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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 56

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 56)
Language
German
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492 DlE3g Führer nicht heranwagte, so waren die Kokesch, Marmorok u. a. Gegenstand heftiger Angriffe. Wohl mit Unrenhl. Aber wäre ein Parlament — und namentlich ein jüdisches — ohne kritische Reden, geistreiche Ein- und Ausfälle denkbar? Die Betroffenen nahmen aber die Sache furchtbar lragisch und wollten von einer Wiederwahl ins E. A. G. nichts mehr wissen. Sie waren verbittert, wie jeder es ist, dessen selbstlose, ehrliche Arbeit verkannt wird. In den zwanglosen Beratungen des Permanenzausschusses kam die Krise zum Ausbruch. Herzl legte Gewiel.it darauf, daß seine treuen Freunde und Mitarbeiter wiedergewählt werden, und es bestand auch gar kein Zweifei, daß der Kongreß Herzl auch hierin seinen Willen tun wird. Aber einer nach dem andern erklärte entschieden, daß er eine Wiederwahl nicht mehr annehme. Herzl befand sich in großer Erregung. Er bat, liebte, beschwor jeden der Herren, ihn nicht zu verlassen. Sie blieben Fest. Die gerechte Empfindung der Verbitterung war eben stärker als die zweifellose, sonst unbedingte Ergebenheit. Herzl war aschfahl im Gesichte. Ich beobachtete ihn in nächster Nähe Er war vorzweifelt. Eine ganze Welt hat er in Bewegung gesetzt, hat tausendjährige, schier verlorene Hoffnungen geweckt, eine ungeheure Verantwortung lastete auf ihm, und die Freunde, die ihn am besten verstanden, verließen ihn, und dies gerade in einem Zeilpunk!e, da auch der Führer der Ermutigung und irostreichen Zuspruches bedurfte. Und mit bebenden Lippen, Verzweiflung im Herzen, sprach er die mir unvergeßlichen Worte: „Jeder kann abdanken, nur ich kann es nicht!* Dieser Schmerzensruf einer gequälten, unendlich großen Seele klingt noch heute in meinem Herzen nach, und ich erinnere mich, daß ich einem Freunde gegenüber die Bemerkung machte: „Ich fürchte, daß Herzl noch einmal Selbstmord begehen wird.* Ich habe in der Folge Gott sei Dank nicht Recht behalten. Aber an gebrochenem Herzen ist Herzl gestorben. Man übertreibt nicht, wenn man ihn in die erste Reihe der großen Männer stellt, die das Judenvolk für das Judentum hervorgebracht hat. Er hat Hoffnungsvolle entflammt, Verzagte ermuntert, Gleichgültige mit Liebe und Zweifler mit Glauben erfüllt. Von seiner glänzenden Persönlichkeit strömte ein Fluidum, das eine ganze Welt erfüllte. Wie alle Großen, vertraute er seinem Stern. In einem stillen Winkel seines Herzens lebte etwas von jener religiösen Mystik, die auch aus dem Geheimnis seiner Augen strahlte. Ohne Glanben an seine Sendung, an die Hilfe jener Mächte, die das jüdische Volk durch die Jahrtausende begleiten, wäre die Großartigkeit dieses aufs Endziel gerichteten Wollens nicht zu erklären. Das Urteil über sein Lebenswerk wird die jüdische Geschichte sprechen, denn es ist noch lange nicht vollendet. Aber schon heute wissen wir, daß er die eiste der lebenden Generationen zum Judentum zurückgeführt und die zweite gewonnen haL Die dritte, die heranwachsende Jugend, das ist die stolze Ernte seiner goldenen Saat. Der Sämann ist tot, aber aus einer andern Welt tönt es herüber, das liebliche, das ermunternde, auch das zürnende Wort: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.<l [ELT No. 20 Herzl und „Die Welt" Von Dr. Siegmund Werner Sechs Jahre fast seit— damals! Wieder sehe icli den kleinen Pavillon in Edlacli vor mir, zu dem ich durch den abonddunUeln Garten eilte, um ihn zu sehen, der uns verlassen wollte. Jetzt muß der Garten in seiner ersten Frühlingspracht stehen. Mit dem Dufte tausender Blüten mischt sich der herbe, erfrischen de Luftstrom, der von den Schneefeldern der umliegenden Berge zu Tale zieht. Neues junges Leben überall. Nur er, der den Frühling so sehr liebte und seine Schönheit empfand, wie sie nur ein Dichter empfinden kann, oder ein ganz einfältiges, junges Menschenkind, das selbst Frühling ist, er sieht ihn nimmer. So will auch ich vom Frühling erzählen, von seinein Frühling, vom Frühling unserer Bewegung, vom Frühling unserer Hoffnungen, von der Zeit, in der Herzl voll junger Kraft war. Will davon erzählen, was seiner Liebe und seiner Sorge gerade in dieser Zeit immer sicher war, von seinem Blatte, seiner „Welt". Das sei meine Frühlingsgabe, die ich im Heiligtume unserer Erinnerungen andachtsvoll niederlege. Am 1. Oktober 1897 orhielt ich folgenden Rohrpostbrief: Verehrter Freund! Sie würden mich zu ganz besonderem Danke verpflichten, wenn Sie mich morgen Samstag früh vor zehn Uhr in meiner Wohnung, Berggasse 6. besuchen wollten. Ist es Ihnen vin. nicht möglich, so würde ich Sie sehr bitten, nm. zwischen 4 und 1 .'2 5 zu kommen. Die Sache pressiert. Mit herzlichem Zionsgruß Ihr ergebener Th. Herzl, Ein solcher Wunsch war mir natürlich ein Befehl. Ich antwortete sofort, daß ichnach neun Uhr vormittags kommen werde. Was es so besonders Dringliches geben könne, davon hatte ich keine Ahnung. Erst wenige Tage vorher hatte ich mit Herzl ein längeres Gespräch geführt, in dem wir uns über Bodenreform unterhalten hatten. Herzl war meinen Ausführungen mit lebhaftem Interesse gefolgt und wir waren dann auf viele andere Dinge zu sprechen gekommen. Ich nahm daher an, daß meine Berufung mit diesem Gespräche zusammenhänge. Als ich am nächsten Vormittag in seine Wohnung kam, erwartete mich Herzl bereits mit Ungeduld. Ich traf den Wiener Schriftsteller G. bei ihm. Eine Weile führten wir eine Unterhaltung zu dritt, bis sieh Herr G. empfahl. Kaum war er gegangen, als mich Herzl ohne jede weitere Einleitung fragte, ob ich die Kedaktion der „Welt" übernehmen wolle. Ich war tatsächlich völlig überrascht. Wohl hatte ich mich seit dem ersten Erscheinen des Blattes für unser Organ lebhaft interessiert, aber ich hatte nie daran gedacht, sein Redakteur zu werden. Wenn mich Herzl hier und da aufgefordert hatte, etwas für die „Welt" zu schreiben, so war dies immer nur gelegentlich geschehen. Während mir Herzl erklärte, warum er sich zu einem Wechsel in der Hedaktion veranlaßt sehe, saß ich wortlos da. Erst als mich Herzl verwundert fragte, warum ich so schweigsam sei, drückte ich ihm meine Überraschung und mein Bedenken aus, ob ich der Aufgabe, die er mir zugedacht habe, gewachsen sei. Schließlich bat ich um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Herzl hatte sofortigen Bescheid erwartet, aber er bewilligte mir gleichwohl den Aufschub. Als ich ihm am nächsten Tage meine Zusage brachte, erklärte er mir, wie er sich die Führung des Blattes denke. Selbst wenn ich es bisher nicht gewußt hätte, so wäre es mir aus dieser Unterredung klar geworden, welch große Hoffnungen Herzl auf die „Welt*4 setzte. In der Jubiläumsnummer vom 7. Juni 1907 haben Wo 1 f f s o h n und Yo r k - S t e iner von den ersten Tagen unseres Blattes erzählt. Im Programm-

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