Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 51)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316426--53266-3347040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 20 DIE] Leitung und die Disziplin, die sie hielt. Ich weiß, daß wir manchen Spott als „Leibgarde" des Führers zu erdulden hatten, aber wir schämen uns nicht, einzugestehen, daß wir die Zeit, wo wir deutschen Zionisten — gegen heute nur ein kleines Häuflein — geschlossen und in Treue fest um unsern großen Führer standen, als den Glanzpunkt in der Geschichte des Zionismus in Deutschland betrachten. Die Jugendzeit aller großen Bewegungen ist, wenn man von der Höhe des Erreichten auf die bescheidenen ikifänge zurückblickt, in den Zauber einer schönen Erinnerung getaucht« So erscheint auch uns die Zeit, wo eine kleine Zahl zielbewußter Männer, die sich alle persönlich nahestanden und in deren Reihen es keine Mitläufer und keine Eigenbrödler gab, die Flagge des politischen Zionismus in Deutschland entfaltete, gemessen an den heutigen Zuständen wie eine Idylle, obwohl es wahrlich an Kämpfen nach außen nicht fehlte. HerzPs Geist lag auf diesen ersten zionistischen Arbeiten in Deutschland, und sein Auge ruhte liebevoll und wohlwollend auf unsern bescheidenen Leistungen. Hier fand er eine Jüngerschaft für seine politische Idee. Denn das war das Charakteristikum der jungen Bewegung in Deutschland, daß sie vor allem politisch war. Herzls literarische Tat, der 3,Judenstaat", und seine erste organisatorische Tat, der Kongreß, hatten in unsern Reihen die brachliegenden politischen Instinkte geweckt und latente politische Fähigkeiten mobilisiert. Wir haben keinen Grund, es zu verschweigen: Kultur fragen und ähnliches machten uns kein heißes Kopfzerbrechen. Uns packte die politische Idee, daß das jüdische Volk, das als Spielball der Launen der Völker bisher von diesen passiv sein Schicksal empfing, fürder selbst sein Geschick gestalten wollte. Und da wir aus der deutschen Geschichte wußten, wie unheilvoll einem solchen Beginnen sich Zersplitterung, Uneinigkeit und Sonderbündelei in den Weg stellen, so galt es zunächst, stramme Disziplin und Einigkeit wahren dem gegenüber, der uns den großen Zukunftsgedanken unseres Volkes verkörperte und seine Erfüllung vorbereitete. Wir hatten aus der Geschichte des deutschen Volkes, des Volkes der Denker, gelernt, wie die Tat so oft gelähmt wurde durch unfruchtbare akademische Erörterungen, und wir verloren uns und unsere Zeit nicht in Spintisieren und Kritisieren. So gab die deutsche Landsmannschaft das Bild einer Geschlossenheit und Entschlossenheit, das Herzl viele Freude bereitete. Wir fanden bei ihm auch stets das vollste Verständnis für die Besonderheit unserer Position in Deutschland. Er legte hohen Wert auf die guten Beziehungen der deutschen Zionisten zu den offiziellen Regierungskreisen und war mit uns einig in der Erkenntnis, daß die deutschen Zionisten innerhalb der deutschen Staatsbürgergemeinschaft keine eigene innerpolitische Tätigkeit zu erfüllen hätten. Wir durften, so oft wir uns auch an Herzl wegen unserer Stellungnahme zu dieser oder jener Angelegenheit, die das deutsche Judentum betraf, wandten, immer einen klugen, klaren Rat erwarten. Selbst in einer nur einen kleinen Kreis interessierenden Frage, wie die badische Gebetbuch« reform, hat er uns vor Jahren in ein paar einfachen Worten den Weg gewiesen, den wir als Zionisten zu gehen hätten, und mit der von Herzl uns vorgezeichneten Marschroute sind wir dann in den Kampf gezogen, um zu siegen. Es war erstaunlich, wie trefflich er unsere jüdischen Gegner in Deutschland beurteilte, wo er doch nie längere Zeit unter deutschen Juden gelebt hat. Sein ^ELT ' 487 Urteil über die Assimilanten in Deutschland war manchmal recht hart, aber doch immer getragen von einem feinfühlenden Verständnisse und gütigem Verzeihen. Die innigen historischen Beziehungen des Judentums zu der deutschen Kultur würdigte er so sehr, daß er auch dort, wo er die Furcht vor dem Zionismus als einem Störenfried dieser Beziehungen verlachte, die psychologischen Beweggründe dieser Furcht anerkannte. Wir deutschen Zionisten verdanken Herzl die Methode der Propaganda und Verteidigung unserer Idee in Deutschland. Die Grenzen der ziffernmäßigen Ausdehnung des Zionismus in Deutschland sind wohl ziemlich eng gezogen, aber im Zeichen der von Herzl ausgegangenen öffentlichen und rückhaltlosen Erörterung der jüdischen Fragen ist es gelungen, dem ganzen jüdischen Leben in Den Ischland neue Impulse zu geben und es unter den Bannkreis des Zionismus zu zwingen. Daß dieses Ergebnis voniuiseru Gegnern, allerdings nicht von allen, geleugnet wird, ändert nichts an der Tatsache. Es ist noch nicht abzusehen, wie einmal diese unverkennbare Wandlung des jüdischen Lebens in Deutschland unter dem Einfluß des Zionismus für unser Programm nutzbar wird gemacht werden können. Die Entwicklung des Hilfsvereins der deutschen Juden z. B., die unbewußt und ungewollt der Beein flussung durch die zionistische Arbeit unterstand, berechtigt zu guten Hoffnungen. Gerade gegenüber den Presseauslassungen der letzten Wochen darf gesagt werden, daß diese Infiltration des jüdischen Lebens in Deutschland mit zionistischen Gedanken und Arbeitsmethoden nicht etwa der Propaganda eines verwässerten Zionismus zuzuschreiben ist, die nach meinen Erfahrungen von den deutschen Zionisten stets perhorresziert wurde, sondern der von Herzl übernommenen Agitatiousweise, die freimütig und offen vor alier Welt das politische Ziel des Zionismus in den Vordergrund stellte. Die Jugend, die uns zueilte, zum größten Teile Akademiker, hat den tiefen Sinn der von den deulschen Ziontslen unter Herzl geübten freiwilligen Unterordnung unter die politische Führung begriffen und ihre Stellung zu den sie umgebenden nichtjüdischen akademischen Kreisen in der Weise aufgefaßt und geordnet, wie es die von Herzl ausgehenden Traditionen vorschrieben. Und doch scheint es manchmal bei Betrachtung' der heutigen Verhältnisse der deutschen zionistischen Landsmannschaft, als ob vieles von den Errungenschaften, die wir der steten Fühlungnahme mit Herzl verdankten, die wir erzielten, indem wir die Begeisterung, die von seiner herrlichen Persönlichkeit ausging, wieder auf andere ausströmten, verloren gegangen sei. Die deutsche Landsmannschaft ist vor allem nicht mehr die geschlossene, gut disziplinierte Truppe von ehedem, Die letzten Kongresse sahen eine in sieh uneinige, schwer zusammenzuhaltende und sich in heftigen Wort geplänkein aufreibende deutsche Landsmannschaft. Welche Ursachen seit dem Tode Herzls diese Änderung herbeigeführt haben, soll hier nicht erörtert werden. Wir haben es sicher nicht verstanden, unter den veränderten Zeitläuften unsere innere deutsche Organisation so fest zusammenzuhalten, wie es im Interesse unseres Ansehens innerhalb der Gesamtorganisation wünschenswert gewesen wäre. Aber schon der oberflächliche Kenner der zionistischen Verhältnisse in Deutschland wird sagen müssen, daß ein Mißverhältnis besteht zwischen diesem Verhalten der deutschen Landsmannschaft auf den Kongressen und der rührigen Tätigkeit der deutschen Zionisten auf allen n*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.