Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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516 DIE2aEELT No. 21 sie verschwinden, oder sie bleiben erhalten. Beides ist in Rußland unmöglich ... Nun stellen aber doch sieben Millionen Menschen die Frage, was mit ihnen geschehen soll. Das mag ja der öffentlichen Meinung unangenehm und lästig sein. Aber diese Menschen wollen doch leben!..." Es ist gut, daß an die Stelle der Beteuerung problematischer Humanität diese nüchterne verstandesmäßige Fragestellung tritt. Die Frage selbst ist ja schon beantwortet. Dies geschah, als die zionistische Bewegung einsetzte. Wenn Rußland die Juden vertreibt und die Emigrationsländer sich gegen einen Zustrom der Exulanten abschließen, so muß notwendigerweise für sie ein Heim gesucht werden, welches die Wiederholung solcher schmachvollen Vorgänge ausschließt. Dieses Heim liegt gewissermaßen zwischen Europa und Asien im Bereich eines Staates, der im Verlauf seiner Geschichte es zu beweisen verstanden hat, daß er imstande ist, den Juden gegenüber alle Pflichten zu tun, deren Erfüllung ein Volk von solchen Fähigkeiten wie das jüdische mit Recht erwarten darf. Die Presse ist, wie wir sehen, auf dem richtigen Wege; wir wollen hoffen, daß sie in ihrer Beurteilung der russischen Vorgänge nicht stehen bleiben, sondern sich entschließen wird, die Frage so zu beantworten, wie wir das getan haben. Die russischen Juden erwarten nicht Hilfe und Schutz, sondern ihr Recht. Wir sind weit entfernt davon, etwa die romantische Forderung eines Einschreitens der Westmächte in Rußland aufzustellen. Die europäischen Regierungen haben im Laufe der letzten Jahre zu erkennen gegeben, daß ein Einschreiten zugunsten Unterdrückter nur außerhalb Europas und nur dann möglich ist, wenn ihren Interessen daraus ein ziffermäßig bestimmbarer Nutzen erwächst. Beides trifft hier nicht zu. Rußland liegt angeblich noch in Europa, und der Einspruch irgendeines Staates , würde auf einen kaum zu überwindenden Widerstand stoßen. So bleibt uns denn nichts anderes übrig, als unsere Arbeit in Palästina energisch und mit verdoppeltem Eifer fortzusetzen und alle Juden, wo immer sie leben mögen, an ihre Pflichten zu mahnen. Unsere Arbeit und die Aufklärung des Judentums werden hoffentlich unsern Brüdern in Rußland zu Hilfe kommen, noch ehe die europäische Presse den Mut der Logik gefunden und die Antwort auf die Frage, die sie heute selbst stellt, in dem Sinne gegeben haben wird, wie er der „fortschreitenden Gesittung" allein entspricht, und noch ehe Europa seine Teilnahmslosigkeit den russischen Kulturfreveln gegenüber überwunden haben wird. Denn bis dahin, fürchten wir, — wird's noch lange währen . . . Die uns vorliegenden Meldungen besagen: Neue Ausweisungen Aus Demijewka, einem Vorort von Kiew, sind jüdische Bewohner in großer Zahl ausgewiesen worden ohne Rücksicht darauf, daß sie bereits seit Jahrzehnten dort wohnen. Die Kiewer Kommission Die in Kiew eingesetzte Kommission zur Prüfung der Klagen der ausgewiesenen Juden hat ihre Arbeit beendet. Sie hat entschieden, daß vierhundert Juden in Kiew bleiben dürfen, jedoch 2500 im Laufe der nächsten vier Wochen der Ausweisung unterliegen. Ein uns von anderer Seite aus Kiew zugehender Bericht schildert die momentane Sachlage in folgender Weise: Die Freude über die Aufschiebung der Ausweisungen und die Einsetzung der administrativen Kommission, die die Nachprüfung desWohnrechts des auszuweisenden Juden zur Aufgabe hat,ist, wie sich nun herausstellt, eine verfrühte gewesen. Die Kommission ließ bereits klar erkennen, nach welcher Richtung sie arbeitet. Im Gegensatz zur üblichen russischen Schlepp Wirtschaft; wird hier eine geradezu fieberhafte „Tätigkeit" entfaltet, will sagen, die massenhaften fraglichen Fälle werden einfach übers Knie gebrochen und im Geiste der herrschenden Judenpolitik erledigt. Von ca. 1000 Ber uf ungen gegen die verfügte Ausweisung wurden nur 150 als hinreichend begründet anerkannt. Bereits wurde dem Gouverneur eine Liste von 700 Familien zugestellt, die ausgewiesen werden sollen. Der Gouverneur hat nunmehr die Liste bestätigt, und den Betreffenden wurden verschiedene Fristen (zwischen L Mai und 1. Juli alten Stiles) bestimmt, innerhalb deren sie ihre Geschäfte liquidieren und die Stadt verlassen müssen. Die Kommission ist mit ihrer Aufgabe bereits fertig geworden. Ausweisungen in Taschkent Ganz unerwartet, trotz der einmal bereits zurückgezogenen Ausweisungsorder, wurden am 17. Mai sämtliche in Taschkent lebenden Juden, dreitausend an der Zahl, angewiesen, binnen drei Tagen die Stadt zu verlassen. Mehr als die Hälfte dieser Juden sind in Taschkent geboren und wissen gar nicht, wohin sie ihre Schritte lenken sollen. Wie es heißt, hat der Emir von Buchara erklärt, sein Land stehe den Juden zur Verfügung. Judenausweisungen im Kreise Berditschew Infoige der jüngsten Verfügung des iMinisteriums des Innern betreffend die Juden, die auf Grund des Rundschreibens des Ministeriums vom 10. August 1906 außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen, werden im Kreise Berditschew zahlreiche jüdische Familien, die sich im Laufe der Zeit von 1882 bis 1906 auf dem flachen Lande niedergelassen haben, nunmehr ausgewiesen. Allein aus dem Fabrikorte Turbow sollen 22 Familien ausgewiesen werden. Ausweisungen in Libau Auf Verfügung der lokalen Behörde werden zur Zeit zahlreiche jüdische Handwerker, die angeblich ihr Handwerk nicht ausüben, aus Libau ausgewiesen. Eine SenatserklärungJ Dorn „Berl. Tagobl." wird aus Petersburg berichtet: Die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung greift immer weiter um sich. Auf die fortgesetzten Ausweisungen der Juden aus Kiew und die Ausweisung jüdischer Minderjähriger aus Moskau ist nunmehr eine Erklärung des Senats gefolgt, daß den Juden innerhalb des Ansiedlungsrayons verboten sein soll, in die Sommerfrischen zu gehen. Diese Erklärung ist auf Wunsch des Ministeriums des Innern erfolgt, das clioso seltsame, rein willkürliche Interpretation durchgesetzt hat. Pogrompanik Am 15. d. M. war das Städtchen Ljubaschewka (Gouv. Cherson) nahe daran, einen Pogrom zu erleben. Einige Bauern versuchten jüdische Passanten zu necken und zu belästigen, und da die letztern es sich nicht gefallen ließen, entstand eine Schlägerei, wobei viele Juden verwundet wurden. Man glaubte den Anfang eines Pogroms vor sich zu haben, und die Juden beeilten sich, die Läden zu schließen und vor der wütenden Menge in Verstecken Schutz zu suchen. Erst mit der Ankunft des Polizeikomissars, der einige Bauern verhaften ließ, beruhigte sich die jüdische Bevölkerung. Unterdrückung jüdischer Gesellschaften und Wohltätigkeitsanstalten In Warschau wurde in letzter Zeit folgenden neuen Institutionen die Genehmigung verweigert: dem „Gegenseitigen Hilfsverein jüdischer Müller", dem „Unterstützungsverein armer jüdischer Bräutigame und Bräute", dem Vereine „Linas häzedek" (Verein freiwilliger Krankenwächter) und dem jüdischen Kolonisationsverein „Palästina". Armut in Wilna Die „Nowoje Wremja", der man bekanntlich allzu große Sympathien für die jüdische Bevölkerung nicht zuschreiben kann, die vielmehr nicht müde wird, über jüdische Ausbeutung und jüdischen Reichtum zeter zu schreien, bringt folgende kurze Notiz: „Dieser Tage wurden in Wilna unterirdische Wohnräume entdeckt. Wie es sich herausstellt, gibt es im jüdischen Stadtteil, der einst das jüdische Ghetto bildete, unterirdische Gänge. In diesen Gängen fristet nun die ärmste jüdische Bevölkerungsschicht ihr