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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 29)
Language
German
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No. 20 DIE3SELT Herzls Alltag Von Dr. M. Scherlag, Wien Der Alltag ist ein gar mächtiger Herr, dem sich auch ganz große Menschen fügen müssen. Er entzieht ihnen oft die besten Kräfte und Säfte, zwingt sie in das Joch der Kleinarbeit und färbt an ihren Werken ab, vorausgesetzt, daß sie noch Zeit und Fähigkeit haben, Werke zu schaffen. Nur wenigen freilich gelingt es, sich aus dem Bann des Alltags zu befreien und den Rahmen des Handwerks zu sprengen. Die meisten treten ihre winzigen Mühlen mit wichtiger Miene weiter, sie tun es mit mehr oder minder Qeduld und Fertigkeit. Ist einer halbwegs ein Weiser, so mag er sich mit dem in den altjüdischen Schriften enthaltenen tiefen Spruch trösten, der dahingeht, daß auch ein Gelehrter nebenbei irgendein Handwerk treiben soll. So hatten schon die Rabbinen den Segen der Arbeit erkannt und sie hiemit geadeft. Eine Persönlichkeit drückt jedem Beruf ihren Stempel auf und adelt ihn, indem sie in seinem Bereich das Höchste leistet und sich über ihn emporhebt. Zu solchen Betrachtungen regen mich immer wieder Herzls Feuilletons an. Wir wissen es: er war kein gewöhnlicher Feuilletonist, aber er war es ganz, anfangs zumal; später flog sein Sinn höher, edlern Zielen zu, und wir wünschten zuweilen, daß er die enge Gemarkung des Feuilletons verlassen und sich ausschließlich der neuen großen Aufgabe gewidmet hätte. Aber der Alltag war stärker als er, den wir doch auch als den Starken kannten, zumal am Anfang des steilen Pfades zur Unsterblichkeit. Wie ist Herzl überhaupt auf diesen Weg gelangt, fragten wir nicht einmal und fanden der Antworten viele oder keine. Ähnlich verhält es sich mit jedem Wunder. Das ist auf mancherlei Art und auch nicht zu erklären. Es ist einfach da. Wehe, wenn man sich eines wohltuenden Wunders nicht lange freuen kann! . . . Doch nicht davon sei hier die Rede, in alten Schmerzen wühlt man, wenn man allein ist, sondern nur von Herzls Alltag, wie er sich in seinen Feuilletons wiederspiegelt. Und so wollen wir in ihnen bescheiden nach leuchtenden Spuren der Ewigkeit suchen und aus den einzelnen durch den Tag hervorgezauberten und scheinbar für den Tag bestimmten Blättern die Zeichen zusammenlesen, die aneinandergereiht ein Bild seiner innern Entwicklung, seines stetigen Aufstiegs geben könnten. Dazu müssen wir uns in seine Feuilletons vertiefen, als wären es Gedichte. Viele sind es übrigens auch. Nicht in jenem landläufigen, oft banalen Sinn, vielmehr in einem höhern, dem die Form Nebensache und der Inhalt alles ist. Der Inhalt sowohl als auch der Duft, der über dem Ganzen schwebt, das Rätselhafte, das hinter den Worten blüht. Herzl war eben kein alltäglicher Feuilletonist. Er gemahnte an den Fürsten aus Tausend und einer Nacht, der unerkannt durch den Tag wandelte. In Herzl waren mehr Elemente vereinigt, als ein Feuilletonist benötigt und verträgt. Er war Dichter und Denker in einem, Träumer und Tatmensch zugleich, und von allem strömte etwas in sein Feuilleton über. Ein Teil eines in vielen Farben glitzernden Edelsteins ist dem ganzen gleich: eine Kostbarkeit. Diesen Eindruck ruft Herzls Feuilleton hervor. Kritischere, kühlere Betrachter haben analysiert und ausgeführt, was wohl die Schönheit seiner kleinen Meisterwerke ausmacht. Es sei nur J. J. David zitiert, der in seinem 465 Essay über Theodor Herzl schreibt: „Er war ein feiner Stilist. Er vermochte ironische Lichter. Immer war in seiner Sprache Anmut, Glanz und Fülle. Man hatte immer das behagliche Gefühl, jemand schaffen zu sehen, der seiner Kunstmittel vollkommen sicher ist und sie mit jener spielenden Leichtigkeit gebraucht, die so mühelos erscheint und dennoch ganz eigene Anlagen und ernstestes Wollen bei ihrer Entwicklung voraussetzt. Es sind lyrische Partien von höchster Schönheit in seinen Feuilletons." Liest man sie in chronologischer Folge, so merkt man bald, wie sie sich allmählich verinnerlichen, veredeln, verfeinern und vertiefen, endlich sogar verklären. Zwar deutet sich schon der künftige Meister in seinem glänzenden „Anfang einer spanischen Reise" an; aber wir bewundern hier nur die scharfe Beobachtungsgabe des trefflichen Schilderers, die geistreichen Einfälle und launigen Bemerkungen des überlegenen Weltmannes. Noch fehlt die weite Perspektive, es fehlt auch der weiche Herzische Unterton sowie die psychologische Tiefe. Er will da bloß unterhalten und prägt prächtige Wortspiele und Spielgedanken: „Die Raubtiere werden sich noch völlig von der Erde verlieren, und der Mensch wird sie schließlich aus sich heraus ersetzen müssen." Oder: „Der Herbst kommt gezogen wie ein junger Oberst, der noch auf Liebeseroberungen aus ist; aber heimlich rinnt ihm ein Frösteln durch die Glieder." Ab und zu gelingt ihm ein Witz: „Andre Beobachter meinen allerdings, daß der Fahrplan hier bloß darum so dürftig sei, weil man darin das einzig wirksame Mittel zur Einschränkung der Schienenunfälle besitze" . . . . Mit Heine und Daniel Spitzer hat er viele Berührungspunkte: „Da liegt das Meer, unvergänglich und unendlich wie die Dummheit der Menschen" . . . Aber der große Ironiker hat noch jene flatternde Freude am Leben, die der Jugend eignet. „W7enn ich dem wonnevollen Ritornell des Baches Gave folge, geleitet er in manches holde Tal. Man gehe den Gave entlang, entlang". . . Später predigt er das sorglose Genießen nicht mehr so eindringlich schön. Allmählich dringt der dunkle Kehrreim von der Eitelkeit des Sinnenrausches durch und rankt sich um die blühendsten Gebilde seiner Phantasie. Seine Reisen zielen nicht mehr ins Weite. Bald genügt ihm eine Fahrt in die nächste Umgebung, er entdeckt den Alltag. „Die Poesie der wenigen Natur, die sich in der Stadt erhalten hat, drückt er rein und dichterisch aus," wie J. J. David von ihm sagt. Bald versteht Herzl wie keiner vor ihm den Alltag, der die Schmerzen und Freuden der Menge enthält, zu würdigen. Und es entstehen unvergeßliche, unvergängliche Bilder aus dem Leben der Armen, die eingepfercht in der Großstadt darben. „Wer das Leben der städtischen Massen aufmerksamer betrachtet, wird die sonderbare Wahrnehmung machen, daß sie in der guten Jahreszeit nicht glücklicher sind als in der schlechten. Verdrossener schleppen sie sich durch die glühenden Tage, und eine Melancholie zittert für sie durch den Dunst warmer Abende." Am meisten dauern ihn die kleinen Kinder dieser Armen. Rührend ist zu lesen, wie sie auf einer Wiese vor der Stadt spielen: „Nie sah man eine Wiese von traurigerer Gestalt. Eine dünne Reihe kränklicher Bäumchen steht am Stfaßenrande. Diese Bäumchen werden wohl nie in ihrem Leben stark werden und Schatten spenden, so wenig wie die Menschenpflänzchen, die hier kümmerlich gedeihen." Diese Worte kamen aus einem Herzen,

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