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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 44)
Language
German
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480 DIE3qKELT No. 20 Scharf und blitzschnell in der Auffassung, mit einer divinatorischen Phantasie, einer unerschöpflichen Tatkraft, einem eisernen Willen, einem unerschütterlichen Pflichtgefühl ausgestattet, trat er an die Lösung eines sozialen Problems heran, welches, wenn es zur Ausführung käme, entschieden als größte Schöpfung des 19. und 20. Jahrhunderts dastehen würde. Er wollte seinem, nach allen Richtungen der Windrose zerstreuten, geknechteten, mißachteten Volke ein neues, freies Heim schaffen, in dem es nach 2000jähriger Wanderung endlich Ruhe finden könnte .... Der theoretische Entwurf klappte auf ein Haar, ein Satz floß logisch aus dem andern, ein Gedankenrad griff genau in das andere; einem jeden Balken des Herzischen Zukunfts- .gebäudes war sein Platz bereits abgesteckt, einem jeden Ziegel seine Stelle zugewiesen. Es fehlU bloß der Ort, auf dem der große Bau aufgeführt werden sollte; es fehlten bloß die Quadersteine, das Baumaterial, es fehlten bloß die Leute, die mit ihm die Arbeit ausführen sollten. Theoretisch machte er die Rechnung genau, gewissenhaft, aber bloß ohne den Wirt; er war ein großer Staatsmann, — bloß ohne Staat .... Herzl war eben der Idealist, der reine Mathematiker seines Zukunftsstaates. Unvergeßlich in meiner Erinnerung bleibt ein trautes Gespräch, das ich einst mit ihm führte. Als ich unter anderm ihn fragte, ob er es für möglich halte, unter den gegebenen Verhältnissen Palästina als autonomen Staat für die Juden zu erwerben, da antwortete er mir mit der Gegenfrage: „Aber warum denn nicht?" Und er sprach diese Worte mit solch tiefer Überzeugung, solch unerschütterlichem Glauben und schaute mich dabei mit seinen seelenvollen, klugen Augen so durchdringend an, daß ich wirklich glauben mußte, dieser Mann werde es durchsetzen. Ich fand nicht nur den Mut nicht, ihm etwas darauf zu erwidern; ich selber fühlte mich hypnotisiert und konnte nur leise nachsprechen: ,,Warum denn nicht?" Armer, teurer, großer Freund! Du hattest ja so sehr recht: „Warum denn nicht?" Sind denn die Juden kein Volk wie ein anderes auch? Verdienen sie denn nicht ebenfalls ein Plätzchen an der Sonne? „Bluten sie nicht, wenn man sie sticht? und lachen sie nicht, wenn man sie kitzelt? und sterben sie nicht, wenn man sie vergiftet?" Warum also denn nicht? Wie anders hätte dich, teurer Freund, die Weltgeschichte eingeschätzt, wrenn du an der Spitze eines Volkes ständest, das den Willen zum Leben, als Volk zu leben, mit dir geteilt und dir dabei die Machtmittel zur Verfügung gestellt hätte, um deine Utopie in Wirklichkeit umzusetzen! Wie himmelhoch könntest du diejenigen großen Staatsmänner überragen, welche den Stempel ihrer Persönlichkeit einem ganzen Jahrhundert aufdrücken und deren Größe, im Grunde genommen, an der Menge des Menschenblutes bemessen wird, die sie vergießen, um andere zu verdrängen und zu vernichten und sich an ihre Stelle zu setzen, und deren Witz und Scharfsinn darin gipfelt, waffenklirrend und wegelagernd auszuspähen, wo noch was zu holen sei! ... . Was Herzl gewollt, was er angestrebt, lag so weit seitwärts von den Gedankengängen der jetzigen Machthaber und Realpolitiker, daß sie für ihn bloß ein ironisches Lächeln hatten. . . . Nur diejenigen werden ihn richtig einschätzen, welche ihren Glauben an eine ethische Entwicklung des Menschengeschlechts noch nicht eingebüßt, welche Jesaja, den Propheten, noch nicht für einen Tollhäusler halten. Für diese aber steht Herzl als glänzendes Paradigma da: so müssen in Zukunft die Volksführer in ihrem Tun und Lassen beschaffen sein! Herzl war eine Herrschernatur — allerdings. Aber er herrschte durch den hohen Schwung seiner Gedanken, die Kraft seiner Rede, den Adel seiner Gesinnung, durch die Lauterkeit seiner Handlungen, selbst durch den Klang seiner Stimme, die unvermittelt zu Herzen drang und in einem jeden von uns nachvibrierte, als „Bass Kol", als Stimme aus höhern Sphären. — Ich beobachtete ihn in gar verschiedenen Momenten: während der Kongresse, wo die Brandung der Opposition die allerhöchsten Wellen schlug. Wie sehr auch in solchen erregten Stunden seine Seele vor Zorn glühte, man merkte es ihm kaum an; kein Muskel zuckte, keinen Augenblick verlor er seine Ruhe und Würde. Unter der Zaubermacht seiner Worte glätteten sich die Wellen allmählich doch . . . Ich beobachtete ihn auch in seinem trauten-Heime wo dieser starke ernste Mann mit seinen Kindern — Kind werden konnte, für seine alte Mutter der folgsamsed Sohn, zu jeder Zeit hilfsbereit, zärtlich und lieb. . . . Immer und überall, im kleinen .wie im großen, stellte er seinen Mann. Herzl hafte viele Gegner. Ich spreche nicht von den Feinden im eignen Lager. Diesen gegech über verhielt er sich geringschätzend und rächte sion dann und wann bloß dadurch, daß er so manchem von ihnen in der Not helfend beizuspringen pflegte. . . . Ich spreche hier bloß von seinen prinzipiellen Gegnern, deren Zahl — Legion und deren Gegnerschaft nicht von gestern, noch heute, sondern von der Zeit her datiert, wo die Sonnenstrahlen europäischer Kultur in das Ghetto drangen und einen Zersetzungsprozeß innerhalb des Judentums selbst einleiteten. Es handelte und handelt sich bis jetzt noch um die Kapitalfrage: „Als Volk untergehen, oder als Volk sich behaupten? Taufbecken (Assimilation) oder nationales Judentum?" Und darin besteht eben das unsterbliche Verdienst Herzls, daß er das Judentum zwang, offen Farbe zu bekennen, sich nach rechts oder nach links zu wenden: tertium non datur, weil der jüdische Glaube allein kein genügendes Bindemittel für die Judenheit mehr abgibt. Nie und von niemandem vor Herzl war das Streitobjekt so klar und präzise formuliert, und seit seinem Auftreten setzte auch der Kampf ein zwischen diesen beiden Strömungen. Nimmt die eine Oberhand, — so war Herzls Judenstaat ein Traum; siegt die andere, so kann und muß er noch zur Wirklichkeit werden. Herzl hat sein Leben für sein Volk auf die Schanze gestellt: er fiel! Erstarb den Märtyrertod, in der Vollkraft seines Lebens. Der Atlas, den er auf seine Schultern gewälzt, erdrückte ihn physisch; was er aber moralisch errungen, muß in die Geschichtstafeln der Juden mit golden leuchtenden Lettern eingegraben werden. Er hat die weichen, gekrümmten Molluskenrücken unzähliger Juden gradgestreckt; er hat den opportunistischen Weisheitsspruch „lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe", den die Juden fast zum Glaubensdogma erheben, ins Gegenteil umgewandelt und dadurch der Jugend den Weg gezeigt, wie man den Kampf mit der Strandräubermoral der Wirtsvölker, unter denen sie

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