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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 49

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 49)
Language
German
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No. 20 DIE^KELT 485 der neuen jüdischen Kulturbewegimg war vorhanden, ehe er sich zum Zionismus fand. Ja sogar der Gedanke, der ihn scheinbar am meisten in der Methode von andern Zionisten unterscheidet, das politische Streben nach einem Charter hatte bereits einen Vorgänger im Neujudaismus gefunden. Sogar die Idee, einen Charter auf ein Stück nichtpalästinensischen Bodens zu erwerben, um darin ein Sprungbrett für die Erwerbung des alten Stammlandes der Väter zu finden, war von einem großen Vorgänger sieben bis acht Jahrzehnte früher praktisch versucht worden. Was ist uns also Herzl? Was bedeutet er für uns, wenn er weder die Idee des Zionismus gegeben hat, wenn nicht einmal der moderne Zionismus von ihm stammt? Wenn Gedanke und Form von ihm nicht geschaffen wurden? Die Persönlichkeit Herzls ist es, die so groß ist, daß sie das gesamte Volk überragt. Sie ist ein Stück lebendig gewordener jüdischer Geschichte, ein gewaltiges Stück jüdischer Lebensenergie in ihrer schönsten und würdigsten Form. Theodor Herzl steht mitten in der jüdischen Geschichte aller Zeiten als ragender Fels. Er verkörpert ein Stück des Geistes der jüdischen Geschichte. Herzl ist ein moderner Mensch, ganz modern. Er steht in der Welt, die ihn umgibt, an einem hervorragenden Platz und ist ein Stück von ihr. Aber dieser moderne Mensch ist ganz Jude, ganz und gar ein Stück Judentum. In welche Periode der jüdischen Geschichte man ihn stellen würde, er stünde am rechten Platz. Nationaler jüdischer Genius atmet in ihm. Er ist moderner Mensch und Volljude im jüdischsten Sinne des Wortes. Seine Schönheit ist jüdische Schönheit, seine Würde Würde des jüdischen Volkes. Man kann die Idee der jüdischen Nationalität nicht leugnen; denn solche Männer wie Herzl, alle unsere geschichtlichen Größen, haben nur Platz im jüdischen Volkstum, in dem sie wurzeln, aus dem sie geboren und erwachsen sind. Daß solche Männer geboren werden, ist der beste Beweis der unverwüstlichen Volkskraft. Das Zeichen großer, wahrhaft großer Männer ist die innere Freiheit, die sie auch über jede äußere Unfreiheit erhebt. Herzl war innerlich so frei, wie er groß war. Diese innere Freiheit aber erforderte den Kampf für die äußere Freiheit, das Ringen und Kämpfen für die Freiheit seines Volkstums. Wie der große Mann, der an der Spitze unserer ganzen Volksgeschichte steht, hinausging, das Elend seiner Brüder zu schauen und aus dem Mitleid heraus sofort ein Freiheitskämpfer wurde, so war es die Not der Juden, die im Dreyfus-Lärm ihm grell vor Augen trat, die ihn zurückrief in die Reihen seines bedrängten Volkes. Aber dieses Mitleid und Mitleiden waren nur der äußere Anlaß, seinen Judenstaat zu schreiben. Das Judentum war ihm Weltanschauung geworden, deshalb war er Zionist. Die Halbheit, sich als Deutschen oder Ungarn zu fühlen, die eigene Zukunft hier zu erträumen und für den Ostjuden Judentum zu verlangen, konnte in seiner großen Seele, der Ganzheit ein Postulat war, keinen Platz finden. Die Verkrümmung des jüdischen Rückgrats im Gallith war seiner schönen aufrechten Seele zuwider, und er wollte seinem ganzen Volke die seelische Harmonie wiedergeben, die ihn so schön erscheinen ließ, schön als Juden. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn er in seiner Begrüßungsrede an den ersten Kongreß den „Zionismus die Heimkehr zum Judentum" nannte, ,,noch vor der Rückkehr ins Judenland". Für ihn und seine Genossen, die mit ihm zum ersten Kongreß versammelt waren, war diese Heimkehr erfolgt. Sie waren im Judentum wieder daheim. Und in derselben großen Rede ließ er keinen Zweifel darüber, daß diese Rückkehr „nur auf Grundlage der Nation'4 erfolgen solle und könne. In Herzls Programm waren die geistigen Mittel zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbewußtseins mit einbegriffen. Das waren bei ihm keine schönen Worte. Deshalb hat er seinen Zionismus niemals entschuldigt, weder vor andern noch vor sich selbst, auch nicht mit dem tönenden und ehrlichen Worte, er sei nicht zum Zionismus, sondern der Zionismus zu ihm gekommen. Er war in seiner Persönlichkeit nur Zionismus, nur Judentum, und die Frage, wer zu wem gekommen sei, war ganz überflüssig. Sie wurde nicht gestellt. Was Herzl bewußt schuf, war die zionistische Organisation, die Zusammenfassung aller der einzelnen Kräfte, die sich mühten, im Lande Israel die alte Volksheimat neu zu gründen. Sein erster Gedanke war, eine Organisation der Presse zu schaffen, sein zweiter der Kongreß. Organisation ist ihm „der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung''. Diesen Beweis hat er für die zionistische Bewegung erbracht. Aber die Organisation, die er schuf, ist der Zionistenkongreß, der lebendige Kongreß, der stets wiederkehrt, nicht die papierene Organisation, die notwendig ist, aber doch nur dem Kongreß dienen soll. Diese Organisation schuf er mit Leuten, die seit Jahrzehnten für den Zionismus tätig waren und die sich ihm willig unterordneten, weil sie die Überlegenheit seiner großen Persönlichkeit fühlten und verstanden. Diese freiwillige Unterordnung blieb auch bestehen, als längst Unterschiede in der Methode mit der fortschreitenden Arbeit mehr und mehr hervortraten. Herzls Kerntruppen waren die Ostjuden, ganz besonders die russischen Juden. In ihnen war ja der nationale Wille zum Leben am lebendigsten geblieben. In ihnen hatte sich die meiste jüdische Ursprünglichkeit und, abgesehen von den orientalischen Juden, der Zusammenhang mit dem reinen ursprünglichen Volkstum am längsten und festesten erhalten. Darum fand Herzl sich mit ihnen. Darum betonte er immer und immer wieder, es genüge vollauf für Judentum und Zionismus zum Leben, wenn die russischen Juden Zionisten seien. In ihnen fand er mit Recht die Kerntruppe des Judentums, in ihrer Jugend die Triarier des Zionismus. Chowewe-Zion und Zionisten, die sich nur in der Methode, nicht im nationalen Ziele unterschieden, fanden sich unter Herzls Leitung als zionistische Einheitspartei zusammen. Diese Chowewe-Zion sind sehr wohl von jenen Halbzionisten zu unterscheiden, die sich erst gewöhnen mußten, als Juden gelten zu wollen. Wir Chowewe-Zion wollten das ganze Ziel des Zionismus, die Umwertung alles Jüdischen und aller Kultur in jüdisch-nationale Kulturwerte, aber uns fehlte die große Organisation, und darum die auf ihr beruhende großzügige politisch-nationale Arbeit. Darum fügten wir uns trotz mancher Abweichungen in der Methode, vor allem im Hinblick auf die praktische Arbeit im Lande Israel, willig der Leitung des großen Mannes, und ertrugen es gern, wenn wir als „Herzlianer" von Halbzionisten bekämpft wurden, denen wir später uich! Herzl-dogmatisch genug sein konnten.

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