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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 55)
Language
German
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No. 20 DIE] Untersekretäre, Unteruntersekretäre, Oberbeanite, Privatdolmetscher gingen aus und ein. Alle Augenblicke machten wir feierliche Salaams, Fragen wurden an uns gestellt und dann, nachdem der Fragesteller quer nach einem Pavillon hin davongeeilt war, wo wir den Sultan vermuteten, wieder neue und mehr Fragen. So ging dies immerfort, etwa eine Stunde lang. Unterdessen tranken wir mehr Kaffee und rauchten mehr Zigaretten, als gut für uns sein konnte. Und die Athinosphäre des Geheimnisvollen und des Argwohns, welche die ganze Sache umgab! . . . Doch Herzl war stets bereit, zu erklären, auf alles ausführlich einzugehen, Mißverständnisse zu berichtigen und vor allen Dingen jeden, der sich uns näherte, durch seine Liebenswürdigkeit dermaßen für sich einzunehmen, daß alle sichtlich wünschten, ihm gefällig zu sein. Ibrahim Pascha, ein reizender alter Herr, bat uns, das Frühstück bei ihm einzunehmen, — wir akzeptierten natürlich, da wir nicht nur hungrig waren, sondern auch sonst nichts zu essen bekommen konnten, ehe wir nach Konstantitiopel zurückkehrten. Ibrahim bat uns um Entschuldigung, daß der Lunch ganz einfach, „saus ceremonie" war, und wir setzten uns zu Tische, Ibrahim, zwei Sekretäre, zwei Dolmetscher, Herzl und ich. Nachdem, wir die Hände gewaschen hatten, brach Ibrahim das Brot und gab jedem von uns ein Stück, eine mohammedanische „Mauzi". Dann wurden dampfende Schüsseln mit allen Arten von Speisen, unter denen Reis und Zucker einen hervorragenden Platz einnahmen, uns gegenüber auf die Tafel gestellt. Ich kann nicht gerade sagen, daß die Gerichte meinem Geschmack besonders zugesagt hätten; auch bei Dr. Herzl wird dies kaum der Fall gewesen sein. Aber wie verspeisten wir sie! Und wenn ich, veranlaßt durch einen gebieterischen Blick Herzls, eine Speise sehr lobte und Ibrahim mit seinen Fingern noch eine Portion auf meinen Teller schob, bekam ich unter der Tafel einen Fußtritt von Herzl, und ich verstand: ich mußte alles essen, was Ibrahim mir vorgesetzt hatte. Nun denn, ich merkte, daß das Reisen für den Zionismus auch seine Schattenseiten hat. — Aber wie verstand es Herzl, die Gesellschaft zu bezaubern! Und dann später, als verschiedene andere Hofbeamte zu uns kamen, um mit uns zu plaudern, wie hoch überragte er sie alle und wie wußte er sie unausgesetzt in Spannung und Bewunderung zu versetzen! Von der Hütte bis zum Palast, — alle die ihn kannten, ehrten bewunderten und liebten ihn. Herzl auf dem Kongreß Von Dr. Mayer Ebner, Czemowitz Erster Kongreß. Eröffnungssitzung. Die Zerstreuten Israels sammeln sich. Theodor Herzl hat sie gerufen, und sie sind gekommen, aus West- und Osteuropa. Amerika hat seine Vertreter geschickt, schwarzbärtige tscherkessische Bergjuden sitzen neben Juden vom Kapland, orthodoxe russische Rabbiner neben deutschen Rechtsanwälten und französischen Elegants. Ich war damals fünfundzwanzig, also in einem Alter, in dem alle Empfindungen .stärker zum Herzen wogen. Der Anblick der Versammlang berauschte mich. Mit dem historischen Judentum stark zusammenhängend, empfand ich diese Versammlung aus allen Enden der Welt als den ersten Erfolg prophetischer Verheiß mgen. Ich habe in der Folge auch andere Kongresse gesehen, die glanzvoller waren, aber keiner hatte die heilige Weihe des ersten. Die Augen der ganzen Welt waren auf diese Versammlung gerichtet, und schon die Tatsache, daß sie möglich geworden ist, daß Juden aller Länder und verschiedener Gesittung, orthodox^ Osljuden und assimilierte Westeuropäer, einen gemeinsamen Gedanken gefunden hatten, der ihre Herzen mit JgELT ■■ 491 himmelhohem Jauchzen erfüllte, diese Tatsache allein machte es erklärlich, daß die merkwürdige, hochgestimmte Versammlung mit einem Enthusiasmus sondergleichen den Mann begrüßte, der eben auf die Tribüne trat, um das unvergeßliche Wort zu sagen, daß der Zionismus die Rückkehr zum Judentum will vor der Heimkehr ins Judenland. Ich sehe ihn noch vor mir, den schönen, stattlichen Mann mit dem damals tiefschwarzen Vollbart, das Antlitz alabasterweiß von tiefer Erregung, die Augen gesenkt. So stand er da, während ein Sturm der Begeisterung ihn umloste. Was er in diesen Augenblicken wohl empfunden hat? Dreitausend Jahre jüdischer Geschichte rauschten an ihm vorüber. Durch die Gluten der arabischen Wüste führt ein Großer sein Volk aus dem Elend ins Land der Freiheit, und tausend Jahre später baut ein anderer das gefallene Heiligtum wieder auf und führt die Zerstreuten ins Judenland zurück. Wieder ein halbes Jahrtausend, und die letzten Helden decken mit ihren Leibern Moriah in Flammen. Sie sterben vergebens. Das Judenvolk zieht durch die Welt, Feuerschein leuchtet dem Weg der Verfolgten und rastlos wandern sie, endlos, ziellos. Und da steht er, der Mann, der diesem ewigen Wandern ein Ziel setzt. Das Ziel heißt Zion. Der Beifallssturm hat sich gelegt, das blasse Antlitz hat sich belebt, die Augen, die schönen, unvergeßlichen Augen glänzen, und er, der Meistor des Stils, spricht die erste seiner Kongreßreden. * * * Einige Tage nach dein ersten Kongresse traf ich Dr. Herzl in Wien. Er frag mich, was ich vom ersten Kongreß halte. Ich bezeichnete ihn als einen großen, moralischen Erfolg, meinte aber im Sinne jener vielen, die schon am ersten Kongreß die feierliche Mitteilung irgendeiner geheimgehaltenen wichtigen Tatsache erwartet hatten, daß wir diese Überraschung vermißt haben. Herzl fuhr heftig auf und sagte mir wörtlich: „Wie ungeduldig die Juden sind. Wenn sie 1800 Jahre warten, dann können sie noch 2—3 Jahre warten." Ich leugne nicht, daß mich diese Äußerung überraschte. In der Folge hat Herzl dieser optimistischen Auffassung der zionistischen Sache in London öffentlich Ausdruck gegeben, und jene, die seine Arbeit am Goldenen Horn kannten, haben gestehen müssen, daß Herzl damals diese hohe Zuversicht haben durfte. Aher bei derselben Gelegenheit wagte ich doch noch einen Einwurf: „Wie aber, wenn Palästina absolut nicht zu haben ist?Ä Herzl erwiderte darauf: „Nun, dann suchen wir uns halt ein anderes Land." Als dann später das Ugandaprojekt auftauchte, habe ich oft an diese kurze, vielsagende Bemerkung gedacht. Ich habe Theodor Herzl auch immer so verstanden, daß er die Lösung der Judenfrage in der Schaffung einer Heimstätte sah und unter allen Ländern der Welt dem heiligen Lande den Vorzug gab. * * * Zum letzten Male habe ich Theodor Herzl am III. Kongreß gesehen. Die damaligen Mitglieder des Engeren Aktionskomitees — sie sind fast alle ihrem Führer im Tode gefolgt — erfreuten sich keiner sonderlichen Beliebtheit. Da die Kritik sich an den vergötterten

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