Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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No. 20 DIE LT 479 haftesten Anteil nahm, ist es selbstverständlich, daß ich versprach, alles mögliche zu tun, um Dr. Herzl zur gewünschten Audienz zu verhelfen. Ich schrieb an meinen Freund im Palais.- Ich leitete die Angelegenheit mit gehöriger Vorsicht ein, doch es half wenig. Ich mußte persönlich im Yildiz-Palais erscheinen und fuhr gegen Anfang des Frühjahrs 1901 nach Konstantinopel. Natürlich war der gute Dr. Herzl schon Tage vorher bei mir in Budapest, wir besprachen die Modalitäten seines zukünftigen Empfanges und Wirkens am Hofe des Sultans, und zu Tränen war er gerührt, als er mich auf den Bahnhof begleitete. Er schloß mich in seine Arme und wünschte mir glückliche Reise. Mein Aufenthalt in der türkischen Hauptstadt war nicht der angenehmste. Meine Mission gehörte zu den schwierigsten, die ich je zu erfüllen hatte. Vor allem war es das Mißtrauen des Sultans selbst, der im Vorhaben der Zionisten einen Anschlag auf Palästina befürchtete und in allem unentschlossen war. Es kostete mich unendliche Schwierigkeiten, seinen Verdacht zu zerstreuen. Neben dem Sultan machte auch der Palast Schwierigkeiten, denn die Leute meinten, wenn die Juden eine Konzession wollten, so müsse es Gold regnen, und — jeder soll mehrere Tropfen von diesem Regen bekommen. Drittens waren es gewisse diplomatische Kreise, die es mit scheelen Blicken betrachteten, daß jüdischer Einfluß sich in Palästina einnisten sollte, und die den zionistischen Bestrebungen nicht besonders freundlich gesinnt waren, obwohl mein verstorbener Freund Dr. Herzl monatelang vom Gegenteil überzeugt zu sein schien. Genug, es war ein hartes Stück Arbeit, bis es mir gelang, den Sultan zu bewegen, Dr. Herzl zu empfangen. Sechsmal habe ich meine Effekten gepackt und wieder ausgepackt, d. h.: sechsmal erhielt ich die Erlaubnis, abzureisen, und wurde wieder zurückberufen. Endlich bekam ich den definitiven Bescheid Seiner Majestät, der dahin lautete, er werde Dr. Herzl empfangen, ich müßte aber augenblicklich abreisen. Wir beide dürften in Konstantinopel nicht zusammenkommen. Warum, ist mir noch heute nicht klar. Ich reiste ab, nachdem ich vorher Dr. Herzl telegraphisch benachrichtigt hatte, und in Budapest angekommen, fand ich meinen Freund schon auf dem Bahnhof. Er begrüßte mich mit überschwenglicher Freude und zollte mir wärmsten Dank für meine Bemühungen. Einige Tage darauf fuhr er in Begleitung seiner Freunde nach Konstantinopel. Der Sultan empfing ihn überaus freundlich, denn die Persönlichkeit Herzls machte auf den türkischen Herrscher einen sehr guten Eindruck. Er sagte mir später: „Dieser Herzl sieht ganz wie ein Prophet, wie ein Führer seines Volkes aus. Er hat sehr kluge Augen, spricht behutsam und klar." Mit einem Worte, Dr. Herzl hatte ihm gefallen. Aber aus den Verhandlungen, die mir in ihren Einzelheiten nicht bekannt sind und die ich hier auch nicht mitteilen kann, ist wenig Positives herausgekommen, trotzdem die Unterhandlungen weiter gepflogen wurden. Es ist sicherlich verkehrt, das Vorhaben Herzls als visionär und phantastisch zu bezeichnen. Was er wollte, was jeder Menschenfreund will und wünscht, ist, daß die heimatlosen, in gewissen europäischen Ländern grausam verfolgten Juden eine Heimstätte, einen Zufluchtsort finden mögen. Hierzu wäre die Türkei auch schon deshalb sehr geeignet, weil sie damit nur ihren alten Traditionen treu bliebe. Ein früherer türkischer Fürst, Sultan Suleiman der Große hat die spanischen Juden aus den Händen der Inquisition befreit und sagte einmal: „Ich verstehe den spanischen König gar nicht, der die besten und nützlichsten Untertanen seines Reiches vertreibt und sich selbst schadet!" Ich will die Gelegenheit benützen, die vielen in letzterer Zeit an mich gerichteten Fragen bezüglich der Umwälzung im türkischen Reiche zu beantworten. Und zwar möchte ich mir folgende Bemerkung erlauben: Wenn jemand in ein neu restauriertes, frisch getünchtes Haus einziehen will, so kann man ihm schwer voraussagen, ob er dort ein wohnliches Heim finden wird. Denn man weiß nicht, ob die Fenster und Türen im neuen« Hause gut schließen, ob der Besitzer seine Forderungen mit der Zeit nicht allzu hoch schrauben wird, ob nicht etwa ein Nachbarbau dem neu instand gesetzten Hause Schaden zufügen kann. Unter den heutigen Verhältnissen in der konstitutionellen Türkei ist es daher durchaus geboten, abzuwerten, wie sich die Verhältnisse gestalten werden. Von den Türken selbst ist viel Gutes zu erwarten, denn sie waren von jeher sehr duldsam den Schwachen gegenüber und sind unter den gegenwärtigen Umständen auf die Mitwirkung der Juden in wirtschaftlicher Beziehung angewiesen. Natürlich dürfen die feindlichen Regungen, die sich schon heute bemerkbar machen, nicht rergessen werden. Mir scheint, daß man in zionistischen Kreisen der antijüdischen Bewegung, die von Nedschib Azoury und Schukri Ganem (beide christliche Araber) propagiert wird, nicht die genügende Aufmerksamkeit schenkt. Unter solchen Umständen ist nach meinem Empfinden Einmütigkeit die erste Pflicht der Zionisten. Dem Andenken Theodor Herzls Von Dr. Max Mandel stamm, Kiew. Von großen oder berühmten Männern sollte man sich eigentlich ferne halten und sie bloß nach ihren Werken und Taten beurteilen und bewundern. Tritt man näher an sie heran und lernt sie durch regen persönlichen Verkehr kennen, so kommt man gar häufig nicht auf seine Rechnung, indem oft ihre Größe um ein gut Stück zusammenschrumpft. Es ergeht ihnen ungefähr ganz so, wie einer schönen Gebirgslandschaft, die sich entzückend ausnimmt, so lange man sie von der Vogelperspektive, von einer Bergesspitze aus mit spähendem Blick umfaßt; die Enttäuschung tritt aber ein, wenn man ins Tal hinabsteigt. Menschliches, Allzumenschliches, Eitelkeiten, Selbstvergötterung, Geringschätzung anderer und ähnliche Rostflecken trüben gar oft das schöne Bild und lassen einen großen Totaleindruck nicht recht aufkommen..... Toto coelo anders erging es mir während meines langjährigen persönlichen und schriftlichen Verkehrs mit Herzl, der ebenfalls zu den Großen zählt, als Mensch — zu den Allergrößten. Je näher ich ihn kennen lernte, desto höher wuchs seine Persönlichkeit in meinen Augen; je tiefer ich in seines Seele schaute, desto reiner fand ich sie, desto edler und hochherziger. Ich habe während meines langen Lebens noch nie einen Menschen von ideellerem Schwung kennen gelernt.