Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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490 - DIE^ licher Schärfe waren. Meist fielen sie gelegentlich irgendwelcher kleiner, die Bewegung wohl kaum schädigender Versehen. Und doch hat er diese Männer geliebt. Der Urgrund dieser gelegentlichen Schärfe lag in seiner an Verzweiflung grenzenden Stimmung, wenn ein unvorhergesehenes Hindernis den Fortschritt seiner Arbeit aufhielt. Und die Ursache dieser Stimmung war wieder das Bewußtsein, daß er keine Zeit zu verlieren hatte— wußte er doch, daß er ein sehr kranker Mann war. Wenn er den Eisbeutel auf das unruhige Herz legen, Beruhigungsmittel anwenden mußte, sagte er sich, daß ruhelos geschafft werden müsse, solange es Tag sei. Dann gab es für ihn keine Rast, tage- und nächtelang, und auch keine Ruhe für seine Freunde, an die er die höchsten Anforderungen stellte. Vor seiner Reise nach Kairo besuchte ich ihn in Wien. Er war furchtbar ermüdet und doch täglich der erste und letzte an der Arbeit. Ich bat ihn, sich zu schonen, nach einem ruhigen Platz des Südens zu gehen. Er erwiderte : „Es geht nicht; denken Sie doch nur, diese Verantwortung! Ich Wierde ja nicht lange mehr leben. Um 4, 5 Uhr morgens werde ich wach und denke, wie alles einzurichten ist. Oft bin ich ganz ermattet vom Sorgen. Aber ein gutes Pferd stirbt in den Sielen." Dann sprach er über die Zukunft. Er sei stets bemüht, alles unpersönlich einzurichten. „Wenn ich sterbe, läuft die Maschine glatt weiter. Man wird mir einen schönen Nekrolog halten, so und so viel Vereine werden mich ins üoldne Buch eintragen lassen, sonst ändert sich nichts. Alle Herren des E. A. C. sind unterrichtet, und wenn mein Nachfolger nicht dieselbe Autorität genießt, so ist das ganz gut; er soll sich dies Vertrauen erwerben." Während seiner letzten Krankheit war Herzl die äußerste Schonung anbefohlen. Dr. Katzenelsohn. besuchte ihn in'Franzensbad, wo er zur Kur weilte und war erschreckt über den sichtlichen Verfall und die Abnahme der Kräfte. Alseram kommenden Morgenzu sehr früher Stunde das Zimmer Herzls betrat, um sich zu verabschieden, fand er den Kranken völlig angekleidet und sehr erschöpft vor. Auf seine bestürzte Frage, was es gebe, stellte sich heraus, daß Herzl die ganze Nacht zur Abfassung einer Denkschrift für Petersburg verwendet hatte. (Vgl. die abweichende Darstellung, die Dr. Katzenelsohn in seinem Artikel auf Seite 475 gibt.) Ahnliche Tatsachen ließen sich massenhaft erbringen. Aber das Gesagte möge genügen, um zu zeigen, wie Herzl seine Lebensaufgabe erfaßte. Das Volk fühlte instinktiv diese große Liebe zu den Menschen und zum Judentum, und darum verehrte es in diesem westeuropäisch empfindenden Manne, der von jüdischen Dingen wenig genug wußte, die Verkörperung all seiner Hoffnungen. Was mag Theodor Herzl, dessen unablässig arbeitendes Hirn voll von Plänen war, dessen gewaltiges Aktivitätsbedürfnis keine Schranken kannte, beim schrittweisen Herannahen des Todes empfunden haben, der ihn zwang, seine Lebensarbeit fremden, unerprobten Händen zu überlassen! „In mid of life come the death," Mitten im Leben kommt der Tod! Diese Worte hat er auf einen Bogen Papier geschrieben und über die Briefschaften in seinem Schreibtisch gebreitet, bevor er seine letzte Fahrt nach Edlach antrat. Und doch ist seine Tatkraft, seine unerschütterliche Energie, sein Glaube an den Sieg der guten Sache, wenn ein jeder seine Schuldigkeit tue, erhalten geblieben bis zum letzten Augenblick. Noch kurz vor dem Verscheiden, [ELT 1 No. 20 nur durch künstliche Mittel aller Art am Leben erhalten, fand er Interesse an den großen Ereignissen um ihn her, verlangte er Nachrichten vom ostasiatischen Kriegsschauplatz. In seinem Wesen lag eben „jene pro-1 blematische Gewalt, — um mit Goethe zu reden, — die alle empfinden, die kein Philosoph erklärt, und über die der Religiöse sich mit einem tröstlichen Worte hinaushilft." Goethe nennt sie das Dämonische und meint, daß sie sich stets in einer durchaus positiven Tatkraft äußere. Herzl hat sie in höchstem Maße besessen und vermöge ihrer den Materialismus, den Fatalismus zerbrochen, der im modernen Judentum lag und drohte, es ihm selbst zu entfremden. Seine Persönlichkeit war ein einziger lebendiger Ruf zur Tat. Und darum wird er, auch wenn die Einzelheiten seines Wrirkens dem Gedächtnis der Menschen entschwinden, für das jüdische Volk sein, was Friedrich IL den Deutschen war, der Begründer ihrer geistigen Einheit und der Erwecker ihrer nationalen Kultur. Herzl in den Niederungen und auf den Höhen der Gesellschaft Von Joseph Cowen, London (Aus dem Englischen). Geehrte Redaktion! Sie haben mich gebeten, Ihnen etwas über Herzl zu schreiben. Dies ist so schwierig und anderseits doch wieder leicht, daß ich kaum weiß, wo ich beginnen und worüber ich zuerst schreiben soll. Die unvergleichliche Liebenswürdigkeit Herzls ist jedem wohlvertraut, der je mit ihm in Berührung kam. Gleichwohl zweifle, ich, ob es in weitern Kreisen bekannt ist, wie sein Verhältnis zu den Armen war. Ich habe ihn niemals an einem Armen vorübergehen sehen, ohne daß er etwas gab, und er gab in einer Weise, daß der Empfänger sich niemals gedemütigt oder unterstützt fühlte. Bs war stets ein Akt reinen Mitgefühls, das ein menschliches Wesen dem andern gegenüber bekundete, — sicherlich eine der seltensten Erscheinungen auf dieser Erde. Von dem armen jüdischen Hausierer in den Londoner Gäßchen bis zu dem noch ärmern jüdischen Stiefel; putzer in Konstantinopel ist ein langer, leidvoller Weg, und es gibt gar mannigfache Abstufungen jüdischer Armut und jüdischen Elends zwischen diesen beiden Endpunkten. Aber ihnen allen galt Herzl als eine Idealgestalt gütigen menschlichen Empfindens. Und er war es dem nichtjüdischen Elend gegenüber nicht minder als dem jüdischen. Es mag so manche arme alte Obstfrau, so manchen Schuhputzer, Straßenhändler, blinden Sänger, Lahmen und Krüppel in allen Teilen Europas geben, die eine Besserung ihres Loses gefühlt haben, weil sie mit Herzl zusammengetroffen waren. Aber wenn Herzl unter den Enterbten und Verstoßenen der Zivilisation beliebt war, so war er es nicht weniger am andern Ende der gesellschaftlichen Stufenleiter. Ich werde niemals unsern Einzug in den Yildiz-Kiosk vergessen, wohin wir in einer uns zur Verfügung gestellten Hofequipage fuhren. „Beachten Sie wohl, Sie betreten nunmehr ein Wunderland," sagte Herzl zu mir, „und sobald wir durch diese Tore gehen, treten wir in die Zeit von Tausend und einer Nacht ein." So war es auch. Dutzende von Bedienten rannten hierhin und dorthin, große Turbane auf den Köpfen, die sie gleich phantastischen Riesen erscheinen ließen. Gewundene Pfade mit pagodenähnlichen Gebäuden, umgeben von zierlichen Gärten, seltsam gekleidete Soldaten in den verschiedensten Farben, aller Sprachen kundig, mit Ausnahme derer, die wir verstanden, — und dann das Vorzimmer des Zerernonienmeisters. Hier fühlte ich mich eher in einem Panoptikum als irgendwo anders. Aber Herzl lächelte und stellte sich auf guten Fuß mit allen, die hereinkamen.