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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 38)
Language
German
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474 diei|eelt No. 20 verschwinden, aber ich mußte den Weg machen. Diesen vielleicht wichtigsten Schritt meines Lebens wollte ich nicht unternehmen, ohne — wie ich es sonst bei wichtigen Unternehmungen nicht unterlasse — zuvor am Grabe meines Vaters gewesen zu sein....." Der große starke Herzl und diese kindliche Pietät! So sind sie, diese jüdischen Helden. Der Juda Makkabi mit der Faust von Eisen und dem Herzen einer Taube..... Die „unsterbliche" Schachpartie Wir sind im „Ansiedlungsrayon": Lapy, Grodno, Bjelostok. Herzl war ein vorzüglicher Beobachter. Mit einem Blick war er imstande, einen Menschen zu erfassen. Besonders stark ausgeprägt war bei ihm der Sinn für die Psychologie und das Leben der Masse. Es ist also kein Wunder, daß die Bahnhofsbilder seine ganze Aufmerksamkeit absorbierten. Er sah diese blassen, blutarmen Gesichter, den grübelnden, wenig lebensfrohen Ausdruck, die hastigen, unruhigen und unstäten Bewegungen. Er verschlang die traurigen Bilder mit seinen feuchten, großen Augen. Und seine Augen sind immer größer und feuchter geworden. Um ihn abzulenken, proponierte ich ihm, da wir in eine ganz öde Gegend kamen, Schach zu spielen. Herzl spielte sehr gern Schach. In seiner Studentenzeit war er ein sehr guter Spieler, später vernachlässigte er es aber. Er kombinierte noch immer sehr hübsch, ging aber mit den Figuren wenig haushälterisch um. Meine „Politik" war die umgekehrte. Es war ein Kampf zwischen einem Diplomaten und einem Kaufmann. In solchen Fällen zieht gewöhnlich der Diplomat den kürzern. Herzl verlor. Ich schlug nun vor, zur Abwechslung eine Meisterpartie nachzuspielen. Er ging gern darauf ein, und wir spielten die sogenannte „unsterbliche" Partie Kieseritzky-Anderssen. Es geht in dieser Partie sehr lebhaft zu. Alles wird geopfert, Türme, Springer, sogar die Dame. Immer unverständlicher, immer verwickelter wird das Spiel. Kaum ist es möglich, diesen wundervollen Kombinationen zu folgen, und plötzlich steht man davor, wie Anderssen, nachdem er alles, alles geopfert, seinen Gegner mit zwei Läufern matt setzt. Man staunt, wie tief der menschliche Geist dringen kann. Auf Herzl mit seinem so ausgeprägten Sinn für alles Schöne und Geistvolle wirkte das Spiel noch stärker. Er zitterte vor Aufregung. Plötzlich sieht er mich mit seinen tiefen Augen an. Es lag ein furchtbarer Ernst in seinem Blick, und er sagte mir laut, fast schreiend: „Diese Partie spielen wir nicht! Nur wer mit toten Figuren spielt, darf so opfern und diese wegschleudern, seinem Plan nachgehend. Mit lebenden Menschen aber ... Die geistreichste Kombination kann fehlschlagen, und wer dürfte es wagen, so zu spielen! Nein, solche Partien spielen wir nicht!" Land Herzl in Peteisburg, aufg. von Dr. Katzeneinsohn Wir waren in der Nähe Petersburgs bei einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Rußlands. Herzls bezaubernde Persönlichkeit wirkte auf diesen Mann immer mehr und mehr. Die Versuche, alle Schwierigkeiten, mit denen der Zionismus zu kämpfen hat, als Einwand vorzubringen, scheitern an den ebenso schlichten und klaren wie beweiskräftigen Gründen Herzls. Der andere greift zum letzten Einwand: „Es ist doch auf alle Fälle ein großes und schweres Werk, das ihr vorhabt, und da gehört doch vor allem dazu, daß in eurer Bewegung Einigkeit herrscht. Leider ist es, wie ich höre, nicht der Fall. Streitigkeiten, Uneinigkeiten. Sie selbst werden viel angefeindet, man ist mit Ihnen unzufrieden, und Ihre Gesinnungsgenossen revoltieren gegen den Führer. Was wird erst werden, wenn Ihr dem Ziele nahe seid?" Mit Spannung sehen wir der Antwort Herzls entgegen. Lange Vorträge über „Chowewe- Zionismus" und „politischen Zionismus" halten oder gar die „Kulturfrage" erklären? Es kam aber etwas ganz anderes. . . . „Gestatten Sie," sagte Herzl, „daß ich Ihnen darauf mit einer ebenso alten wie bekannten Geschichte antworte. Kolumbus ging aus, ein Land zu suchen. Anfangs herrschte auf dem Schiff die größte Einigkeit, seine Mannschaft war mit ihm zufrieden. Sie glaubten an ihren Führer, der am Steuer war, und dies um so mehr, weil er seinen Kurs nicht wechselte. Sein Ziel schien ihm ganz sicher zu sein. Doch, es vergingen Wochen, ohne daß das ersehnte Land in Sicht kam. Die Mannschaft fing an zu murren. Als noch mehr Zeit erfolglos verging, da verzagte ein Teil der Mannschaft ganz. Sie fingen an, mit Kolumbus unzufrieden zu sein, sie glaubten, er führe sie nicht richtig, und schließlich ging die Verzweiflung so weit, daß sie — so erzählt die Sage — ihn ins Wasser werfen wollten. Sollte Kolumbus deswegen verzagen oder seine Richtung ändern? Kein Gedanke. In dem Moment, als man rief: „Land! Land!", da waren alle Streitigkeiten vergessen, es herschte wieder Freude und Einigkeit. Die jetzigen Uneinigkeiten, die mußten kommen. Unsere Mannen sind erschöpft und leiden zu sehr. Ich versichere Ihnen aber: In dem Moment, wo wir das „Land" erblicken, sind wir alle einig!" Man muß selbst dabei gewesen sein, den tiefen Klang dieser zauberhaften Stimme gehört, die Größe und Wehmut, die in seinen Zügen lag, empfunden haben, um den Eindruck, den diese alte Geschichte machte, ermessen zu können. Unser Zuhörer sagte anfangs gar nichts, dann tiefbewegt: „Verfügen Sie über mich! Ich stehe zu Ihren Diensten. Sie sind der Mann, der selbst vor solchen Aufgaben nicht zurückschreckt!"

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