Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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in Palästina alles das vorzubereiten, was v.u einer rationellen Entwicklung des Landes absolut notwendig ist. Es ist vielleicht nicht überflüssig, heute, da das Schlagwort von der „praktischen" Palästinaarbeit die Massen beherrscht, in Erinnerung zu bringen, daß fast alle unsere auf praktische Arbeit abzielenden Institutionen bereits unter Herzl beschlossen wurden: die Kolonialbank, die Anglo Palestine Co., Nationalfonds, Ölbaumspende, Versuchsstation, sogar die Siedlungsgenossenschaft nach den Plänen des Dr. Oppenheimer. Damit hatte man den Zionisten ein reiches Arbeitsfeld erschlossen. Ich meine natürlich solche, die arbeiten wollten. Denn die Herbeischaifung ausreichender Mittel hätte die Leitung in den Stand gesetzt, durch Anstellung geeigneter Kräfte alle Arbeiten in Palästina weit energischer und in weit größerm Umfange zu fördern, als es tatsächlich der Fall war. Leider fehlte und fehlt es allenthalben an Geld. Es ist ganz verkehrt, von der Kolonialhank bzw. von der Angin Palestine Co. zu verlangen, daß sie unmittelbar jene Arbeit verrichte. Die Kolonialbank durfte sich nie und nimmer in die Gefahr begeben, ihr vorderhand geringes Kapital in Boden oder selbständigen Unternehmungen festzulegen und sich dadurch zu vollständiger Ohnmacht etwaigen politischen Ereignissen gegenüber zu verurteilen. Nur durch rationelle Wirtschaft, daß heißt durch bankmäßige Förderung aller jüdischen Kolonialinteressen in Palästina, ist es der A. P. C. gelungen, weite Kreise der jüdischen Bevölkerung in Palästina heranzuziehen, so daß ihre Depots im Laufe eines Jahres von fünf Millionen Francs auf sieben Millionen stiegen. Eine raschere, intensivere Förderung der Kolonisation in Palästina kann nur von privativer Initiative, von charaktervollen, Willensstärken Einwanderern erwartet worden, die der wärmsten Unterstützung seitens der Bank gewärtig sein können. Wer am heutigen Tage dankbaren Herzens unseres verewigten Fuhrers Theodor Herzl gedenkt und gewillt ist, in geeigneter Weise die Schuld abzutragen, die uns sein Lebenswerk auferlegt hat, der helfe das Material herbeischaffen, um den von Herzl begonnenen Bau zum Abschluß zu bringen, der fördere nach Kräften die von Herzl geschaffenen Institutionen! So und nur so werden wir dem Geiste unseres Führers gorocht. Ich behalte es mir für später vor, detaillierte Vorschläge zu machen; diesmal sei es mir gestattet, den Ankauf von Aktien der A. P. C. und der P. L. D. C. in erster Linie aufs nachdrücklichste zu empfehlen. Man hat in Kreisen, die sich gerne an Schlagworten berauschen, einen Gegensatz zwischen politischen und praktischen Zionisten konstruiert. Ich bin politischer Zionist. Aber das hat mich nicht gehindert, in Palästina zuzugreifen, wo die Möglichkeit zukunftsreicher Arbeit sich bot. Solcher Möglichkeiten gibt es jetzt, Gott soi Dank, die Hülle und Fülle. Aus meinen Erlebnissen mit Herzl Von Dr. N. Katzenelsohn, Libau Herzls Reise nach Rußland Es war eine innige und starke Sehnsucht, die das große Herz de.s Mannes ausfüllte: sein leidendes Volk von Aug' zu Aug', an Ort und Stelle seines Leidens, in Rußland zu sehen. Die Größe dieser Sehnsucht war vielleicht nur an derjenigen zu messen, mit der sich die jüdische Masse dort nach ihm sehnte. War diese Sehnsucht Herzls auch sonst stark genug, nach Kischinew wurde sie bei ihm zu einer tiefen Leidenschaft, Er sprach häufig mit mir darüber, und auf meine Vorschläge, doch nach Rußland zu fahren, antwortete er mir immer wehmütig: „Soll ich etwa als Weinreisender (bekanntlich haben ausländische Juden nur als Handlungsreisende das Recht, nach Rußland zu kommen) hinkommen; oder gar---als Redakteur der „Neuen Freien Presse"? Soviel bin ich doch der Bewegung schuldig, daß ich nur als der Zionist Herzl zu euch komme." Nun, gar bald durfte er als der Zionist Herzl nach Rußland kommen. Aber wie merkwürdig gestaltete sich doch diese Reise! Über keine seiner Unternehmungen herrscht ein solches Dunkel, keine wurde so verkannt, keine brachte ihm solche Kränkungen ein, und bei keiner fühlte er den warmen Schlag des zermarterten jüdischen Herzens so für sich schlagen, wie in den merkwürdigen, unvergeßlichen Tagen in Rußland. Und gar erst diese unheimlichen Stunden in Wilna: . Nie dagewesene Huldigungen des begeisterten Volkes und . . . eine fast als Gefangenschaft zu betrachtende „Fürsorge" der Administration. Herzl hat sich über die wesentlichen politischen Punkte dieser Reise immer ausgeschwiegen. Selbst im A. C. hat er den Schleier nie ganz gelüftet. Und selbst als die Vorwürfe stürmischer wurden, selbst als ihm ein junger Mann auf dem Kongreß „Verrat" vorwarf, als diese „Plehwereise" fast sprichwörtlich geworden war, immer schwieg er. Ich glaubte immer: endlich kommt er doch mit den Tatsachen. Nein, er tat es nicht, er ließ alles über sich ergehen und — schwieg. Es war nicht nur der Politiker und Gentleman Herzl, der schwieg, es war vor allem der Jude Herzl, dem — wie sein Lieblingswort immer lautete, der „rrbn" höher stand, als alles, als alles andere. Und er starb, ohne daß selbst seine nähern Freunde Genaueres von dieser Reise wußten. Mir, dem einzigen Zeugen — nicht Urheber, wie manche glauben — und Vertrauten dieser Reise trat häufig die Frage vor das Gewissen: Wäre es nicht endlich an der Zeit, die Öffentlichkeit aufzuklären und diese „Plehwereise" im richtigen Licht darzustellen? Nach reiflicher Überlegung kam ich aber immer zu dem Resultat, daß es noch zu früh sei. Für die Geschichte dieser Fahrt gibt es eine viel bessere Quelle: die kostbaren Herzischen Tagebücher. Der Schreiber dieses hat auch versucht, die ganze Reise ausführlich niederzuschreiben, und vielleicht kommt bald die Zeit, wo man mein Elaborat der Öffentlichkeit wird übergeben können. Jetzt ist es noch zu früh. Viele von den mitwirkenden Personen sind inzwischen gestorben, viele aus dem politischen Leben verschwunden, aber einige leben noch und stehen an leitender Stelle. Wir wollen daher über die „großen Tage" — wie Herzl diese Tage in Petersburg genannt hat — auch jetzt noch schweigen. Nur ein paar lose Blätter. Diese sollen auch weniger die politische Seite der Reise schildern, als vielmehr einige Beiträge zur Charakteristik unseres unvergeßlichen Führers bilden. Vor der Abreise Zur Zeit der Abreise (August 1903) wohnte Herzl mit seiner Familie in Aussee. Er traf frühmorgens in Wien ein und um Mittag sollten wir die Reise antreten. Schon am frühen Morgen versammelten sich die Mitglieder des E. A. C. und einige Freunde in seiner Wohnung. Es wurden einige Beratungen abgehalten, denn es war sehr viel in den wenigen Stunden zu erledigen. Plötzlich war Herzl verschwunden. Immer näher kommt die Zeit zur Abfahrt und noch immer ist er nicht zu Hause. Das war uns allen ganz unverständlich. Nun war es schon höchste Zeit zur Abfahrt. In diesem Moment erscheint er wieder: „Fahren wir!" Den Fragen, wo er gewesen sei, wich er geschickt aus. Erst als wir im Zug saßen, sagte er mir: „Es war nicht sehr höflich von mir, plötzlich von euch zu