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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 53

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 53)
Language
German
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auf mich warten. Herzl." Am andern Tage präzise 10 Uhr war unser Führer bei uns. Er war auf der Durchreise nach Rom zu einer Audienz beim Könige von Italien/ welche der Rabbino "Maggiore von Florenz, Dr. Margulies, vermittelt hatte. Auf der Rückreise wollte Herzl sich einige Tage bei uns aufhalten. — Aus Rom schrieb er, daß er am 24. Januar vom König in einer einstündigen Audienz empfangen wurde. „Der König war herrlich", schrieb er, er versprach seine Unterstützung und veranlaßte Herzl da(3 er auch zum Minister des Äußern, Tittoni, gehe; als Herzl den Besuch beim Minister riiachte, hörte er, daß dieser vom König bereits auf den Besuch vorbereitet und in den Gegenstand, um welchen es sich handelte, vom König eingeweiht war. — Er war tags darauf beim päpstlichen Staatssekretär Merry del Val und beim Papste. Die Besprechung beim Staatssekretär dauerte dreiviertel Stunden, die Audienz beim Papste fast eine halbe Stunde, Am 28. Januar empfingen wir die Nachricht, daß Dr. Herzl nachmittags Florenz passieren werde. Wir erwarteten ihn am Bahnhof. Bei seiner Ankunft teilte er uns sofort interessante Einzelheiten über seine Be: gegnung mit dem König, dem Minister, dem päpstlichen Staatssekretär und dem Papste mit. Leider ward unsere Hoffnung, ihn einige Tage bei uns zu haben, zunichte, denn er eilte nach Wien zurück. Sein Herz machte sich leider auffallend bemerkbar. Mit wehmütigem Lächeln sprach er von den 120 Pulsschlägen in der Minute. Es blieben leider nur noch wenige Augenblicke, denn das Zeichen zur. Abfahrt wurde gegeben. Rasch verabschiedeten wir uns von unserm geliebten Führer und teuren Freunde. „Auf Wiedersehen!" sagten wir einander, und der Zug entführte uns den teuren Mann, den wir leider nicht me'^r wiedersehen sollten; es war ein Abschied für immer! Wie ich ihn sah Von Dr. Ad. Friedemann* Berlin Es ist sehr schwer, über Theodor Herzl zu schreiben, besonders im Rahmen eines kurzen Aufsatzes. Nicht etwa, weil es an Material fehlt; denn diese wundersame Persönlichkeit, diese Verkörperung der schönen und idealen Eigenschaften unseres Stammes, bietet ja unendlichen Stoff zur Betrachtung. Schwer ist es, über Herzl zu reden, weil es nur einem Qenie gelingen kann, dem Qenie gerecht zu werden, und weil die ungeheure Vielseitigkeit und Größe seiner Persönlichkeit den Überblick erschwert. Er ist uns noch zu nah, ragt noch zu mächtig vor uns auf, um uns ganz erkennbar zu sein. Man überschaut den Riesenleib der Sphinx erst rückblickend, wenn man eine Weile gewandert ist. Nicht votir Politiker oder Dichter Herzl will ich deshalb reden, sondern vom Manne, der sich als Mensch empfand. Bleibt doch von den Taten und Werken, die wir hier vollbringen, wenig genug Bleibendes. Schon die Enkel gehen meist gleichmütig an dem vorüber, was die Großväter geschaffen haben. Nichts in ihrem Innern regt sich bei der Wahrnehmung von Dingen, beim Hören von Taten, die ihnen alltäglich sind. Und die Masse des Volkes belastet ihr Gedächtnis mit nichts weniger gern als mit historischen Daten. Bestenfalls speichert sie einige Schlagworte auf zu ungefährer Begriffsbestimmung. Aber die Persönlichkeit als Ganzes erweckt weit über den Tod hinaus das Interesse ferner Geschlechter. Goethe wird wahrhaft populär erst heute mit der verbreiteten Kenntnis seines persönlich-geistigen Lebens, heute, da man viele seiner Schriften kaum mehr liest. Der Napoleonkultus, den man heute in dem von ihm besiegten Deutschland treibt, gilt wahrscheinlich nicht dem Unterdrücker, sondern dem Träger einer Welt von Ideen. Und Bismarck wird heute selbst von denen ehrfürchtig bewundert, denen seine Politik keineswegs zusagte. So wird es. auch Herzl ergehen. Mag der Zionismus sein Ziel erreichen oder wie eine Welle vergehen im Meer der Zeiten, — Theodor Herzl wird eine der volkstümlichsten Persönlichkeiten bleiben, solange Juden leben. Denn weit über sein zionistisches Wirken hinaas ging der Eindruck seiner rein menschlichen Persönlichkeit. Abgesehen von seinem höchst eindrucksvollen Äußern waren es zwei Eigenschaften, die ihn dem Volke nahebrachten: die große Seelengute seines Wesens, die ihn mit intuitiver Schärfe alle geistigen und körperlichen Bedürfnisse der Menge wie seiner Nächsten empfinden ließ, und das ungeheure Verpflichtungsgefühl, das ihn oft zu verzehren drohte und dann mit elementarer Wucht zum Ausdruck kam. Das Verhältnis Herzls zu seiner Familie war ein ungewöhnlich inniges. Für seine Eltern empfand er schwärmerische Verehrung. Hatten sie ihm doch unter eigenen Entbehrungen seine Laufbahn ermöglicht. Die Kinder liebte er in einer geradezu überschwenglichen Form. Auf Reisen verging fast kein Tag, ohne daß er an sie schrieb. Oft genug, während der Kongresse, bei Verhandlungen, wenn die Minuten kostbar waren, wandte er sich an mich mit der Bitte, den Kindern Karten zu senden, „damit sie nicht dächten, er habe sie vergessen". Für ihre Erziehung war ihm kein Opfer zu groß. Dabei war sein steter, oft geäußerter Grundsatz: „Knaben erzieht man mit Ehrgeiz, Mädchen mit Schamgefühl." In öffentliche Schulen sandte er sie nicht, um ihnen jeden ungünstigen Einfluß fernzuhalten, dann auch, weil er ein Gegner der sogenannten klassischen Gymnasien war. „Sie sind sich gegenseitig die beste Gesellschaft" pflegte er zu sagen. In seinen kargen Mußestunden suchte er in ihr Denken und Fühlen einzudringen, sie nach Möglichkeit zu beeinflussen. Und wie er den Kindern geistig nahe zu sein bemüht war, so jedem einzelnen, auch dem Geringsten aus dem Volke. Ich erinnere rnich, daß Herzl daheim bei Tische saß nach stundenlangen Verhandlungen, als der Rabbiner eines winzigen ungarischen Städtchens gemeldet wurde. Man bat Herzl, bei dem sich damals schon bedenkliche Anzeichen des Herzleidens zeigten, den Mann zu gelegenerer Zeit wiederkommen zu lassen. Er erwiderte: „Der arme Teufel reist 10 Stunden, um mich zu sprechen, und ich soll ihn gehen lassen, um ruhig Mittag zu essen?" Darauf ging er hinaus und sprach dreiviertel Stunden mit dem Ankömmling, nach deren Verlauf er so völlig erschöpft war, daß er kaum etwas genießen konnte. Oft genug sprach er nach Debatten, in denen er maßlos angegriffen und ungerecht behandelt worden war, in der herzgewinnendsten Weise mit seinen Gegnern. Das war ihm selbstverständlich, weil er auch in den schärfsten Angriffen niemals den Ton echter Liebe zum Judentum und Palästina überhörte. Aber rückhaltloses Vertrauen brachte er fast niemand entgegen, auch den besten Freunden nicht unbeschränkt. Er fürchtete stets eine Schädigung der Sache und konnte bei den geringsten Fahrlässigkeiten oder Eigenmächtigkeiten derer, die er mit Aufträgen bedachte, scharf, ja schroff werden. Ich habe mir gelegentlich Aussprüche über lebende und tote Zionisten notiert, die ihm am nächsten standen, und die von einfach erschreck-

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