Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316427--53298-3347073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

518 - DIE3^ täglich in Krakau, Lemberg. Gzernowitz, Kolomea, kurz überall, wo Juden wohnen, deutlich hört. Je nach Bedarf nennen sie unsere Ghettostürmer „Deutsch" oder „Polnisch". Es ist ein Gebot wissenschaftlicher Wahrheitsliebe, daß die bisherige Geschichtsfälschung aus der Statistik verschwindet. Außerdem ist die Feststellung der Existenz der jüdischen Umgangssprache eng verknüpft mit der Anerkennung ihrer „Landesüblichkeit" und der jüdischen Nationalität. In einem jüngst stattgehabten Diskussionsabend des Wiener Jüdischen Nationalvereins behandelte dessen Obmann, Abg. Dr. Gabel, diese bedeutsame Angelegenheit. Der Referent meint, daß es kaum erreichbar ist, die Einführung einer neuen Rubrik „Nationalität" oder — um mit der österreichischen Verfassung zu sprechen — „Volksstamm" durchzusetzen. Abg. Dr. Gabel befürwortet daher ein massenhaftes Bekenntnis zur jüdischen Umgangssprache. In der Diskussion kamen zwei abweichende Ansichten zur Geltung. Einerseits wurde darauf hingewiesen, daß die Umgangs- und Muttersprache der westösterreichischen Juden nicht die jüdische ist. Anderseits wurde behauptet, das Bekenntnis zur Umgangssprache sei gleichbedeutend mit der Angabe der National spräche, es wurde daher die Ausfüllung der Rubrik „Umgangssprache" mit „hebräisch" verlangt. Das hier bloß angedeutete Problem beschäftigt eingehend und lebhaft die jüdische Öffentlichkeit West- und OstÖsterreichs. Ein Protest Eine Anzahl von Mitgliedern des deutschen Reichstages hat ein Schreiben an die russische Duma unterzeichnet, welche die Ungesetzlichkeiten in dem Vorgehen gegen Finnland aufzählt und sich gleichzeitig im Namen der deutschen Nation für Finnland ausspricht. Dieses Schriftstück wird wohl von der Duma ebenso behandelt werden wie dasjenige, das kürzlich aus den Wandelgängen dos englischen Unterhauses nach Peterburg kam und gleichfalls gegen Finnlands Entrechtung protestierte. Graf Bobrinski. der Sprecher der äußersten Rechten, erklärte die Zuschrift für eine unberechtigte Einmischung in Rußlands innere Angelegenheiten. Es fiele keinem Dumamitgliede ein, etwa das Schicksal Ägyptens oder Indiens zum Gegenstand einer gleiclien Untersuchung zu machen. Darum sei die englische Zuschrift zurückzuweisen. Formell ist diese Zurückweisung vollständig berechtigt. Keine Volksvertretung irgendeines Staates würde eine derartige Einmischung widerspruchslos hinnehmen. Es ist deshalb an und für sich bedauerlich, daß eine sonst so gute Sache mit einem so untauglichen Mittel verfochten wird, wie es eine Verhandlung von Parlament zu Parlament darstellt. Wenn mau aber die erwähnte Kundgebung der deutschen Abgeordneten und den für sie gewählten Zeitpunkt in Betracht zieht, dann kann man schwerlich annehmen, daß ihr Inhalt selbst außerhalb Rußlands irgend jemandem imponieren wird. Dem unbefangenen Leser des Protestes muß sofort der schreiende Widerspruch gegenwärtig sein, der zwischen den Klagen Finnlands und der Behandlung besteht, welche die Finnen den Juden angedeihen lassen und der in den letzten Tagen sogar dazu geführt hat, daß die „Nowoje Wremja" — man denke l — das Verhalten Finnlands gegen die Juden rügte. Zeigt sich also schon in diesem weisen Verschweigen der Meister des Stils, so muß es um so mehr auffallen, daß der Protest zeitlich .mit einer Massen verjagung der Juden aus Rußland, mit Massenverhaftungen jüdischer Intellektueller und mit einer im großen Maßstabe betriebenen legislativen Persekution der Juden zusammentrifft. Wenn man in den Couloirs des deutschen Reichstages sich auf die Gerechtigkeit und die Gesetzmäßigkeit besonnen hat, warum dann nur partiell? Weshalb regt sich die empörte Menschlichkeit nur bis zu der Grenze auf, wo die Finnen aufhören und die Juden anfangen? Weshalb tritt dieses Gefühl der [ELT ■' No-21 verletzten Menschenrechte sofort wieder über die Schwelle des Bewußtseins in das Dunkel, zurück, wenn ihm das Antlitz des russischen Juden entgegenstand? Hier ist das alte Fragezeichen, von dem Heine gesagt hat: „Und ein Narr wartet auf Antwort!" Eine Rede des Abg. Dr. Gabel Im Verlaufe der Debatte über die Reform der Geschäftsordnung, die in der vorletzten Woche das österreichische Abgeordnetenhaus beschäftigte, hat Abg. Dr. Heinrich Gabel in einer langem Rede den Standpunkt des Jüdischen Klubs entwickelt. Er führte u. a. aus: „Die vielfachen Beteuerungen der Regierung sowie der Majoritätsparteien, daß sie nicht daran denken, die Minoritäten zu vergewaltigen, sind nur schöne Worte, mir fehlt aber vollständig der Glaube daran. Betrachten wii\ wie die Regierung die Nationalitäten, die in der Minorität sind, in nationalen Fragen schützt. Wir haben so ein Beispiel im Bukowinaer Landtage gehabt. Dort wurde nach langen Kämpfen eine neue Wahlordnung beschlossen. Alle Parteien, selbst die Rumänen, die den Juden nicht besonders gut gesinnt sind, haben den Juden eine nationale Kurie konzediert, und es wurde auch einstimmig* die Schaffung dieser nationalen Kurie beschlossen. Was tat die Regierung? Trotzdem der erwähnte Beschluß einstimmig gefaßt worden war, trotzdem alle andern Nationalitäten sich dafür eingesetzt hatten, trat die Regierung diesen Beschluß mit Füßen, deklariert, daß den Juden kein nationales Recht zu gewähren sei, daß den Juden keine nationale Kurie zukomme, und zwängt die Juden zusammen mit den Deutschen in eine gemeinsame Kurie, die die „Kurie der Deutschen und der andern" heißt. „Die andern" — das sind nämlich die Juden. (Abgeordneter Fresl: Wie in Mähren!) Ja, wie in Mähren. Eine solche Zusammenkoppelung ist weder den Deutschen noch den Juden erwünscht. Die Deutschen wünschen nicht, mit den Juden, und wir wünschen auch nicht, mit den Deutschen gewaltsam zusammen - gezwängt zu werden. (Abgeordneter Fresl: Das ist ganz falsch! Wie kann man Sie in die deutsche Kurie einschließen?) Tatsache ist es! . . . Und doch kann sich die Regierung nicht auf ein höheres Niveau schwingen, sondern nimmt entgegen der Tatsache, daß die Juden sich dort als selbständige Nation fühlen und als solche angesehen werden wollen, den Juden das primitivste Recht der nationalen Anerkennung und zwingt sie zu einem Konkubinat mit den Deutschen. Noch ärger liegen die Verhältnisse in Galizien, und da zeigt sich auch ein Schulbeispiel für die Ehrlichkeit der Beteuerungen der in Galizien allmächtigen polnischen Nation, die Minoritäten des Landes zu schützen und nicht vergewaltigen zu wollen. Auf Grundlage der neuen Wahlordnung zum Reichsrate wurden den Juden spezieile jüdische Bezirke konzediert, das heißt Bezirke, wo die Juden überwiegende Majorität haben. Es sind das meist städtische Bezirke. Was tut nun die polnische Majorität? Durch die bekannten galizischen Wahlmachinationen raubt sie förmlich den Juden alle diese Bezirke und besetzt sie mit ihren Anhängern. In allen diesen Bezirken, wo die Juden kandidiert haben und das Recht zu kandidieren hatten, weil eben die Majorität der Wählerschaft und der Bevölkerung dort jüdisch ist, wurden polnische Kandidaten aufgestellt, und es gelingt durch verschiedene Machinationen, durch Annullierung der Stimmen, durch unglaubliche Pressionen usw. die polnischen Kandidaten durchzubringen und so den Juden diese Kreise zu rauben. So war es in Stanislau, Buczacz, Zaleszczvki, Stryj, Kalusz, Zolkiew, Rawaruska, Tarnobrzeg und einigen andern Bezirken. In Galizien werden die primitivsten nationalen Rechte der jüdischen Bevölkerung mit Füßen getreten. In den Schulen darf das jüdische Kind den Religionsunterricht nicht in unserer Bibelsprache — nämlich in der hebräischen — genießen. Die Regierung hat nämlich den üntericht der hebräischen Sprache in der Religionsstunde verboten. Hingegen hat die Regierung einen Referenten für jüdische Angelegenheiten bei dex Statthalterei in Lemberg, den Professor Steinbach, angestellt, welcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.