Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
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484 D1E2$KELT No. 20 Als seine ehrfurchtgebietende Gestalt am Eingange sichtbar wurde, erschollen jauchzende, brausende Hedadrufe im ganzen dichtgedrängten Saale, die sich immer wieder erneuerten, bis Herzl am Präsidialtische Platz nahm. Hier begrüßte ihn der Gemeindeälteste im Namen der ganzen Kolonie. Herzl war sichtlich tiefbewegt. Rischon war das erste jüdische Dorf, die erste jüdische Kolonie in Palästina, die er kennen lernte. Dies hob er auch in seiner Ansprache hervor. Er sprach ferner von dem Reichtum und der einzigartigen Schönheit der Natur unsers Heimatlandes, von der ewigen Sehnsucht des jüdischen Volkes und seiner neuerwachten Hoffnung auf nationale Wiedergeburt. Atemlos lauschten die Versammnlten den begeisternden Worten des großen Führers. Gierig sogen sie jedes Wort ein, und als Dr. Herzl geendet hatte, erbebte der große Saal von dem einstimmigen Rufe: TT»* hs^n V"i T,1» Tagsdarauf verließ Dr. Herzl die Kolonie, begleitet von einer Ehrenwache berittener junger Kolonisten. Er reiste von hier über Wadi-Chanin und Rechoboth Zurück nach Jaffa. * * * 1. November 1898. — Um 9 Uhr morgens standen mehrere hundert Personen bei Mikweh-Israel auf der Straße, die nach Jerusalem führt. Eine Triumphpforte, mit türkischen und deutschen Fahnen reich geschmückt, zu beiden Seiten der Straße die Schüler von Mikweh-Israel, der Direktor und das Lehrerkollegium, alle in festlicher Kleidung. Man erwartete den deutschen Kaiser. Plötzlich erblickt man eine Karosse, die aus Jaffa kommt und der vier Herren im Reiseanzug entsteigen. Neugierig blickt die versammelte Menge auf die Karosse und ihre Insassen. Wer sind diese? Sind sie vom Gefolge des Kaisers? Doch bald erkannten wir Du Herzl und seine Freunde. Nachdem Dr. Herzl den Direktor Niego begrüßt hatte, musterte er das Publikum, schritt durch die Reihen der Schüler und wandte sich wiederholt mit Fragen und Bemerkungen an Wolffsohn und Bodenheimer. (Ingenieur Seidener war etwas zurückgeblieben und machte eben photographische Aufnahmen.) Die Ankunft Herzls hatte uns alle aufs höchste überrascht und wir konnten sie uns gar nicht erklären. Es schien uns undenkbar, daß Herzl in dieser Hitze gekommen sein sollte, um den deutschen Kaiser vorüberziehen zu sehen. ... Es war bereits nach 10 Uhr. Glühend heiß brannte die Sonne hernieder. Mit Ungeduld sah man der Ankunft Wilhems II entgegen. Plötzlich sah man in der Ferne eine Gruppe Reiter heransprengen, hierauf eine zweite und eine dritte Gruppe. In diesem Moment wurde Herzl mit einem Male zum Beherrscher, zum Befehlshaber des Platzes. Ich blickte zu ihm auf, sein dunkles Angesicht zeigte eine außerordentliche Energie und königliche Würde. Aller Blicke waren plötzlich auf ihn gerichtet. In lautloser Stille nahm jeder seinen Platz ein. Warum? Keiner konnte sich darüber Rechenschaft geben. Noch eine Minute, und die Reiter hielten vor der Triumphpforte bei Mikweh-Israel. Die Kinder stimmten ein Lied an. Alle Augen suchten Kaiser Wilhelm. Ich blickte unverwandt auf Herzl. Ich ahnte, daß nun etwas bedeutsames kommen mußte. Plötzlich verließ einer der Reiter die Front und lenkte sein Pferd zu Herzl hin. „Guten Tag, Doktor", hörten wir eine kräftige Stimme laut rufen. Es war Kaiser Wilhelm. Lächelnd reichte er ihm die Hand. „Es ist ein heißer Tag. Wie geht es Ihnen?" Dr. Herzl, den Hut in der linken Hand, die rechte in der des deutschen Kaisers, antwortete mit klarer Stimme: „Danke, Majestät". Der Kaiser grüßte die versammelte Menge und wandte sich nochmals zu Herzl: „Auf Wiedersehen in Jerusalem!" Hierauf gab er seinem Pferde die Sporen und galloppierte mit seinem Gefolge davon in der Richtung nach Jerusalem. Herzl blieb noch einige Minuten auf dem Platz und ging dann langsam mit seinen Freunden nach Mikweh-Israel. Wir gingen mit ihm. Im Schalten von Bananen ruhte Herzl aus. Er lehnte seine hochgewölbte Stirn in beide Hände und verharrte in dieser Haltung einige Minuten lang. Wolffsohn und Bodenheimer standen neben ihm. Keiner der Umstehenden wagte ihn zu stören. Grasowsky, damals Lehrer in Mikweh, war der erste, der die lautlose Sülle unterbrach. Er bat Herzl um die Erlaubnis, von der Zusammenkunft telegraphisch Nachricht nach Europa zu geben. „Nein, mein Freund", sagte Herzl bestimmt. ,2Bitte, kein Wort darüber." Die innere Aufregung spiegelte sich deutlich in seinem feingeschnittenen Antlitz wieder. Wer weiß, welche Hoffnungen, welche Pläne die ihm zugesagte Audienz in Jerusalem in seinem Herzen wachgerufen hatte! Am 2. November wurde Herzl mit den anderen Führern der zionistischen Bewegung in Jerusalem von Kaiser Wilhelm II. empfangen. Theodor Herzl im Zionismus Von Heinrich Lowe, Berlin Theodor Herzl hat den Zionismus nicht geschaffen. Denn die im Zionismus ans Licht der Welt ringende Idee ist uralt. Sie ist die Idee des Lebens des Judentums, der selbstverständliche Erhaltungstrieb der um ihr Leben kämpfenden Nation. So ist die ganze jüdische Geschichte eigentlich nichts weiter als Zionismus. Es ist das harte und kernige Ringen der von unablässiger Spannkraft getriebenen Nation, ihr Dasein als Kulturvolk fortzusetzen, ihre Eigenart zu erhalten und unabhängig auszubauen. Dieses Sehnen und. Kämpfen findet seinen prägnantesten Ausdruck in der glühenden Liebe zu Zion, der Stätte der größten nationalen Herrlichkeit, an die sich alle Hoffnungen für die Zukunft beharrlich knüpfen. Es gehört die ganze Borniertheit vermeintlicher Gelehrsamkeit dazu, im prophetischen Geist den nationalen Genius des Judentums zu verkennen und die tiefe stammestümliche Sehnsucht und das echt nationale Wollen und Wirken dieser Größten der jüdischen Nation in unklarem und verschwommenem Weltbürgertum und Allerweltsträumereien zerfließen zu lassen. Ebensogut und mit viel mehr Recht könnte man die Dichter und Philosophen anderer Völker, die weniger in ursprünglicher Volkseigenart wurzeln, aus ihrer nationalen Bedeutung herauslösen. Aber ein solches Unrecht darf man sich nur an Israel erlauben, — seitdem es im Gallith ist. Die große nationale Zionsidee nahm aber seit dem Untergange Jerusalems noch viel mehr den Mittelpunkt im jüdischen Denken und Empfinden ein, als das schon vorher der Fall gewesen. Seitdem Jirmijahu seine weiche Seele in den unsterblichen Klageliedern um Jerusalems Fall ergossen hatte, wurde die jüdische Geschichte in ein einziges großes Streben verwandelt, die geschwundene Herrlichkeit wieder zu erlangen und das unterbrochene Leben in ungebrochener Kraft im alten Lande fortzusetzen. Dieses Sehnen und Ringen beherrscht die ganze Zeit des zweiten jüdischen Staates, und sie dauert durch alle Schrecknisse des Galuth fort bis auf den heutigen Tag. Dieser Zionismus ist identisch mit der jüdischen Geschichte und ist von keinem Menschen geschaffen, er ist nur der in die Erscheinung getretene Trieb des jüdischen Volkes, sich selbst zu erhalten. Aber auch die moderne zionistische Bewegung ist nicht von Theodor Herzl aus dem Nichts geschaffen worden. Er hat Vorgänger gehabt, und die ganze Gedankenwelt des neuen jüdischen Staatsgedankens,