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Die Welt · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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\ü. 21 DIE30EELT 515 rigoros ist, da sie ja den Betroffenen nicht schädigt und die Gesellschaft nur selbst vor hohen Verlusten schützt. Die Installation der Kasse kann recht bald erfolgen. Wenn sich zuerst auch nur ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen finden, so wird selbst bei niedrigen Sätzen (den Sätzen erstklassiger Versicherungsgesellschaften) die Sterbekasse bei einem Status von nur 100 Mitgliedern, die sich auf das 60. Lebensjahr mit 1000 Mk. Gesamtsumme einbezahlen und durchschnittlich pro Monat nur 3—5 Mk. zu bezahlen haben: einigen Mitgliedern, die sieh zur Leistung von 5000 Mk., und einigen ganz wenigen Exemplaren, die sich mit 10 000 Mk. Versicherungssumme hineinlegen, in o Jahren 100 000 Mk. Kapital weit überschritten sein. Wenn ich annehme, daß eine glänzende zionistische Ortsgruppe, ein Altherrenverband einer zionistischen Korporation oder dergleichen den Grundstock bilden will, ist die Ausführung der Sache schon gelöst. Die praktische Durchführung dächte ich mir aber so, daß erst wie bei der Rosegger-Stiftung eine Subkriptionsliste ein Jahr lang aufgelegt wird. Ich bin überzeugt, bei der 'Werbekraft unserer Partei kann man 1000 finden, die sich mit einem so kleinen Betrag ihr Leben versichern wollen und werden. Die Lebensversicherung ist ein Bedürfnis für den Juden. Haben wir keine jüdische, so bedient er sich einer allgemeinen. Bei den Vorzügen, die eine jüdische aber gewährleistet, bei dem ausgeprägt jüdi schen Gefühl weiter Kreise unsrer Volksgenossen wird eine jüdische Lebensversicherung zur Notwendigkeit werden. Gerade im Osten, in Galizien und Eußland, sowie in Palästina kann sie bald d i e Versicherung werden. Dazu bedarf es nur einiger sehr tüchtiger Lokalvertreter und Ortsfilialen. Sie ist die Synthese des auf das Reale und Ideale gerichteten Gedankens. Mit kleinen Gaben weiß sich der zu Versichernde eine große Summe für seine Hinterbliebenen resp. für seine alten Tage zu sichern. Sie ist die Methode, mittels der die Zionisten kleine Summen systematisch Monat pro Monat einer jüdischen Gesellschaft zuführen. Ein gewisser Zwang herrscht in der Versicherung. Wer einmal A gesagt hat, muß noch vielhundertmal B sagen. Das Rätsel der Beitragsleistung liegt in der Regelmäßigkeit, nicht in der Größe! Nicht die Zahl der Beitragenden gewährleistet eine hohe Summe! Schluß Vieles wäre noch zu bemerken. Doch wozu? Die Wankelmütigen, die heute der Partei ein Almosen überweisen und denen ein Monatsbeitrag von o —5 Mk. für ihre Versicherung zu hoch ist, oder die mit diesem Gelde keinerlei gewagte Unternehmung gemacht wissen möchten, die werden gegen die neue Gesellschaft zu Felde ziehen. Gegen diese Leute werde ich in dieser Sache keine weitern Worte verlieren. Sie mögen nur unsere Kreise nicht stören. " Denn ich weiß sicher, daß es Gesinnungsgenossen gibt, denen diese Ideen gefallen werden, die sie womöglich selbst schon durchdacht haben. Und diese Kreise werden sich nicht daran stoßen, ob ihnen das eine oder das andere in der gesagten oder geplanten Form mißfallt. Wer in der Idee mir beistimmt, der wird auch einen Modus in rebus finden. Da kann ja noch manches eine Änderung finden. Es ist auch keine Frage, daß sich bald eine jüdische Zeitschrift finden wird, die Nennungen für eine Beteiligung an der Lebensversicherung annehmen wird. Die Festsetzung der Versicherungssumme braucht nicht im Augenblick zu geschehen. Es gilt nur einen gewissen Kreis von Interessenten zu gewinnen, zu zeigen, daß die Idee einem gewissen Bedürfnis entspricht. In diesem Sinne bitte ich die geneigten Leser, den Gedanken einer jüdischen Lebensversicherung (wie wäre es mit dem Namen Simson?) bald in die Tat umsetzen zu wollen. Dr. Felix Theilhaber, Zittau i. S. Die Judenverfolgungen in Rußland Man lese die unten folgenden Meldungen von dem schleichenden Pogrom genau durch und vergegenwärtige sich, wieviel unausgesprochenes Elend in ihnen verborgen liegt. Es ist freilich immer das alte Lied, das zu uns in zweierlei Formen kommt: Entweder die Juden werden erschlagen, oder sie werden ausgewiesen. Diesmal ist die Ausweisung wieder da, und das in einem Ausmaß, welches das Blut stocken macht. Aus Kiew, aus der Bucharei, also aus dem europäischen und dem asiatischen Rußland, laufen fast gleichlautende Depeschen ein, deren Inhalt immer die Ausweisung ist. Nicht an das Mitleid, nicht an die Teilnahme wollen wir appellieren, keineswegs an irgendeine sagenhafte Regung der „wechselseitigen Solidarität aller Kulturvölker", und wir wollen auch nicht für jene Unglücklichen um Almosen bitten. Wir wollen nur einfach für die Juden die ewige und immer wieder neu kommende Frage aufstellen: Wohin? Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß diese Frage nunmehr auch schon aus der jüdischen Presse auf die nicht jüdische übergegangen ist. Die „Vossische Zeitung" beschäftigt sich am 21. Mai in einem großen Artikel mit diesem Thema; sie erzählt die Leidensgeschichte der russischen Juden seit der Schaffung des Ansiedlungsrayons bis zu dem letzten Edikt der Regierung und kommt zu folgendem Schluß: „Unter dem Drucke dieser Verhältnisse beginnt die von den Nachbarvölkern so unliebsam vermerkte und neuerdings durch Präventivmaßregeln erschwerte Auswanderung nach dem Westen wieder große Dimensionen anzunehmen. Für die vielen Tausende aber, die in Rußland zurückbleiben müssen, bedeutet die jetzige Verfolgung neben der ökonomischen Verschlechterung auch die schwerste sittliche Schädigung. ... Es ist ein Zug starker moralischer Gesundheit der russischen Juden, daß die Taufe, die sie mit einem Schlage aus der Pariastellung hinter Kalmücken, Kirgisen, Burjäten und Osseten befreien würde, äußerst selten bei ihnen vorkommt. Aber auch der Idealismus hat seine Grenzen. . . . Sollte Europa dem Kulturfrevel, der sich unter seinen Augen vollzieht, teilnahmslos zuschauen können? Oder sollte die gesittete Welt nicht endlich ihre Stimme erheben, laut und vernehmlich, gegen das schreiende Unrecht, das hier an Hunderttausenden gequälter, unglücklicher Menschen planmäßig und grausam verübt wird? Sollte nicht endlich auch ihnen das Morgenrot einer bessern Zukunft dämmern?" Auch ein großes österreichisches Journal, das „Prager Tagblatt", hat vor einigen Wochen zu dieser Frage Stellung genommen und sie in folgenden Worten zusammengefaßt: „...Es ist nötig, an die ganze Welt die Frage zu richten, was mit den Juden Rußlands geschehen soll? Die logische Antwort wäre: Entweder

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