Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DlE3§gELT 493 artikel der ersten Nummer hatte Herzl der Öffentlichkeit erklärt, was er mit der Gründung* des Blattes bezwecke. Mit mir sprach er ausführlicher über die Aufgaben, weiche die „Weit" erfüllen sollte. Was er mir sagte, das fand ich später, nicht dem Wortlaut, wohl aber dem Sinne nach, in seinem Buche „ Altn eu 1 and/ Einiges will ich nach dem Buche zitieren, denn es ist so bezeichnend für Herzls Auffassung von der Wichtigkeit und der Würde unseres Blattes, daß es nicht genug oft gesagt werden kann. „Unsere Zeitungen ergänzen den Volksunterricht unermüdlich, sie belehren, aber sie unterhalten auch; sie dienen den praktischen Bedürfnissen nicht minder eifrig als der Kunst und Wissenschaft."* Das war das eine, das er vom Blatte erhoffte. Das andere, das ihm vorschwebte, hat er, ähnlich wie er es mir sagte, seinen Joe Levy von der Bordzeitung erzählen lassen, die auf dem „Futuro" erschien, dem Schiffe „der Besten aus aller Welt". Joe erzählt: „Von allen höchsten Fragon war da in erhabener Form die Rede. Die edelsten G-eistcr der Menschheit äußerten sich, unvergeßliche Anregung gebend und empfangend...... über die Einrichtung eines wahrhaft modernen Gemeinwesens, über die Erziehung durch die Kunst, über Bodenreformen, über die Organisierung der Wohltätigkeit, über die Arbeiterfürsorge, über die Rolle der Frau in einer zivilisierten Gesellschaft, über die Entwicklungder Technik in Wissenschaft und Praxis, und noch über manches andere, woraus alle Menschen einen unvergänglichen Nutzen ziehen können." Natürlich solle die „Welt" ihren speziellen Aufgaben als zionistisches Blatt in allererster Linie dienen. Dartun müsse sie sich schon durch ihren Ernst und ihre ruhige Vornehmheit von den bisherigen jüdischen Zeitungen unterscheiden. Keinen Kehillatratsch, keine Nachrichten über Jubiläen hochverehrter Gemeindevorsteher oder die silberne Hochzeit des hochgeschätzten israelitischen Mitbürgers X., der trotz seines bekannten Reichtums der israelitischen Glaubensgemeinschaft noch immer angehöre, auch keine läppischen Freudenaussprüche, weil der Bozirksbau.ptmann in Y. erklärte, daß die israelitischen Mitbürger seinein Herzen ebenso nahe ständen als alle andern Bürger, die ihre Steuern pünktlich zahlen usw. Die Lage der Juden auf der ganzen Welt solle unser Blatt ohne Übertreibung, aber auch mit allem Freimut schildern, das Unrecht, das ihnen geschehe ohne winselnde Klagen, aber auch ohne Furcht aufzeigen, die Juden in jüdischem Sinne erziehen, ihnen ihre Selbstachtung wiedergeben, kurz, ein Dolmetsch des Edelsten sein, was der Zionismus zu erreichen hoffe. So werde die „Welt" durch ihren Inhalt sowohl als auch durch ihre Unabhängigkeit sich auf den ersten Blick schon von so vielen israelitischen Blattern unterscheiden, die meist nur Furcht und Mitleid erwecken könnten. Das waren die Bilder, die mir Herzl vorführte. Und wenn auch nicht alles zu erreichen wäre, den Versuch wolle er wenigstens in der „Welt" machen. O, ihr holden Frühlingsträume, wie hat euch die Wirklichkeit zerzaust! Wie ganz anders mußten wir die „Welt" führen, wie wenig aus diesem idealen Programme konnten wir trotz unserer glühenden Begeisterung, trotz unseres guten Willens wirklich durchführen! Und doch! Trotz aller Widrigkeiten und Bitternisse, trotz aller Enttäuschungen — eine wundervolle Frühlingszeit war es damals, als Herzl noch jede Zeile in der Welt kannte, als noch sein tiefstes Interesse dein Blatte gewidmet war. Selbst unermüdlich für die Welt tätig, wußte er auch andere hervorragende Juden und Nichrjuclcn zur Mitarbeit heranzuziehen. Mancher bedeutende Schriftsteller und Gelehrte hat in dieser ersten Zeit neben dein Redaktionsstabe der „AVeit", sei es unter seinem eignen Namen, sei es unter einem nom de pliune, an unserm Blatte mitgearbeitet. Freilich, den Weg friedlichen Strebens nach den von Herzl in unserer Unterredung aufgezeigten Zielen konnten wir nur gelegentlich und schrittweise gehen; denn vor allem mußten wir uns gegen unsere Feinde wehren. Natürlich waren es fast nur Jaden, die uns oft iu der gehässigsten und schmählichsten Weise in den „liberalen" Tagesblättern, in jüdischen Zeitungen, Protestkundgebungen u. dgl. anfielen. Und Herzl hat nur allzu recht, worin er in seiner Selbstbiographie von^seinem Tagebuche sagt: „Sollte ich sie (sc. die Bände des Tagebuches] je veröffentlichen, so würde die Welt erstaunt sein, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, wer die Feinde meines Planes waren und anderseits, wer mir beistand." Lange hatte er geschwiegen, ob auch Schmähungen und Verleumdungen ohne Zahl gegen ihn verbreitet worden waren. Endlich glaubte er im Interesse der Sache nicht mehr schweigen zu dürfen. Ich war etwa eine Woche in der Redaktion der „Welt" tätig, als mich Herzl zu sich berief, um mir selbst den berühmt gewordenen Artikel „ Mau sehe 1" vorzulesen, in dem er der ganzen Bande sagte, was er ihr zu sagen hatte. Es war eine Zeit des Sturines und des Dranges, in die ich geraten war, und ich darf sagen, daß wir die Hiebe, die man nach uns führte, schneidig abwehrten und gewissenhaft ripostierten. Herzls Mühe erschöpfte sich aber keineswegs in der Sorge um die sogenannten „großen" Artikel. In den ersten Zeiten wurde auch die kleinste Notiz von ihm gelesen, begutachtet und nicht selten korrigiert. Ja, er kam sogar am Tage vor der Drucklegung der einzelnen Nummern in die Druckerei, um an unserer Korrekturarbeit teilzunehmen. Später mußten wir ihm die Bürstenabzüge der einzelnen Seiten, oft noch feucht, wie sie aus der Presse kamen, in die Wohnung senden, wobei er nicht selten nochmals Korrekturen vornahm. Auf meine Mahnung „minima nou curat praetor" antworte er mir, in der „Welt," sei jede Zeile wichtig und jeder Ausdruck des Feilens wert. Mit kleineren Korrekturen hätten wir uns schließlich abgefunden, wenn nicht noch ganz andere Dinge vorgekommen wären. Es geschah manchmal, und nicht allzu selten, daß bereits das ganze Blatt umbrochen*) war und ich plötzlich ans Telephon gerufen wurde. Da wurde mir denn die freudige Mitteilung, daß ein Artikel, den ich in einer Viertelstunde erhalten werde, unbedingt (und wie klang dieses „unbedingt"!) an der oder jener Stelle in der morgigen Nummer der „Welt" erscheinen müsse. Da stand ich oft spät am Abend und mußte nun die ganze Finteilung des Bhittes ändern, nachdem in jagender Hast, der unglückselige T)Unbedingte" gesetzt worden war. Herzl aber hielt es für selbstverständlich, daß er am nächsten Morgen alle Korrekturbogen, natürlich samt dem in letzter Stunde gesandten Artikel, in Händen hatte. So lehrte er uns das Unmöglichscheiuende möglich machen. Dabei mußte das Blatt zur rechten Zeit der Expedition zugestellt werden; denn auf das pünktliche Erseheinen der „Welt" hielt Herzl außerordentlich viel. Nachträglich ist mir der Gedanke gekommen, ob bei diesen Überraschungen der letzten Stunde nicht auch die Absieht mitgespielt habe, uns zu fixen Journalisten zu erziehen; denn in späteren Zeiten kamen solche Überraschungen doch nur selten vor. Wenn ich heute alle diese Tage in der Erinnerung an mir vorüberziehen lasse, dann kann ich es noch weniger als damals begreifen, wie Herzl die Zeit fand, sich selbst um die kleinsten Details zu kümmern. Noch weniger kann ich es verstehen, daß er. fern von Wien, mit den wichtigsten Angelegenheiten beschäftigt, gelegentlich sogar für rein technische Nebensächlichkeiten sorgen zu müssen glaubte. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür ist der folgende Auszug aus einem Briefe, den ich erhielt, als Herzl mit der zionistischen Deputation nach Jerusalem *) David LiUvaJs über die Zeitungen in „ AI tue ul and",