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Die Welt · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 21 DIEMKE LT 517 Dasein. Die unterirdischen Räume liegen eine Etage tiefer, als die Kellerräume. Wann und zu welchem Ende diese unterirdischen Räume ausgegraben wurden,— das ist zurzeit noch eine ununtersuchte Frage. Das Tageslicht gelangt dort nie hin, und die Bewohner dieser Räume bedienen sich künstlicher Beleuchtung. Die russische geographische Gesellschaft beabsichtigt, diese unterirdischen Räume zu wissenschaftlichen Zwecken zu untersuchen." Soweit die Nowoje Wremja. Man kann sich leicht denken, wie es um die materiellen und sanitär-hygienischen Verhältnisse dieser modernen Höhlenmenschen bestellt ist. Sie sollen das Vergnügen erleben, daß ihre Wohnräume im Interesse der geographischen Wissenschaft untersucht werden. Ob sie auch auf eine Untersuchung dieser Räume im Interesse der Nächstenliebe und der beleidigten Menschenwürde rechnen dürfen? 7oo jüdische Familien brot- und obdachlos Die Stadt Sombrow (Gouv. Lomsha) ist von einer Feuersbrunst ganz verheert worden. 700 jüdische Familien sind brot- und obdachlos geworden. — Ob diese Feuersbrunst nicht mit den Ausstreuungen des Korrespondenten des „Göniec" anläßlich der begangenen Kirchhofschändung in Zusammenhang steht? .... Eine Intervention des Abg. Friedmann Der jüdische Dumaabgeordnete Fried mann hat sich an den Ministerpräsidenten Stolypin mit dem Ersuchen gewendet, die Durchführung der Ausweisungsordre in vielen Städten aufzuschieben. Abg. Friedmann wird demnächst in der Duma einen von 83 Deputierten unterfertigten Gesetzentwurf betreffend die Aufhebung des Ansiedlungsrayons einbringen. §(H □□□ REVUE DER WOCHE v =^S£ □ □□□□ n Ein Gedenktag In der vorigen Woche sind es gerade elf Jahre geworden, seit die Vertreter von 26 Staaten im Haag zur ersten Friedenskonferenz zusammentraten. Hochgespannte Erwartungen hatte man allerorten an diese erste Tat des Pazifismus geknüpft, wenngleich der Umstand, daß gerade Rußland die Konferenz angeregt hatte, ihr keinen gedeihlichen Erfolg zu versprechen schien. Tatsächlich kam auch wenige Jahre später der russisch-japanische Krieg zum Ausbruch. Dann folgte 1907 die zweite Konferenz, und eine dritte hat Roosevelt jüngst angekündigt. Es mag ja scheinen, daß die Friedensidee bisher nur wenig vorwärts gekommen ist, und wer sich an die dumpfen Stimmungen des vergangenen Jahres erinnert, wird meinen, daß es mit der Durchsetzung der Parole „Krieg dem Kriege!" noch seine gute Wege hat. Aber dennoch geht es der Friedensidee wie jeder Wahrheit: gestern noch Utopie, steht sie heute schon im hellen Licht des Tages. Daß im Jahre 1909 ein furchtbarer Krieg vermieden werden konnte, spricht für £die Steigerung des Friedenswillens. Wir Juden haben freilich wenig Grund, an die Diplomatensitzungen sonders viel Hoffnungen zu knüpfen. Wir wissen, daß die Humanität und die Zivilisation einen vornehmen Raum in den Diskussionen einnehmen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Aber wir wissen auch, daß es nur bei der Erwähnung dieser beiden Leitartikelworte bleibt. Weder wird der 19. Artikel des Berliner Vertrags, der die Gleichberechtigung der Juden Rumäniens verlangt, erwähnt, noch spricht jemand von den Greueln, die in Rußland, dem Einberufer der ersten Konferenz, gegen Juden begangen werden. Je nun, wir nehmen dieses Totschweigen der Judenfrage ruhig hin, weil wir wissen, daß den Juden nur durch die Juden geholfen werden kann. Als gute Europäer aber wollen wir uns freuen, wenn der Pazifismus vorwärtsschreitet, weil sicli darin wenigstens ein guter Wille manifestiert. Volkszählung in Österreich Am 31. Dezember 1910 wird die allgemeine Volkszählung vorgenommen. Ihre Ergebnisse sind für die jüdische Sozialstatistik von großer Bedeutung. Die Statistik des Jahres 1900, von dem inzwischen verstorbenen Prof. Ina ma-Stern egg vorbildlich geleitet, hat uns wertvolles Material über die Bevölkerungsverhältnisse, Berufsgliederung und soziale Schichtung der Juden Österreichs geliefert., das sich nicht nur durch Vollständigkeit und Übersichtlichkeit, sondern auch durch sachkundige und sorgfältige Prüfung und Verwertung auszeichnet. Die meisten Rubriken der Statistik des Jahres 1900 sind aber neu eingeführt, in den wichtigsten Fragen der jüdischen Sozialstatistik sind Vergleiche mit den Ergebnissen des Jahres 1890 nicht gut durchführbar. Es war also nur möglich, die soziale Statistik der jüdischen Wirklichkeit Österreichs zu erforschen; vergleichende statistische Untersuchungen, die uns ein richtiges Bild des jüdischen Lebens vermitteln könnten, waren undurchführbar. Diese Lücke wird durch die Bekanntgabe der Ergehnisse der Volkszählung dieses Jahres ausgefüllt werden können. Wir werden den Umfang der jüdischen Auswanderung aus Österreich feststellen, die wirtschaftliche Entwicklung der österreichischen Juden beurteilen können. Wird die statistische Zentralkommission, der Überlieferung Inama-Sterneggs getreu, die Zählung nach demselben System durchführen wie vor einem Jahrzehnt, werden die Rubriken „Berufsgliederung und soziale Schichtung in Verbindung mit der Konfession" aufrechterhalten, dann bleibt die österreichische Statistik eine Fundgrube für die Soziologie und Sozialphysik der Judenheit Österreichs. Nur eine Unwahrheit, eine Entstellung der Wirklichheit enthält die Statistik Österreichs. Sie verschweigt die Tatsache, daß nahezu eine Million Juden dieses Reiches eine eigene jüdische Mutter- und Umgangssprache besitzt. Auch der oberflächlichste Kenner des jüdischen Lebens Galiziens und der .Bukowina weiß, daß die jüdische Bevölkerung dieser Kronländer weder polnisch, noch deutsch, noch ruthenisch, sondern j ü di s ch spricht. Die österreichische Reichsstatistik weiß dagegen nachstehendes zu berichten: Von den 1 224 711 Juden Österreichs sprechen: Deutsch . . Tschechisch Polnisch . . . Ruthenisch . . Slowenisch . . . Serbisch-Kroatisch Italienisch . . . Rumänisch . . . Magyarisch . . . Landesm inoritäten Staatsfremde . . ((davon 95286 in Wien, 84463 in Böhmen, 419 21CK Mähren und Schlesien, 138 400 in | Galizien, 91 907 in Bukowina) 57 782 622 235 (davon 621 036 in Galizien) 40 966 25 63 2 940 263 165 1137 79 925^ayon meist ungarische Juden _\ in Wien allein). zusammen 1224 711 Daß von 900 000 Juden Galiziens und der Bukowina 622 000 polnisch und 230 000 deutsch in ihrem Hause sprechen, diese Sprachen als die ihrer Väter, Mütter und Kinder betrachten, ist eine platte Unwahrheit, von den galizischen Behörden erdacht, der jüdischen Bevölkerung aufgezwungen, um eine Majorität von 1V2 Millionen Polen im Lande Galizien aus dem Boden zu stampfen. Mit peinlicher Sorgfältigkeit wurde ermittelt, daß sich 25 Israeliten zur slowenischen Muttersprach e bekennen, 263 Juden sprechen in treuer Anhänglichkeit an ihr teures Vaterland — rumänisch. Die 63 serbisch redenden Juden sind den elektrischen Zählmaschinen nicht entgangen. Vergeblich suchen wir aber in der Statistik nach einem Juden, der die Sprache redet, die wir

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