Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesellschaftsreise stets hoch bewertete und sie als eine Vorläuferin der zahlreichen ähnlichen Veranstaltungen seiner Anhänger in andern Ländern ansah. Hier in England hat diese Reise zumindest den Entschluß gezeitigt, eine historische Stätte im Lande der Väter*) zu erwerben, die als Zentralstelle für ein neues nationales Leben auf modernen Grundlagen dienen soll. Eine neue Schar von Mitarbeitern, die den glorreichen tarnen der Makkabäer tragen, wird hoffentlich eines Tages diesen idealen Gedanken zu einem lebendigen Faktor innerhalb der Bewegung machen, die mit dem Genius des verewigten Führers verknüpft ist. Reminiszenzen von Dr. Joseph Chazanowitz, Bialystok (Gründer der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem/) Ich fuhr als Delegierter zum II. Kongreß nach Basel. Ich war sehr gespannt darauf, den Mann zu sehen, der uns eine große Idee, ein Losungswort gab, den Zionismus. Mein Freund, Litmann Rosenthal, und ich begaben uns zum Bahnhof, Herzl zu erwarten. Als ich Herzl erblickte, fühlte ich mich wie elektrisiert. Ich sagte meinem Freunde: „Das ist der Mann, auf den ich lange Jahre wartete." Einen rührenden Eindruck machte es auf mich auf dem V. Kongreß, als Herzl nach schwerer Arbeit mit dem Hute in der Hand für einen armen Photographen Geld sammelte. Bei der Abstimmung, welche die bewegte Uganda- Debatte abschloß, befand ich mich unter den Jasagern. Nachher kam zu mir der Sekretär Herzls und sagte mir, daß mich der Präsident im Garten des Kasinos erwarte. Ich ging hin. Ich fand Herzl in großer Erregung, seine Augen glühten, er wandte sich mit folgenden Worten an mich: „Doktor, Sie sind doch ein richtiger Palästinenser, wie kommt es, daß Sie mit Ja stimmten?" Ich antwortete dem Präsidenten folgendes: „Ich war der Meinung, daß Sie, unser gewählter Führer, der in jedem Moment an das Schicksal seines Volkes denkt, die Annahme des englischen Vorschlages im Kongreß wünschten. Ihre politischen Gedanken verstehe ich nicht. Ich denke aber, wenn Sie auch einen Fehler gemacht haben sollten, so werden Sie ihn sicherlich wieder gut zu machen wissen. Ich bin stets mit unserm Führer, bei Erfolg und auch bei Mißerfolg." Er drückte mir einigemal die Hand und ich ging in tiefer Erregung fort. Am Schlüsse des Kongresses saß ich in der letzten Bank und sah auf Herzl. Er sprach eben das Schlußwort, hob die Hand und schwur: nswn D'twv *jrDB\v-DN •:pd>. Sein Gesicht war bleich. Er schien mir ein Riese, über menschliche Höhe hinausgewachsen. Der Ton seiner Stimme, als er den Eid leistete, ist bis heute in meine Seele eingegraben. In seinem Herzen lebte nur Güte, Milde und Liebe zu seinem Volk. Ich wünsche, daß unsere Gesinnungsgenossen in Reih' und Glied marschieren mögen. Einigkeit ist Kraft, Einigkeit macht uns überwindlich. Solange das Lied der Hoffnung gesungen werden wird, so lange wird Herzl unter uns leben. *) Nämlich die Makkabäergräber in Modin. (Anm. der Red.) Ante-Basileana Beiträge zur Vorgeschichte der Zionistenkongresse. Von Dr. M. Ehrenpreis (Sofia.) Beim Herannahen des Henzlgedenktages, der uns allen ein Tag stiller Trauer und rückschauenden Nachdenkens sein wird, wird ein Stück präzionistischer Geschichte in mir lebendig. Ich erlebe von neuem die ersten Gehversuche unserer Idee und wie sich diese aus den Studierstuben weltfremder Jünglinge unaufhaltsam ins wirkliche Leben hinaustastete. Wehmütig gedenke ich meiner ersten Begegnung mit Herzl aus Anlaß der Vorbereitungen zum ersten Baseler Kongreß und des beispiellosen Wachsens seiner Willenskraft, die allein den Kongreß geschaffen. Davon sollen die folgenden Zeilen in aller Flüchtigkeit einiges erzählen. I In den ersten Septembertagen des Jahres 1893 tagte in Wien, in der Privatwohnung Dr. Nathan Birnbaums, eine bescheidene zionistische Versammlung, die über die Einberufung eines „Weltkongresses der Zionisten" beriet. Aus dieser „Vorkonferenz", die vom Berliner Verein „ Jung-Israel" einberufen war, nahmen teil: Dr. Birnbaum, Rüben Brainin, Gregor Belkowsky, die seither verstorbenen Willy Bambus (Berlin) und M. Moses (Kattowitz), Dr. Salz, Moritz Dornbusch (Budapest) und Schreiber dieser Zeilen. Der Zweck des einzuberufenden Kongresses wurde in der ersten Verlautbarung des Vereins „Jung-Israel" (6. Juli 1893) folgendermaßen formuliert: „Der geplante Kongreß wird in erster Reihe die Aufgabe haben, die Zionisten aller Länder einander nahe zu bringen und ein wahres Bild von der Lage der Juden und dem Stande der zionistischen Bewegung zu entwerfen. Sodann wird er die letzten Ziele des politischen, panjudaistischen Zionismus klar zu formulieren und in unbedingt bindenden Parteigrundsätzen zu erheben haben, auf deren Grundlage die weitere gemeinsame Aktion betrieben werden soll. Zu dieser gemeinsamen Aktion wird der Kongreß die Organisation und Zentralisation der Partei durchführen müssen und für die gemeinsamen Zwecke ein Parteifonds, der von einem zu wählenden „Generalrat der Partei" verwaltet werden soll, geschaffen werden. Die Kolonisation Palästinas muß im Sinne der neu zu schaffenden Zentralisation aller zionistischen Gruppen in einer einheitlichen Aktion reorganisiert werden, ebenso die Wiederbelebung des Hebräischen als Umgangssprache (Gründung eines interterritorialen hebräischen Schulvereins). Es muß ferner die vorbereitende Tätigkeit auf palästinensischem Boden eingeleitet werden." Die Konferenz beschloß, den Kongreß für Ostern 1894 nach Berlin einzuberufen. Die Arbeiten des Kongresses sollten in folgende Sektionen geteilt werden: Kolonisation; Agitation und Organisation; Wiederbelebung der hebräischen Sprache; Schulfragen und nationale Erziehung; geistiges Leben; Statistik; Schaffung eines jüdischen Nationalfonds; Programrnsektion; politische Sektion. Bald wurde es jedoch klar, daß die Initiative verfrüht war. Noch schlief das jüdische „Dornröschen", des Erweckers harrend. Die Bedingungen für einen zionistischen Weltkongreß waren noch nicht 3