Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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leben, würdig und entschlossen aufzunehmen hat; er hat dem verdorrten alten Judenstamme neue Säfte und Kräfte zugeführt; und wenn auch viele welke Blätter abfallen, so sprießen üppige, junge Triebe aufs neue hervor, die um ihre nationale Existenz und ihre Menschenwürde so lange kämpfen werden, bis entweder eine wahre Völkerverbrüderung oder — eine zweite Sintflut eintritt. . . Das Bewußtsein, diesen Kampf gemeinschaftlich mit Herzl als treuer Streiter mitgemacht zu haben, verklärt mir die Abenddämmerung meines Lebens. . . Was uns Herzl ist Von Dr. S. Franzie Berenstein, Haag Dr. Herzl habe ich nie gekannt. Und gleich mir sehr viele der unsrigen in Holland. Als wir Jüngern in den zionistischen Reihen unsere Führer kennen lernten, die Kongresse besuchenkonnten, da war Dr. Herzl schon von uns geschieden. Wir haben ihn also nie gesehen. Man hat uns nur geschildert, wie er dastand wie ein Herrscher über sein Volk, wie sein beseligendes Wort ging über der Juden Versammlung, welche von ihm geschaffen war, wie er allen Mut und Kraft einhauchte. Wir haben von Dr. Th. Herzl als der Zionisten Führer nur gehört. Und dennoch — der Name Herzl hat uns, nämlich der jüdischen Jugend im kleinen Holland — klein auch leider durch viele Juden, die als Juden klein sind und, wie es scheint, bleiben wollen — einen Klang gebracht, der immer weiter tönt und widerhallt. Für uns, für viele von uns ist dieser Name die Idee des Zionismus, der große jüdisch-nationale Qedanke, welcher den Zionismus geweckt hat und sein ganzes Schaffen, seine ganze Arbeit für jetzt und für die Zukunft beseelen und adeln soll. In Herzl ist der jüdisch-nationale Qedanke, mit welchem der jüdisch-politische untrennbar verbunden ist, verkörpert. Er ist das Jüdisch-nationale. Weshalb er mehr wie jeder andere? Weil ich glaube, daß Herzl sein Judentum im Sinne der jüdischen Nationalität so zu sagen sich selber zurückerobert hat. Er ist wieder Jude geworden. Wie, wodurch? Das sind Fragen, die nur Interesse haben für die Kenntnis seiner Persönlichkeit, wenig für seine Bedeutung im Zionismus. Uns genügt es, zu wissen, daß er, der große Führer und Leiter, es verstanden hat, über sein eigenes Leben die Kraft des national-jüdischen Gedankes wieder herrschen zu lassen, gerade damals, als ihm die Erkenntnis dämmerte, daß diese Kraft in ihm zu verschwinden drohte. Und in welchem Maße ist es Herzl gelungen, wieder Volljude zu werden! Mehr als jedem andern nach ihm! So sein Volk zu neuem Leben zu erwecken, kann nur er, der sich diesem Volke mit seiner ganzen Seele, mit seinem Sinnen und Leben hingegeben hat. So hat er die Kraft des nationalen Gedankens zu erfassen gewußt. Zuletzt hat diese Kraft ihn hinabgerissen, zu jung, zu früh. Er, der Jude, der den Juden in sich zum Siege geführt hat, er ist, wie wir Menschenkinder es verstehen, gerade durch seine Arbeit als Jude vor dem Ziel gefallen. Auch durch dieses Sterben, so jung, so früh, ist Herzl uns die Verkörperung unserer jüdisch-nationalen Idee . . . Diese Idee,-sie starb nicht, sie überlebte ihn. Natürlich. Aber er, der für sie gestorben ist, er ist für alle Zeiten ihr Bannerträger, ja mehr, sie selbst geworden. Gerade für die vielen, die immer zahlreichern unter uns, die ihn nicht gekannt haben. Und wenn kommende Zeiten den Namen Theodor Herzls in Liebe und Verehrung, mit Bewunderung und Erstaunen nennen werden, — und sie werden das! — dann wird von ihm gesprochen werden, als von dem Manne, der das alte, verteilte, geknechtete jüdische Volk, über aller Herren Länder zerstreut, durch die immer junge, einigende, befreiende Idee von Volkseinheit und Volksbewußtsein zu neuem kräftigem Leben geweckt hat. So, glaube ich, steht Herzl vor den Augen derer, die ihn nicht gekannt haben. Ein Wort des Trostes Von Hans Goslar, Berlin. Vor fünfzig Jahren erblickte der Mann das Licht der Welt, der der Bannerträger werden sollte unserer idealsten Hoffnungen, der unser aller Leben neuen Inhalt gab, der es verstand, dem Judenschmerz, dem tiefen Leid unserer Seelen in gewaltigen, machtvollen, tief erschütternden Worten Ausdruck zu verleihen. — Fünfzig Jahre sind es her, daß ein Mensch geboren wurde, wie ihn die Welt selten, das jüdische Volk in den Tagen des Exils nicht gesehen hatte. Bin Mann, der so groß war, daß man nicht wußte, ob seine Intelligenz oder sein Seelenadel, sein Idealismus oder seine selbstlose Begeisterungsfähigkeit seine schönste und erhabenste Eigenschaft sei. Ein Mensch, der von solch innerer Reinheit war, daß jeder kleinliche Gedanke verstummen mußte, wenn man ihm ins Antlitz blickte, ein Mensch, der gleichermaßen durch die adlige Kraft seiner Persönlichkeit wirkte, als durch die Größe und sittliche Kraft der Sache, die er zu seiner Lebensarbeit gewählt hatte. Alles das rufen wir uns heute in das Gedächtnis zurück, und zugleich mit diesen Gedanken und Empfindungen steigt ein tiefes Weh in uns auf: „Und gerade dich mußten wir so früh verlieren!kt Eine gewaltige Tragik liegt in dem Schicksal unseres Herzl, — aber im Plane der Vorsehung liegt sie, wie im Schicksal aller wirklich Großen. — Denn was ist die Aufgabe eines solchen Herrenmenschen? Ist sie, gleich den andern Sterblichen sich zeitlebens zu mühen und im Staube zu arbeiten und zu wühlen, um einen Bissen Brot sich zu placken und dem Tiere gleich die Triebe der hungrigen Sinne zu befriedigen? — Nein, Brüder, Männer wie dieser, Männer, wie sie uns in ganz bestimmten Epochen der Menschheitsgeschichte gewissermaßen als Verkörperung der in der Zeit brachliegenden und nach Vollendung durstenden großen Gedanken geboren werden, haben eine andere Aufgabe zu erfüllen; die ihrige ist, in die Massen, die am Staube haften, denen die großen, heiligen Menschheitsgedanken verloren zu gehen drohen, in deren Seelen schier unüberbrückbare Risse klaffen, eine neue, wirklich große und erhabene Idee zu werfen, die ein Abglanz ist von der heiligen Sonne des allüberbrückenden Einheitsgedankens der Natur. — Hat ein solcher großer Geist seine Aufgabe erfüllt, dann verschwindet er gleich einem leuchtenden Kometen, — „unendlich Licht mit seinem Licht verbindend". — Nicht die Kleinarbeit, nicht die detaillierte Ausschmückung und Abfeilung seines Gedankens ist sein Werk, seine Aufgabe, — nein, — die unsere ist es, die wir uns ehrfurchtsvoll neigten vor dem Rauschen seiner Geistesflügel. Klagen wir darum nicht, daß er so gar früh von uns schied . . ., er gab uns, was er uns geben konnte — und sollte. Uns fehlte der Gedanke, der große, befreiende,--er gab ihn uns! Alles Weitere ist unsere Aufgabe. Nun gilt es, unsere Lebenskraft einzusetzen, — daß der Gedanke zur Tat werde!