Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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No. 20 DIEMKE LT 477 wandte er sich zu den Anwesenden und sagte, es sei ihm wohl bekannt, daß nicht alle der Anwesenden seine Ideen in bezug auf die Zukunft des jüdischen Volkes teilen; er zweifle aber keinen Augenblick daran, daß alle hier zu seiner Begrüßung Erschienenen den Fortbestand der jüdischen Nation wünschen und an ihrer Aufrichtung mitarbeiten wollen. Er lade deshalb" alle zur gemeinsamen nationalen Arbeit ein. Er verglich die verschiedenen Richtungen des nationalen Judentums mit den Waggons eines und desselben Eisenbahnzuges. „Mögen die einzelnen Wagen noch so verschiedenartig konstruiert sein, — sie gehen doch alle nach einer Richtung und streben alle der gleichen Endstation zu. Für dieses erhabene Ziel müssen wir alle, jeder nach seinem Können, jeder nach seinen Fähigkeiten mitarbeiten, wir müssen uns mit geeinten Kräften in einer einzigen allgemeinen Organisation zusammenschließen. Dann können wir überzeugt sein, daß das große Werk, unsere erhabene nationale Aufgabe früher oder später wird gelingen müssen!" Die Rede übte auf die Hörer einen überwältigenden Eindruck, und obwohl nicht alle die elegante und vornehme Sprache verstanden hatten, ist doch der Name Herzls seit jenem Tage für alle Zeiten bei denen, die ihn damals hörten, geheiligt. Es trat sodann der älteste More horoe (bekanntlich gibt es in Wilna seit dem Tode des Qaons Elia am Ende des 18. Jahrhunderts nicht einen einzigen allgemeinen Rabbiner mehr, sondern die Seelsorgefunktionen werden unter mehrere „More horoes" verteilt) Reb Schleimeie vor. Der alte Mann hob die zitternden durchscheinenden Hände und erteilte unter der tiefen Bewegung der Umstehenden im Namen des auf Zion thronenden Gottes dem Führer der Zionisten seinen Priestersegen. Sodann überreichte Herr W. Jawitz, der Historiker des orthodoxen Judentums, Dr. Herzl die Ehrengabe der Wilnaer Gemeinde, eine Thorarolle, mit folgenden Worten: „Die Wilnaer jüdische Gemeinde gestattet sich, Ihnen, Herr Doktor, das Heiligste und Teuerste aus ihrem Besitz, dem Schatz Israels, vertrauensvoll in die Hände zu legen." Diese Worte und dieses Geschenk gaben Herzl den Anlaß zu einer glänzenden Erwiderung, die er ungefähr mit folgenden Worten schloß: „Teilt unsern sämtlichen Brüdern mit, daß ich hier erschienen bin, um ihnen meine tiefinnigste Überzeugung kundzugeben, daß von allen vorgeschlagenen Wegen zur radikalen Lösung des Schicksals des jüdischen Volkes der Weg nach Zion nicht nur der richtigste, sondern auch der nächste ist." Die tiefe Überzeugtheit seiner Worte, die glänzende Form, der Wohlklang seiner Stimme in Verbindung mit der majestätischen Gestalt seiner Figur, machte auf sämtliche Anwesenden einen bezaubernden Eindruck. Viele ließen sich im Überschwang ihrer enthusiastischen Gefühle zu lautem Applaus hinreißen, aber die Vorsichtigeren, in bitterer Erfahrung weise gewordenen, ersuchten sie, um Gottes willen den zu lauten Ausdruck ihrer Gefühle zu unterlassen. Ihre Befürchtung erwies sich als durchaus begründet, denn im Nebenzimmer dieser bescheidenen Versammlung zeigte sich noch während der Rede unseres gefeierten Gastes die solide Figur eines Pristaw, welcher im Namen der Administration die Abgabe einer formellen Verpflichtung verlangte, in den Straßen der Stadt nicht umherzufahren, „weil", so motivierte der Polizist, „das alleinige Erscheinen des Wagenzuges mit dem ausländischen Doktor überall Demonstrationen hervorruft". Um uns noch klarer den Ernst dieser Maßregel einzuprägen, erklärte er kurz und bündig, daß die Polizei im Fall der Übertretung der Vorschrift angewiesen sei, die Pferde auszuspannen und die Wagen inmitten der Straße anzuhalten. Und da wir mit der russischen Polizei nicht in einen Konflikt geraten wollten, dessen Ausgang für uns alle kläglich gewesen wäre, so waren wir froh, auch nur einen einzigen Punkt unseres Empfangsprogramms glücklich zu Ende geführt zu haben, und beeilten uns, auf dem kürzesten Wege schnellstens nach dem Hatel zurückzukehren, wo wir auf diese Weise bis Abend in den Zimmern des Hotels eingesperrt Hausarrest hielten. Im Laufe des Tages hatten wir, das Empfangskomitee, die Worte der Polizei eingehend studiert, analysiert, und waren zu dem Schluße gekommen, daß das Verbot, mit unserem Gaste umherzufahren, buchstäblich nur auf das Weichbild der Stadt sich beziehe, und daß es möglich sei. außerhalb der offiziellen Grenzen der Stadt doch etwas zu arrangieren. Da diese plausible Deutung uns einigermaßen aus unserer mißlichen Lage herauszubringen gestattete, so akzeptierten wir dieselbe, und unter großen Kautelen, Vorsichtsmaßregeln, Geheimniskrämerei arrangierten wir ein Bankett ex tempore weit außerhalb der Stadt in der Sommerwohnung eines unserer Freunde im Dorfe Werki. Dieses Bankett war das zweite Hauptmoment des Aufenthaltes Dr. Herzls in Wilna. * * Die rührendsten Momente spielten sich aber bei der Abreise ab. Gegen ein Uhr nachts war dem Schreiber dieser Zeilen der Auftrag geworden, Dr. Herzl vom Hotel zum Bahnhof zu begleiten. Der Wagenzug, welcher im Laufe des Vormittags ununterbrochen Herzls Wagen folgte, war bereits aufgelöst; die übrigen Mitreisenden (Dr. Katzenelsohn, J. L. Goldberg, Dr. H. Bruk) zogen es vor, separat zum Bahnhof zu fahren. Das Wetter war naß, es regnete hin und wieder, die Stadt war mit dickem Nebel bedeckt. Und trotzdem war der ganze Weg bis zum Bahnhof ein wahrer Triumphztig. Auf sämtlichen Balkons, bei allen Gaslaternen, bei jedem beleuchteten Fenster, ungeachtet der unheimlichen Witterung und der späten Nachtstunde, standen überall wartende Volksmengen. Sobald nur unser Wagen erkannt wurde, durchzogen die Straßen brausende Heidadrufe, Taschentücher- und Hüteschwenken bezeichneten unsern Weg, eine ungewöhnliche Bewegung bemächtigte sich der Mengen. Je näher wir dem Bahnhof kamen, desto dichter fanden wir die Menschenmassen, und von der Gartenstraße an waren die Trottoirs voll besetzt. Aber auch diese friedliche Huldigung blieb nicht ungetrübt und ging nicht ohne Opfer und ohne wilde empörende Szenen vorbei. Den ganzen Weg hindurch gab uns die Polizei das Geleite; der Polizeimeister ritt unserm Wagen voran, die berittenen Kosaken jagten energisch mit den Nagaiken die Menge von den Straßen und manchen Trottoirs auseinander. Die Behandlung des Publikums war die übliche, nicht besonders schonende.