Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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478 DIE3SEELT No. 2a Schon unterwegs, nächst dem jüdischen Spital, wandte sich Dr. Herzl mit dem Ausdrucke des stärksten Unwillens an mich: „Was passiert da? Aber das ist ja unmöglich! Weshalb schlägt man denn die Leute da?" Obwohl ich mir die größte Mühe gab, den unerfahrenen Doktor zu beruhigen und ihm klar zu machen, daß dies hierzulande die übliche Methode sei, öffentliche Ordnung zu schaffen und einzuhalten, konnte Dr. Herzl dies absolut nicht begreifen. Ich machte unserm teuren Gaste klar, daß in der Handhabung der Ordnungsmaßregel scheinbar nur ganz unwesentliche Änderungen vorgenommen sind, daß nur aus Anlaß seiner Anwesenheit statt der gewöhnlichen Infanteriepatrouillen diesmal auch manche berittene Kosakenpatrouillen zur Aufrechthaltung der Ordnung auf die Straßen abkommandiert seien. Alle meine Erläuterungen waren wirkungslos. Dr. Herzl behauptete stets ein und dasselbe: „Nein, das ist ja unerträglich, unmöglich, wie kann man in einem solchen Lande leben\(l In den dem Bahnhof zunächst liegenden Straßen war das Menschengedränge besonders stark, und die Arbeit der ordnungsliebenden Polizei besonders energisch. Gleichzeitig mit den Heidadrufen erhob sich ein himmelschreiender Jammer der mit den Nagaiken Bearbeiteten, der von den Pferden Getretenen, manche Leute mußten sogar ins Spital zur Heilung der erhaltenen Wunden gebracht werden, auch manche Verhaftungen fanden statt. Mit einem Worte, das bei uns übliche Bild der Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung war in seiner ganzen Größe entfaltet und machte auf Dr. Herzl den niederschlagendsten Eindruck. Gänzlich zusammengebrochen und bleich wie eine Mauer traf Dr. Herzl am Bahnhof ein. . Sein Gesicht spiegelte den Ausdruck stärkster innerer Aufregung wider. Der Vorhof des Bahnhofes und der Bahnhof selbst waren ganz leer, die strenge Wache ließ durch das Tor niemand von den „vagabundierenden Juden" durch. Den Juden war der Eingang nur als Reisepassagiere gestattet, die auf Droschken mit Reisekoffern und Reisegepäck ankamen. Trotzdem fanden sich beim Abgang des Zuges 40—50 von den Unsrigen auf dem Bahnhof ein. Die jüdische Findigkeit und die besondere Geschicklichkeit, allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen sich anzupassen, feierte auch hier ihre erbärmlichen Triumphe. Manche Zionisten, die in nicht zu großer Entfernung vom Bahnhof wohnten, begaben sich schleunigst nach ihren Wohnungen, packten ihre Reisekoffer resp. Reisesäcke, kehrten bald als „Passagiere mit Reisegepäck" zurück und passierten dann glücklich den Torweg mit seiner strengen Wache. Die auf diese Weise im Bahnhof angesammelte kleine Schar Begleiter Dr. Herzls bemühte sich, die allermöglichste Aufmerksamkeit und ihre bereitwilligste Zuvorkommenheit in den kleinsten Details zu äußern, um so dem teuren Gaste, der von dem im Laufe des einzigen Tages so viel Erlebten ganz gerührt und aufgeregt war, die letzten Minuten seines Aufenthaltes möglichst angenehm und beruhigend zu gestalten. Dr. Herzl bat uns dann, ihm noch einen einzigen Dienst zu erwTeisen und jede Demonstration, jeden Ausruf, jede Huldigung nunmehr zu vermeiden, denn es wäre ihm zu schmerzlich, durch seinen Aufenthalt auch die Schmerzen eines einzigen Juden noch zu vergrößern. Die letzten Worte Herzls an die Wilnaer waren: „Meine Herren, verlieren Sie nur nicht den Mut, eswird eine bessere Zeit kommen, es muß ja besser werden, dafür arbeit^ wir ja!" Eine feierliche Stille, eine stumme, heilige melarr cholische Stimmung beherrschte die letzten Minuten votf Dr. Herzls Aufenthalt in Wilna. Um 1 Uhr 24 Minute nachts brauste der Eilzug ab, und unser Führer Dr. He^l verließ Wilna und uns alle zu unserm tiefsten Leidwese*1 bald .... auf immer. Meine Erinnerungen an Dr. Herzl. Von Prof. Dr. Hermann Vämbery, Budapest Gerne, sehr gerne erinnere ich mich meiner Ziehungen zu dem leider so früh verstorbenen Df» Herzl, denn in meinem langgestreckten Verkehr til't Menschen verschiedener Länder und Himmelsstrich habe ich selten einen Mann gefunden, der von s§\c\\ hohen Idealen durchdrungen, von solch aufrichtigem Eifeb geleitet worden 'wäre, wie mein verstorbener Freiifi3w Was uns zusammengeführt hat, ist kurz erzip'V Ich hatte mich in meinen Jugendjahren dem Studio orientalischer Sprachen gewidmet und bin auf die^t>, Wege noch Anfang der Fünfziger Jahre des vergang&ri&h Jahrhunderts nach Konstantinopel gekommen. Wi^ mir hier erging, was ich erprobt, gelitten und gekauft habe, das ist in meinem Memoiren „The Story of *Hy Struggles" (Die Geschichte meiner Kämpfe) niedergelegt Dank der Liebenswürdigkeit der höhern türkis^n Gesellschaftskreise ist es mir früh gelungen, in ^ie Häuser der ersten türkischen Würdenträger zu komtil^ Ich war Lehrer und Sekretär bei den verschiede*1^ Ministern und kam a.uch mit dem Kaiserlichen PaHi2 b Berührung, indem ich der Schwester des nachmalen Sultans Abdul Hamid, nämlich der Prinzessin Fm1\& Sultan, Unterricht im Französischen erteilte. Gelegt lieh dieser Lektionen machte ich die Bekanntschaft Prinzen Hamid Effendi, eines schmächtigen, blej^eri Jünglings von kaum 15 Jahren, der mir aufmer^s^ zuhörte, sich mitunter in ein Gespräch mit mir erließ und auf mich den Eindruck eines höflichen, ge^b'£ begabten jungen Mannes machte. Jahre kamen, Jahre gingen. Ich verließ Konstantiael> bereiste die weitern Länder der Islam weit, und" v& ieft von meinen Wanderungen nach Europa heimkehrte d& vernahm ich, daß mein ehemaliger prinzlicher Bek^t^r auf den Thron gelangt und Sultan der Türkei gew<?rqen war. Selbstverständlich drängte es mich, mehe %^ kanntschaft zu erneuern und den Sultan aufzus^e^ Ich ging nach Kortstantinopel, wurde sehr frei^^h aufgenommen, gastlich bewirtet und war in kurztf^eh zu einer Art von Vertrautem des Sultans ge^o^o^ Dieses mein Verhältnis hatte in dem intrigenlüst^n^ europäischen Stadtviertel Konstantinopels Aufsehen eTHSX und ist vielfach kommentiert worden. Die Nachricht drang auch nach Europa, $ines Tages erhielt ich den Besuch Dr. Herzls in Bnd%e^t, der in seiner gewohnten Bescheidenheit an mich trat und mich fragte, ob es wahr sei, daß k\\ Sultan in intimen Beziehungen stände, und ob tftlr möglich wäre, ihm beim Sultan eine Audienz verschaffen, da er im Interesse des Zionismus b^J itHn vorzusprechen gedenke. - j Da ich als Jude meiner Geburt und Erziehung ti^lx 3n dem Schicksal meiner Stammesgenossen stets fl^ I^b-