Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316426--53239-3347013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
460 DIE^KELT No. 20 blieb trocken, seine Haltung aufrecht. Er wollte sich nicht niederwerfen lassen, auch nicht, als sie ihm den Vater in die Erde senkten, den er nächst der Mutter am meisten geliebt, in dem er von Kindheit auf einen vertrauten Freund besessen hatte. Diesen stolzen Trotz hatte er von seiner Mutter. Frau Jeanette lebt in den alten Zimmern fort, von den Bildern ihrer Toten umgeben. O Tod, wo bleibt dein Triumph? Vor drei Jahren war ich in Budapest, um Verwandte und Bekannte der Familie Herzl über die Eltern und die Jugend Theodors auszufragen. Und da hörte ich denn immer wieder dasselbe. Die schönste Frau von Pest war sie, — und das beste Eheweib. Wenn sie in ihrer einfachen Kleidung, von den entzückenden Kindern begleitet, ausging, ruhten aller Augen auf ihr, ohne daß sie es sah. Natürlich kannte sie den Zauber ihrer Schönheit, denn die hohen Herren in Pest waren in ihrer Bewunderung nicht stumm, und die Künstler rissen sich um die Qunst, ihr Porträt malen zu dürfen. Aber sie war eine jüdische Frau im alten, besten Sinne des Wortes: sie war vollkommen zufrieden, ihrem Mann zu gefallen. Frau Jeanette stammte aus einer Familie, deren Geist und Witz in Pest sprichwörtlich waren. Theodor schrieb seiner Mutter einmal: „Da hat sich deine Harschl Diamantsche Klugheit abermals bewährt." Jawohl, Frau Jeanette war klug, aber niemals klüger als ihr Mann. Die Überlegenheit ihres Geistes bekam er höchstens als Wohltat zu spüren. Ein Beispiel für viele. Nachdem Jakob Herzl infolge eines verfehlten Waldgeschäftes sein ganzes Vermögen verloren hatte, waren seine Lieblingsspeisen öfter als sonst auf dem Tisch, die Kost überhaupt besser als früher. „Er soll wissen, daß er mein teurer Mann ist, mit oder ohne Vermögen." Frau Jeanette war und ist bezaubernd in ihrer anmutigen Klugheit, aber sie war nie klüger, als wenn es galt, in der Seele ihres Mannes zu lesen, seine Stimmung zu erraten. Sie schwieg, wenn er der Stille bedurfte, sie plauderte, wenn Worte ihm wohltaten. Sie gab nie einen ungebetenen Rat; wenn er Rat brauchte, hatte er Herzls Mutter ihn, noch bevor er ihn verlangte. Kein Wunder, daß Jakob Herzl der zärtlichste Gatte war. Eine bessere Ehe hatte es niemals gegeben. In den Stunden der Erholung wurden sie immer zusammen gesehen — im Cafe, im Theater, im Vortragssaal, im Konzert. Jakob Herzl sprach zu seiner Frau immer wie ein Galan, seine Blicke waren die eines verliebten Jünglings. So war und blieb es bis zur letzten Stunde. Gegen zehn Uhr fragte er sie, ob er ihr das Abendblatt vorlesen solle. Sie lehnte dankend ab, denn sie war müde und wollte schlafet!. „So geh' gesunderheit und schlaf dich gut aus," sagte er, nahm sie in die Arme und küßte sie wie ein Bräutigam. Sie ging ins andere Zimmer. Nach etwa einer Viertelstunde hörte sie seinen Angstruf: „Mama!" Sie stürzte herbei — da war es schon zu spät. Was Frau Jeanette ihrem Manne und ihrem Sohne gewesen, ist in wenigen Sätzen nicht darzustellen. Eine Ahnung von ihrer Art wird der Leser bekommen, wenn er Frau Samuel im „Neuen Ghetto" vergleicht. Theodor wurde fast ganz von der Mutter erzogen, denn der Vater war von seinen Geschäften zusehr in Anspruch genommen, zu oft vom Hause fort. Und was tat diese einfache Frau, deren Vater nicht gar viel für ihre Ausbildung hatte ausgeben können, nicht alles, um dem Sohne den Schulsack zu füllen! Sie hielt ihre Pflicht noch lange nicht für erfüllt, wenn sie darüber wachte, daß er regelmäßig die Schule besuche. Ein Hauslehrer gab dem andern die Tür. Theodor lernteprivat Hebräisch, Französisch, Italienisch, Englisch, Klavier. In dieser Wertschätzung des Wissens zeigte sich Frau Jeanette wieder, ohne es zu ahnen, als echt jüdische Frau. Aber noch höher als das Wissen schätzte sie die sittlichen Werte. Ein Verstoß gegen die Wahrheit war ihr ein Verbrechen, Schwäche in Dingen der Moral ein Greuel im alttestamentlichen Sinne. Aufrechtes Wesen, ein offenes Auge als Spiegel innerer Reinheit verlangte sie von ihrem Theodor, — und wir wissen alle, wie er gerade in diesem Punkte ihr Ideal verwirklichte. Herzls Mutter wurde von ihrem Sohne sehr geliebt;