Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 40

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316426--53255-3347029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

476 DIE3§KELT No. 20 Die Nachricht vom Eintreffen Dr. Herzls hatte sich blitzschnell verbreitet. Die Anstalten, welche Herzl besuchen sollte, waren nach kurzer Zeit mit Menschen gefüllt und die zuführenden Straßen fast unpassierbar. Besonders stark war der Andrang der Menge in der deutschen Straße und zu dem ,,Schulhof', das ist dem Hof vor der großen Synagoge und der anschließenden Gemeindebibliothek. In diesem Hofe, dem Mittelpunkt des ehemaligen Ghettoviertels, hatten sich über 4000 Menschen, vorzugsweise junge Leute, eingefunden. Die Ordnung wurde durch eine ganze Reihe Ordner, hauptsächlich Poale-Zion, aufrecht gehalten, doch flößte die imposante Zahl der Wartenden der Polizei große Besorgnisse ein. Bald nach der Ankunft im Hotel zogen sich Dr. Herzl und sein Begleiter Dr. Katzenelsohn zurück, um die eingetroffene Post durchzusehen. Es sei liier erwähnt, daß sich an diesem Tag unter den eingetroffenen Briefschaften auch das grundlegende Dokument der Ugandaangelegenheit, das offizielle Schreiben von Sir Clemens Hill an Mr. Greenberg, befand. Die Durchsicht der Poststücke dauerte ca. eine Stunde. In dieser Zeit mußten wir, das engere Empfangskomitee, uns wegen der von der Polizei begonnenen Belästigungen beraten. Sofort nach dem Eintreffen im Hotel war bei uns ein Pristaw erschienen, der uns im Auftrag des Polizeimeisters aufforderte, im Interesse der Ruhe nicht nach der deutschen und jüdischen Straße zu fahren, weil sich dort eine große Menschenmenge angesammelt habe.4 Die Polizei sei entschlossen, etwaige Demonstrationen nicht zu dulden. Wir hatten uns noch nicht entschließen können, dieser Weisung nachzukommen, und berieten über die möglichen Konsequenzen einer Nichtbefolgung dieser Aufforderung, als bereits der Polizeimeister selbst erschien und uns das strenge Verbot des Gouverneurs überbrachte, die große Synagoge zu besuchen. Ob die Polizei der gespenstische Gedanke ängstigte, wir könnten dort in der Synagoge eine Revolution proklamieren oder etwas Ähnliches, wissen wir bis heute nicht. Die Entschiedenheit, mit welcher uns der Polizeimeister seine Maßregel mitteilte und seine frühere bestätigte, ließ uns keinen Zwreifel mehr an dem Ernst der Sachlage und daran, daß eine Umgehung oder Nichterfüllung der Anordnungen der Polizei unmöglich sei. Auch im Hotel waren eigentümliche Maßregeln getroffen worden. Im Telephonzimmer stand ein, manchmal sogar zwei Polizisten; im Entree war ein Buch aufgelegt worden, in das jeder Besucher seinen Namen eintragen mußte; in den Korridors und im Speisesaal trieben sich verkleidete Polizisten zur Spionage herum; jedes Gespräch wurde belauscht, die Lakaien und Kutscher ausgeforscht. Solcher Höflichkeiten der Polizei gab es die Menge. Anfangs schämten wir uns, unserm Gast die richtige Sachlage, die einem Hausarrest sehr ähnlich sah, mitzuteilen. Schließlich waren wir aber doch gezwungen, Herrn Dr. Herzl reinen Wein einzuschenken und ihn aufzuklären. Dr. Herzl bat uns sofort, jede nicht ganz gesetzliche Veranstaltung zu unterlassen und eventuelle Weiterungen zu vermeiden. Aber auch er konnte es sich nicht recht erklären, wieso eine Rundfahrt durch das jüdische Viertel und der Besuch einiger jüdischer Institutionen eine Gefährdung der öffentlichen Ruhe in einer so großen Stadt wie Wilna darstellen kann. Wir beschlossen also, uns nur auf den Besuch des Gemeindehauses zu beschränken. Obwohl die Umgebung des Hotels fast ausschließlich von polnischem und russischem Adel bewohnt wird und das Hotel ziemlich weit von den jüdischen Straßen entfernt liegt, harrte doch vor dem Hotel eine große Anzahl junger Leute aus, die stundenlang mit großer Ausdauer dort standen, um Dr. Herzl wenigstens einmal zu sehen. Wir verließen das Hotel im selben Wagenzuge und in derselben Ordnung, wie wir gekommen waren. Als Dr. Herzl auf die Straße kam, empfing ihn wieder ein stürmisches „Hedad!" Wir machten einen ziemlich großen Umweg und fuhren sehr schnell. Die enge Gasse vor dem Gemeindehause war bereits von Menschen erfüllt. Im Gemeindehaus selbst wurde Dr. Herzl von den Anwesenden warm und herzlich empfangen. Das Empfangszimmer war für diese Feier speziell ausgeschmückt worden. Es machte aber doch mit seiner niedrigen Decke, die fast auf den Köpfen lag, mit seinen kleinen Fenstern, dem Mangel an Luft und Licht, mit seiner schiefen Zugangstreppe einen verstimmenden Eindruck. Es symbolisierte tatsächlich in der anschaulichsten Weise das Ratszimmer eines Ghettos. Aber wir fühlten uns heimisch, wir waren unter uns, konnten unsern gefeierten Gast sprechen hören, ihm unsere Huldigung darbringen. Dies letztere muß freilich auch cum gratio salis gelesen werden. Zu laut durfte unsere Begrüßung nicht ausfallen, denn da draußen war eine ziemlich starke Pofizeipatrouilie postiert, welche sich bei einer zu lauten Gefühlsäußerung in das Haus hineinbemühen konnte..... Im Namen der Wilnaer jüdischen Gemeinde sprach zuerst Herr A. Naischul, einer der drei Stadtgaboim, den Willkommsgruß. Er sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme ungefähr folgendes: Die Wilnaer jüdische Gemeinde weiß die große Ehre zu schätzen, die ihr in diesem Momente durch den Besuch des größten Sohnes des jüdischen Volkes zuteil wird, der seit sieben Jahren für sein Volk arbeitet. Er möge die Versicherung entgegennehmen, daß die begeisterten Gefühle dankbarer Anerkennung, die jetzt hier in diesem Saale laut werden, sich nicht allein auf die Wilnaer Gemeinde beschränken, welche wegen ihrer Bedeutung für die Diasporajuden das „Jerusalem Litauens" genannt wird, sondern den Ausdruck der tiefen und mächtigen Stimmung darstelle, von der Hunderte und Tausende jüdischer Herzen in allen Ländern der Zerstreuung erfüllt sind. Sodann verlas Herr Naischul eine auf Pergament geschriebene hebräische Adresse und übergab dieselbe Herrn Dr. Herzl. Dr. Herzl übernahm die Adresse und antwortete mit einer wunderschönen Rede. Er dankte den anwesenden Repräsentanten des Wilnaer jüdischen Gemeinwesens für die Ehrung, die er leider vorläufig noch nicht verdient habe, weil das große Werk, in dem er allein die einzige Lösung der Judenfrage sehe, noch lange nicht vollbracht sei, obwohl er nicht einen Augenblick an dem schließiichen Erfolg zweifle. „Es ist ein großes, aber auch ein schweres Werk, das wir unternommen haben. Ich weiß sehr gut, daß die Not unter den Juden zu groß ist, als daß wir noch lange warten können." Dr. Herzl wies auf den bevorstehenden Kongreß hin: „Da wird etwas geschehen, das zur Linderung der gegenwärtig verschärften Not beitragen wird." Er bat, den wichtigen Verhandlungen dieses Kongresses mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen. Dann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.