Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316426--53245-3347019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
466 DIE3^ELT No. 20 das schon für ein ganzes armes Volk schlug. Sie waren ein gedämpfter Schrei, ein verhaltener Seufzer eines Mannes, dem das große Geheimnis der Schwermut der Massen sich zu offenbaren begann, für die er schon den Ausdruck fand: „Sie sind glebae adscripti ohne die gute Scholle, die der Mensch zu seinem Gedeihen braucht." Von da#zu dem herrlichen Bekenntnis, in der philosophischen'Erzählung „Bäumerle und Däumerle" ist kein weiter Weg. Aber bis er auch nur den Vorweg betrat, was mußte er da mitgemacht haben? Nicht alles freilich können wir aus den Feuilletons erfahren. Solange Herzl nur Feuilletonist war, schrieb er durchsichtig klar und sagte, was er sagen wollte, ohne Vorhalt, weil es in den Rahmen des Weltblattes, dem er angehörte, hineinpaßte. Waren es doch meist Dinge, die die große Welt angingen: Theater, Konzerte, Bilderausstellungen, Vorlesungen, Schauspielergeschichten, mit einem Wort: Tagesereignisse. Was er bemerkte, schrieb er flott und elegant, er setzte seinen Schilderungen lockende Lichter auf, ließ sie in tausend Farben schillern, holte aus ihnen die subtilsten Stimmungen hervor, putzte sie zuweilen auch mit wirklichem Humor auf und erzielte großartige Wirkungen. Man ergötzte sich, bewunderte die feine Kunst und fand lebhaftes Interesse an dem Dargebotenen. Wie es jedoch in dem Darbietenden aussah, wußte man kaum. Nur wer tiefer hinzuhorchen verstand, hörte einzelne Töne heraus, die zu der glatten Lustigkeit und weltmännischen Ironie nicht recht stimmten. Hier sei vor allem auf das stimmungsvolle Feuilleton „Frühling im Elend" verwiesen, dessen Einleitung man geradezu als Motto zu einem Werk über die Lage der Juden verwenden könnte: „Das Elend setzte sich ganz einfach zusammen aus Mißtrauen auf der einen und Scheu auf der andern Seite". . . „Aber ich will da nicht von dem Elend sprechen, das man auch in der Gesellschaft für Gruppen von Menschen durch Hetzereien immer wieder zu bereiten sucht." Diese Worte mußten leider fortan sein Leitmotiv bleiben, so oft er für die „Neue Freie Presse" schrieb. Er zwang sich dazu, nicht von dem Elend zu sprechen, das er zu bannen suchte, von dem Elend seiner Brüder. Der Alltag ist eben eine große Macht. Innerlich mochte er daran verbluten, doch er schwieg von seinem großen Schmerz. Schwieg er aber nur wirklich? Die polnischen Dichter, die in Rußland leben, schreiben und sagen vieles mit einem Nebensinn, gleichsam „durch die Blume". Auch Herzl tat es. Und gerade die Feuilletons, die in der Zeit, da er dem Zionismus ganz angehörte, entstanden, gehören zu den besten. Beim Lesen ist es uns, als wanderten wir über eine herrliche, blumenreiche Wiese und hörten einen heimlichen Bach raunen. Der begleitet uns, ohne daß wir ihn sehen. Er ist ganz unter Gras und Blüten verborgen. Doch was er geheimnisvoll rauscht, ist Trost und Labsal, sanfte Beruhigung. Ja, der Treue verläßt uns nicht, müssen wir denken . . . Herzl blieb uns und sich bis ans Ende treu. Auch das vermögen wir aus seinen Feuilletons herauszulesen, wenn wir wollen. Wer „Die unsterbliche Stadt'' oder „Däumerle und Bäumerle" recht erfaßt hat, konnte über Herzls inneres Leben nicht im Zweifel sein. Wohl schritt er noch durch die Gassen und Gärten der Stadt mit den offenen Augen, denen nicht das Geringste entging, aber er blickte seltsam tief auch hinter die Dinge oder gar über die Dinge hinweg in eine blaue Fjesrne, wie weltverloren, versonnen, verträumt. Und er, dem früher das Treiben der Welt sich zu zarten Lustspielen oder Humoresken wandelte und die Kontur der Menschen und Dinge komisch dünkte, prägte nun die Worte: „Doch mit der Zeit wächst man und findet eine größere Anzahl von Merkmalen heraus, die Konturen füllen sich, und man entdeckt, daß die Auswüchse durch Elend oder Leid verursacht sind. Und wenn man alles versteht, so hat man das Lachen verlernt." So kam es, daß Herzl das Lachen verlernte. Das Leben wurde ihm wichtiger als die Kunst. Denn die Welt war ihm so voll von Schauspielen, traurigen und lustigen, daß er seinem Freunde Posthumus schreiben konnte: „Begreifst du, daß ich keine Eile habe, in eure Theater zu kommen?" Die Dramen der Wirklichkeit griffen ihm jetzt tiefer in die Seele als die spielerische Kunst um der Kunst willen, der er den Fehdehandschuh hinwarf mit dem Ausruf: „Nein, die Kunst um des Lebens willen, um es zu verstehen, zu verbessern, zu erhöhen." Es fragt sich nur, wie. Darüber sann er unaufhörlich. Auch die Feuilletons legen davon Zeugnis ab, besonders jene, die sich mit den ärmern Klassen befassen. Bald gelangte er zum Kernpunkt der Sache, indem er auf die ernste Frage die feste Antwort fand, daß man, um Sinn und Art der Menschen umzubilden, die Bedingungen ihres Daseins planvoll ändern müßte. Dabei war er sich jedoch bewußt, daß dies ein schweres Beginnen auch für einen Demiurgen wäre. Denn der stieße auf die Trägheit der Masse, also auf ein fast unüberwindliches Hindernis. So ergaben sich neue Hamletfragen: „Ist es besser, die alten Obel regungslos zu ertragen? Festsitzen, in Schmutz und angejahrtem Elend verbleiben, aus Furcht vor einem neuen Zustande? Nicht wenigstens den Versuch wagen, sich auf eine andere Seite zu legen? Kurz: Aus Feigheit und Trägheit verkommen oder durch Wagemut einen unbestimmten Schaden erleiden? Was ist vorzuziehen?" Auch darauf gab Herzl eine mannhafte Antwort mit seinem ganzen Tun und Wirken. Wie ein Abglanz davon liegt es über dem unvergleichlich sinnigen Feuilleton: „Die unsterbliche Stadt", das stellenweise an „Altneuland" gemahnt. Welche Weihe entströmt den Worten: „Die tüchtigsten Arbeiter und Krieger, die Träger des Ideals entfernen sich aus freien Stücken . . . Es läßt sich für ihren glorreichen Auszug auch kein anderer Beweggrund finden als reine Begeisterung. Sie schwärmen für die Stadt der Zukunft, für die unsterbliche Stadt. Der Auszug war vorher gründlich erwogen worden. Es ist ja auch keine Kleinigkeit . . . Aber das Ideal siegt über die praktischen Erwägungen. Und ist einmal die Losung ergangen, so gibt es kein Zaudern und Bedauern mehr. Die Schar der Zukunft rüstet sich . . . Die Baufreude ist schon in ihnen". . . Als wir das vor Jahren zum erstenmal lasen, bebten wir in der Seligkeit eines unsagbaren Hochgefühls. Wir fühlten uns eins mit ihm, der die Losung ausgab und selbst ohne Zaudern voranschritt ins Land der Zukunft, stolz und schön wie ein lebengewordener Traum. Aber der Alltag «stellte sich ihm bald in den Weg. Er hatte in seiner Begeisterung alles, was er besaß,- an die herrliche Zukunft gesetzt. Nun galt es, die weitern Mittel für den Ausbau des Gedankens herbeizuschaffen, und da begannen die Schwierigkeiten. Mit wehmütiger Ironie schilderte er diese Schwierigkeiten in der für die „Neue Freie Presse"