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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 46

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 46)
Language
German
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482 DIE30KELT No. 20 Palästinensisches Bilderbuch Von Ii. York-Steiner Haifa, 10. März 1910. Herzl Herzele -- Herzliah Ein Bilderbuch oder gar nur einzelne Blätter mit kleinen Bildchen: für Kinder oder Erwachsene, wer sie lesen mag. Am meisten mir zu Gefallen. Denn ich schreibe nur, was mir gefällt, das Andere sehe ich genau so gut wie — andere, aber ich schreibe es nicht; es sei denn, das Wort könnte helfen. Daran aber glaube ich nicht. Ist erst einmal das schöpferische Wort verklungen und hat sich die Rede zur Tat kristallisiert, dann regiert die Logik der Tatsachen, denn die Dinge gehorchen nur ihren eignen Gesetzen. Ist aber das Geschöpf aus der Bahn gelenkt, lebt es dem Willen des Schöpfers entgeg en. Worte können da nichts ändern. Vielleicht hätte er vieles ändern können, dessen Bild in Palästina von so vielen Wänden grüßt, er, dessen Geist so vieles geschaffen hat, was ihm gar nicht zugeschrieben wird, und von dem vieles erwartet wurde, was er nicht hätte leisten können. Aber er war ein schöpferischer Geist, im Tode noch stärker als im Leben, denn er ist in die Legende seines Volkes eingegangen, das sein Bild gern vor Augen hat, sein Andenken zu heiligen. In Gasthäusern und Hotels, im Beth-Am und in Krankenhäusern, als Ölbild und als Radierung, in halbverblaßten Lichtbildern, billigen Drucken und Zeitungsausschnitten, in prächtigen Bezalelrahmen und einfach an die Wand geheftet, überall und in allen Formen das Bild Theodor Herzls in Palästina. Sichtbar an der Wand, hörbar in aller Munde und unsichtbar in den Herzen aller Juden, die eine Wiedergeburt Palästinas anstreben, — denn nicht alle Juden in Palästina wollen, was doch für sie so natürlich wäre. Von jenen wenigen aber, die selbst hier an die Nation nicht glauben, wollen wir schweigen. Der jüdischnationale Geist hat mächtige Fortschritte gemacht! Er wird alles wegschwemmen, was sich ihm hier in den Weg st eilt, oder alles transformieren, was ihm bisher widerstrebte. Das Hebräische hat in den 10 Jahren, seit meinem ersten Besuche Palästinas, mächtige Fortschritte gemacht, — man hört es allerwegen, bei der Arbeit, auf der Reise, in den Schulen, bei Kinderspielen und Kinderstreitigkeiten. In Rischon, wo früher der Unterricht französisch war, hörte ich fast mehr Hebräisch als in Jerusalem, und da passierte es mir, daß Herzele mich in arge Verlegenheit brachte. Wer Herzele ist? Ich könnte sagen ein Herzele, ein Herzchen, ein süßes herziges Kolonistenkind. Ja, aber deren gibt es gar viele. Diese Kolonistensprößlinge sind eine entzückende Rasse. Gesund, lustig, frisch, kräftig, hübsch, vielfach schön. Wenn ich wiederkomme, dann will ich in den Kolonien zum Kinde werden, um mit dieser köstlichen Brut recht vertraut zu werden. In der Herzlstraße in Rischon stapfte ein Eselchen umher, stark beladen mit zwei Kolonistenbuben. Der vordere, der Eigentümer, war immer derselbe, aber sein Hintermann wechselte, denn die ganze männliche Schuljugend wollte auf „Beckers Esel,, mitreiten. Und da muß man sehen, wie die Bengel auf und ab hüpfen. Und wie sie die Wände hinaufklettern, um lachend in die Gärten zu grüßen. Krabben, kaum dem Kindergarten entwachsen. Und erst gar, wenn ein Pferderücken frei ist. Mädchen und Knaben reiten leidenschaftlich. Nun hätte ich aber vor lauter Freude an der gesamten Jugend von Rischon mein Herzele vergessen, den blonden vierjährigen Dreikäsehoch, der den Namen Herzl als Rufnamen mitbekommen hat. — Im Gan jeladim, dem Kindergarten, haben wir uns kennen gelernt, bei hebräischen Spielen und Gesängen, — Herzl und Herzeline gab es da, und Herzele schien mich lieb zu gewinnen. Am zweiten Tage ließ er nach einem kräftigen Schalom meine Hand nicht mehr los. Immer wieder begann er ein Gespräch mit mir und wunderte sich ob meiner Wortkargheit, die mit meiner sichtbaren Kinderfreundlichkeit gar nicht im Einklang stand. Endlich aber dämmerte es in seinem jungen Köpfchen, das ein roter Tarbusch bedeckte. Enttäuscht und etwas sehr von oben herab sagte er zu seiner Omeneth: „So ein großer Mann und kann noch nicht einmal ordentlich Hebräisch sprechen." Ich stand nun beschämt vor dem ganzen Kindergarten, und Herzele suchte sich einen gebildeteren Spielgefährten. Auf dem Heimwege sangen die jungen Damen und Herren ihre Marschlieder und in ganz Rischon zwitscherte es, als sei ein plötzlicher Menschenfrühling hereingebrochen. Sogar von einem Baume herunter tönte Gesang, der nicht von Vögeln kam. — Viele junge Mädchen hatten sich im Laub ein lauschiges Plätzchen gesucht. Soll ich die stattlichen Kinder von Rechoboth besonders beschreiben oder jene von Pethach Tikwah? Was könnte das für ein Kinderbilderbuch werden? So schön die meisten dieser Kinder sind, so Palmenallee in Rischon le Zion.

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