Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 475 Herzl in Franzensbad Wenige Wochen vor seinem Tode, am 1. Mai 1904, veranlaßte, mich Herzl zu einer Reise im Dienste der Bewegung nach London. Dort trafen mich Nachrichten meiner Wiener Freunde, daß Herzls Gesundheitszustand sehr, sehr bedenklich sei. Er wolle noch Kohlensäurebäder versuchen und sei deswegen nach Franzensbad geschickt worden. Sie forderten mich auf, auf der Rückreise Herzl in Franzensbad zu besuchen. Die Angelegenheit in London hatte eine ziemlich delikate Wendung genommen, und ich selbst fühlte das Bedürfnis, Herzl zu referieren und mit ihm die weitern Schritte zu beraten. Es schien mir aber doch bedenklich, ihn in Franzensbad in der ihm so notwendigen Ruhe zu stören. Plötzlich bat mich seine Frau, ihn doch zu besuchen, und ich tat es. Nach den ernsten Berichten hatte ich gefürchtet, ihn dort schwer leidend zu finden. Ich war daher angenehm überrascht, als ich ihn auf dem Bahnhof, freudig lächelnd und scheinbar gar nicht so leidend aussehend, erblickte. Ein paar Stunden vergingen in angeregter Unterhaltung, und er schlug vor, einen kleinen Spaziergang nach dem Park zu machen. Wir gingen die Kaiserstraße hinauf. Nur einige Minuten auf dieser sanft ansteigenden Straße. Er bekam einen fürchterlichen Anfall von Herzschwäche und brach fast zusammen. Es war noch am Beginn der Saison und Franzensbad fast leer. Ratlos sah ich mich nach jemandem um, den ich rasch um einen Arzt schicken könnte, und geleitete Herzl zu einer Bank. Doch der Anfall war schon vorüber, und er sagte mir, es sei nichts mehr nötig. Ich wollte irgendetwas sagen und meinte deshalb, der Anfall sei damit zu erklären, daß wir die Steigung zu rasch gegangen seien. „Unsinn," sagte er, „wozu sollen wir uns täuschen, es ist bei mir nach der dritten Glocke. Ich bin kein Feigling und sehe dem Tod sehr ruhig entgegen, um so mehr,.......ich habe die letzten Jahre meines Lebens nicht nutzlos verbracht. Ich war doch kein allzu schlechter Diener der Bewegung, meinen Sie nicht?" „Es ging," antwortete ich, „aber wie kommen Sie auf die dritte Glocke?" Er sah mich sehr ernst an. „Es ist keine Zeit mehr zu scherzen, es ist bitterer Ernst!" Ich suchte ihn auf andere Gedanken zu bringen. Wir besprachen den ganzen Abend hindurch die Resultate meiner Reise nach London. Er entwickelte mir einen Plan, wie diese Resultate in Petersburg zu verwerten seien. Mir schien seine Idee gar zu waghalsig. Die Zukunft hat gelehrt, daß er auch diesmal im Recht war. Um 10 Uhr abends gingen wir zu Bett, und am nächsten Vormittag sollte ich abreisen. Herzl sah nach dem Anfall furchtbar leidend aus, und ich konnte mir nicht verzeihen, daß meine Anwesenheit daran schuld war, daß seine Gedanken so intensiv arbeiten mußten. In dieser Nacht brannte in Franzensbad das Kurhaus ab. Ich wachte über den Lärm auf und bemerkte in Herzls Zimmer Licht. Ich glaubte,, er sei ebenfalls aus dem Schlaf gestört worden. Um 5 V2 Uhr kam er, wie verabredet, in mein Zimmer, um mich zu wecken, damit wir zusammen zum Brunnen gehen. „Mit derselben Pünktlichkeit und demselben Ernst, wie ich andere Arbeiten verrichte, muß ich auch hier mein Tagewerk vollenden, und diese meine Aufgabe hier ist, mein abgearbeitetes Herz durch ein anderes zu ersetzen. Dazu muß ich Wasser trinken und baden." Er sah sehr vergnügt aus. In der Hand trug er ein starkes Manuskript, welches er mir schweigend übergab. Ich blickte hinein. Es war ein Memorandum für meine Petersburger Reise, eine Arbeit, wie sie nur ein Herzl zu machen imstande war. Jedes Wort gefeilt und geputzt. Jeder Satz ein Schlager. „Wann haben Sie das um Gotteswillen geschrieben?" fragte ich ihn vorwurfsvoll. Er hatte die ganze Nacht am Schreibtisch gesessen und hatte sich überhaupt nicht niedergelegt. Er war in seine Arbeit so vertieft gewesen, daß er gar nichts von dem Brand gemerkt hatte. Vorwurfsvoll sah ich ihn an: „So wollen Sie gesund werden? Das soll eine Kur sein?" „Ja, mein Freund, Sie haben doch gestern gesehen, „wir" haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die letzten Wochen oder Tage.....wir haben Eile. . . ." Das war mein letzter Tag mit Herzl. Ich sah ihn nicht mehr. Ein Brief aus Edlach, einige Tage vor dem Tode mit zitternder Hand geschrieben, war sein letzter Gruß. . . . Herzl in Wilna Von Boris Goldberg, Wilna (Ein Auszug aus einer größeren Denkschrift) Diesen Sonntag (den 20. Juli 1903 a. St.) werden die jüdischen Kreise Wilnas niemals vergessen. Schon vom frühen Morgen an war fast die ganze Stadt auf den Beinen; auch unter den nichtzionistisch fühlenden Teilen der Bevölkerung herrschte große Aufregung. Die zum Bahnhof führenden Straßen füllten sich von 10 Uhr an mit Menschen. Als wir uns um 11 Uhr zum Bahnhof begaben, fanden wir bereits das Vestibül und die Perrons mit jungen Leuten vollgepfropft, und nur mit größter Mühe konnte man sich bewegen. Um 11 Uhr 24 Minuten traf fahrplanmäßig der Schnellzug aus Petersburg ein. Wir, die zum Empfang Herzls offiziell bestimmte Abordnung, wollten zu seinem Wagen kommen. Aber dies gelang uns nicht mehr. Das Publikum hatte sich des Gastes bemächtigt, schloß einen dichten Kreis um ihn und seine Begleiter und begrüßte, genauer gesagt, umjubelte ihn, schwenkte Hüte und Tücher. Von dieser Ehrenwache begleitet, ging er den ziemlich weiten Weg vom Perron bis zum Vorplatz, wo drei Wagen bereit standen. Erst dort konnten wir uns unserer Aufgabe entledigen und wenige Begrüßungsworte an Dr. Herzl bei seiner Ankunft im Jerusalem Litauens" richten. Als Dr. Herzl mit dem damaligen Wilnaer Rayonsbevollmächtigten J. L. Goldberg den Wagen bestieg, brach die tausendköpfige Menge in begeisterte Hedadrufe aus. Die wenigen dort postierten Schutzleute waren über dieses Schauspiel ganz verdutzt und verwirrt. Diese mächtige Demonstration war wahrscheinlich der Anlaß für die so strenge Haltung der Polizei im weitern Verlauf des Tages. Der Wagenzug fuhr vom Bahnhof durch fast die ganze Länge der Stadt nach dem Hotel St. George, wo eine entsprechende Wohnung mit einigen Salons vorbereitet worden war. Wir hatten dieses etwas abseits vom jüdischen Viertel liegende Hotel gewählt, um unsern teuren Gast möglichst zu schonen.