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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 50)
Language
German
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Was die Organisation schuf, war einzig Herzls große Persönlichkeit. Der große, aufrechte Mann mit dem prophetischen Selbstvertrauen war der gegebene Führer. Er war es selbstverständlich. Er war es für sich, er war es für uns. Er verkörperte uns die jüdische Ehre und die jüdische Schönheit. Seine Klugheit war ehrlich. Seine Diplomatie ohne Hintertüren. Er kannte kein Falsch und war deshalb kein Menschenkenner. Dadurch verschaffte er sich manche Gegnerschaft, wo es im Interesse der Sache besser gewesen wäre, daß er gerade dort seine beste Freundschaft, seine unbedingtesten Anhänger gehabt hätte. Seine Größe war der unbeugsame Wille zum Ziele. Dieser sein starker Wille einte uns. Durch ihn schuf er Kongreß und Partei, durch ihn das wollende Volk. Dieser Wille beruhte auf seinem prophetischen Selbstvertrauen, auf seiner Zielsicherheit. Als Herzl auf dem sechsten Kongreß das Ost-Afrikaexperiment vorschlug, da wußte er, daß er um keinen Zoll breit vom direkten Wege nach dem Lande Israel, nach Palästina, abrückte. Er begriff nicht, daß nicht alle dasselbe Zutrauen zu seiner Sicherheit hatten wie er selbst. Aber bereits die Männer, die für seinen Vorschlag einer Kommission eintraten, begriffen nicht mehr, daß Ost-Afrika nur sein politisches Sprungbrett sein sollte, daß er glaubte, seiner zu bedürfen, um im weitern Kontakt mit König Eduards wohlwollender Regierung zu bleiben, von deren Großherzigkeit er mehr als anderswo ernste Schritte für die Wiedererlangung des Landes Israel erwarten durfte. Aber seine scheinbar nächsten Freunde, die für Ost-Afrika bereits ganz im territorialistischen Sinne in der Kongreßdebatte das Wort ergriffen, trieben viele, die wohl Herzls wahren Sinn verstanden, in die Reihen derer, die glaubten, jedem ersten Versuch des Landsuchertums entgegentreten zu müssen. Herzl war und blieb stets ein unbedingter Kämpfer einzig und allein für die Heimat des Volkes Israel im Lande Israel. Seine geistige und leibliche Schönheit im Verein mit seiner überlegenen Persönlichkeit und Würde und der in ihm zutage tretenden Verkörperung der nationalen Sehnsucht und des Volkswillens machten, daß er, der kein gekröntes Haupt war, mehr als die meisten von ihnen als der geborene und auserkorene Fürst des Volkes erschien. Er strebte in so reiner idealer Form nach den sittlichen Idealen seines ernsten Stammes, daß er in seinem Volkskampf und der Art seines Strebens den Kindruck der Schönheit hervorrief. Die Würde und Ehre des jüdischen Volkes hat er in vollendeter Form in die Erscheinung treten lassen. Die Einheit seiner Erscheinung, seiner Anschauung und seines Wollens war Harmonie. Sein /Merkmal war Wille. Seinen ersten Schritt im Zionismus, seinen Judenstaat, leitete er damit ein: „Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben!" Seine letzte große Schrift „Altneuland'4 schließt er mit den Worten: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!" So hat der Wille ihn geführt während der kurzen Spanne seiner zionistischen Arbeit. So plötzlich und unerwartet er unter uns erschienen ist, so plötzlich und unerwartet ist er aus seiner Tätigkeit mit uns und für uns hinweggerafft worden. Aber sein Werk überdauert ihn. Er scheint das geahnt zu haben, bereits als er seinen Judenstaat als Aufruf an die Völker und an die Juden hinausschickte: „Ich bin im tiefsten davon überzeugt, daß ich recht habe, ich weiß nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolfes Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Qlück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein." Theodor Herzl hat weder die Idee des Zionismus als solche erfunden, noch hat er den ersten Anstoß zu der modernen zionistischen Bewegung gegeben. Aber seine gewaltige Willenskraft hat er uns hinterlassen in der unzerstörbaren Organisation, die er geschaffen hat, um seinem hohen Ideale das wirkende Werkzeug zu geben, sich in die Wirklichkeit umzusetzen, seinem Ideale, das kein anderes war und ist, als das Judentum für alle Zeiten zu erhalten durch Wiedererrichtung seiner Kulturstätte im Geburtsland seiner Kultur. Theodor Herzl und der Zionismus in Deutschland Von Dr. Julius Moses, Mannheim Ein heller Jubeltag hätte dieser Gedenktag für das jüdische Volk werden sollen, jetzt läßt ihn das jammervolle Geschick zu einem jener traurigen Erinnerungstage werden, an denen der jüdische Geschichtskalender so überreich ist. Die berufenen und Berufs-Schriftsteller, an denen in unserer Partei kein Mangel ist, werden unser Weh in Worte kleiden, die des großen Toten würdig sind. Wir Menschen der nüchternen Berufsarbeit, denen kein Gott gab zu sagen, was sie leiden, finden aus der Bitternis der Gefühle und der Wehmut der Erinnerungen keinen andern Ausweg als die Aufraffung zur Pflicht des Tages, der in jeder Stunde gebieterisch nach Arbeit für unsere Volkssache ruft. Der Lebende hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht vor dem Toten voraus. Die Diskussionen der letzten Wochen, die der Aufsatz eines unserer deutschen Zionisten auslöste, haben die Aufmersamkeit in erhöhtem Maße auf die deutschen Zionisten gerichtet. Wir sahen die Zeitschriften am Werke, die Psyche der westlichen und besonders der deutschen Zionisten zu analysieren, die Falten unseres Inner-Innersten auszubreiten und den Gegensatz zwischen uns und den Östlern in das Licht des kritischen Vergleiches zu rücken. Ich will auf diesen Streit nicht eingehen, denn ich halte dafür, daß der, der inmitten dieser mehr oder minder erregten Diskussionen schweigend seine Arbeit im Dienste unserer Idee fortsetzt, der letztern keinen geringem Dienst leistet, als wenn er sich an der psycho-analytischen Forschung beteiligt. Dieses soll nur gesagt sein: Wir deutschen Zionisten sollten nicht den Mittelpunkt journalistischer Sonntagsbetrachtungen, sondern den Mittelpunkt der Werktagsarbeit in unserer Bewegung bilden. Das ist das Z el, das uns kein Geringerer gesteckt hat als der, an den wir heute denken: Theodor Herzl. Es ist den weitesten Kreisen unserer Organisation bekannt, welch große Stücke Herzl auf die deutschen Zionisten hielt; mehr als einmal hat er uns dieses wissen lassen, und mehr als einmal hat er uns unsern Anteil an der zionistischen Arbeit vorgezeichnet. Was er vor allem an unserer Landsmannschaft rühmte, war ihr unbegrenztes Vertrauen zu der

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