls „Buch der Narrheit"*) Im Winkel auf dem Dachboden hockt eine Kiste, mit alten Büchern angepfropft. Von Staub und Spinngewebe bedeckt, träumt sie alte Träume aus der Zeit, da ein versonnener Junge neben ihr kauerte und alle ihre Herrlichkeiten förmlich verschlang. Märchenbücher, Reisebeschreibungen, Weltgeschichten undVölkersagen las er und träumte von der Zeit, da er ein Buch schreiben wird; alle Sagen und alle Märchen, alle Abenteuer in fernen Welten sollen in reichster phantastischer Yerwebuiig darin enthalten sein. . . Doch der Plan ist versunken, wie die Märchen und die Kiste. Doch jüngst wurde die Kiste aus ihrem beschaulichen Trachten gestört. .. . Einer, der seine Kindheit suchte, wühlte in dem Heiligtum seiner Kindheit. Und da fand er ein Buch, — was darin stand, das hat er längst vergessen, wenn er es damals gelesen, vergessen, wie seine ganze Kindheit. Doch der Name dessen, der das Buch schrieb, der ist ihm unvergeßlich geworden und heilig, der Name steht jetzt über dem Lebensheiligtum des einstigen versonnenen Jungen.. . . Und die alte Bücherkiste knarrt vor Freude; denn wie einst lehnt ein versonnener Junge neben ihr und liest und träumt über einem Buch, — träumt die Vergangenheit des Großen, Verklärten, dessen erstes Buch aus der Kiste einer vergangenen Kindheit ans Licht kam. ... So fand ich Theodor Herzls „Buch der Narrheit". *) Theodor H e r z 1 : Das Buch der Narrheit. 4. Auflage. 1888. J. Freund, Verlag in Leipzig. — Wann die erste Auflage erschien, konnte nicht genau festgestellt werden. Der Verlag, in dem dieses Werk erschien, hat seinen Namen geändert, und das Buch, das nicht mehr aufgelegt wird, wurde aus den Bücherlisten gestrichen. Aus der Datierung einer Skizze, ist zu entnehmen, daß das Büchlein im Jahre 1886 zum erstenmal gedruckt wurde. Das kleine Werkchen, das in einem mehr als bescheidenen Buchgewandc auftritt, enthält kleine Skizzen und Feuilletons; es ist wohl wenig bekannt, vielleicht ganz unbekannt. Im Buchhandel ist es sehr selten. — S. S. Schon damals, als Theodor Herzl, der junge Herzl. das Buch der Narrheit schrieb, hatte er jenen eigenartigen Zug um den Mund, jenen Zug, der so gar nicht zu alP dem paßt«\ was um Herzl vorging. Es war jener wehmütig-freundliche, nachsichtige Zug, der zu sagen schien: „Alle Narrheiten muß ich ja mitmachen, ich bin doch dazu da! Und das ist so schwer. . . Und dieser Zug um den Mund schien noch etwas anderes zu sagen: Er sprach von unendlicher G-iite und Mitleid mit Unglücklichen. . . . Das Buch der Narrheit ist jener eigenartige Zug um den Mund Herzls, in Worte und Szenen gewandelt. Es sind Skizzen, Momentbilder, aus der eignen Laune heraus für die Laune anderer geschrieben; sie erzählen vom G-etriebe in Venedig und Neapel und von der deutschen Kleinstadt, von schönen Frauen und alten Kräuterweibern, von Schopenhauer und vom Theaterdiener. . . . Keine Meisterwerke sind es, kein „Solon in Lydien" findet sich unter ihnen, nichts von der Art wie „Trudeis Träne". Ihre Philosophie ist die des Alltags und der Gesellschaftsmenschen, ihre Schilderung die des flüchtigen Beobachters, der für flüchtige Beobachter schildert. . . . Aber ihren Wert bildet jener eigenartige Zug um den Mund des Erzählers, jenes Lächeln (darf man es so nennen?), Herzls Lächeln. . . . Narrheit . . . Nicht „Buch der Narrheiten", sondern „Buch der Narrheit" nennt Herzl seine Skizzen. .. . Also ein System... Wo ist das System in diesem Kunterbunt der Einzelheiten? Das System heißt: Leben, und Leben ist eben jenes bunte Genießen einzelner Momente. Ist das Narrheit? für viele und besonders für den Juden heißt das Narrheit. Denn ihm fehlt die Sicherheit, um sich aus dem genossenen Moment zurückzuziehen