Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DiE3§KELT 459 Ich habe ihn bald ins Herz geschlossen.. Wer nicht? Meiner Einladung, die freie Zeit, soviel sie uns beiden zur Verfügung stand, bei mir zu verbringen, leistete mein junger Freund „Dori", wie ihn auch seine Eltern nannten, bereitwilligst Folge. In den ersten Jahren unseres Umgangs bewegte sich unsere Unterhaltung auf allen Gebieten der Literatur, Kunst und Wissenschaft. Mich verblüffte seine umfassende Kenntnis der deutschen Literatur, um so mehr, als er seine Gymnasial- Studien in der ungarischen Metropole absolviert hatte. Er liebte es, seine Gespräche mit Zitaten aus klassischen und modernen Werken reichlich zu schmücken. Kein Zitat am unrechten Platze. Immer treffend. In den spätem Jahren bildete unser Gesprächsthema mehr die Politik. Vollends begeistert hat ihn die Frage seines Stammes von der Zeit an, als der Antisemitismus, von Deutschland kommend und über Ungarn streichend, die Grenzen Österreichs passierte und sich bei uns seuchenähnlich einnistete. Anfangs glaubte kein vernünftiger Mensch, daß die antisemitische Bewegung in der Seele des gemütlichen Österreichen/olkes Wurzel fassen und sie vergiften könne; aber als diese Pestilenz die besten Regungen aller Schichten der Bevölkerung durch ihren verderblichen Hauch zu ersticken begann und zuerst die untern Klassen der Bewohnerschaft, die bösen Instinkten leichter zugänglich sind, ergriff und dann mit ihrem Ter* rorismus allmählich in die hohen und höchsten Kreise der Gesellschaft drang, da bäumte sich in Theodor Herzl der Mannesstolz gegen die ungerechte und verächtliche Behandlung der Juden auf. „Das kann kein anständiger Mensch mehr dulden und ertragen," sagte mir Herzl eines Tages, „daß jeder rohe und ungebildete Bengel, jeder Paria höher geschätzt i werde wie unsereins, weil er — kein Jude ist!" „Was wollen Sie tun?" erwiderte ich, „wir sind ja ohnmächtig gegen die große Majorität unserer Erbfeinde. — Der Antisemitismus ist nur eine vorübergehende Bewegung, die verschwinden wird, wie so viele andere politische und nationale Bewegungen, bis ihre Spur verweht sein wird. Einstweilen bleibt uns aber nichts anderes übrig, als sie zu erdulden/' „Nein!" schrie er, der sonst so ruhige und sanfte Mann, mit hochgerötetem Antlitz und zornesblitzenden Augen, „es muß, es wird etwas Radikales geschehen. Diese schmachvolle Behandlung, diese schimpflichen Verfolgungen müssen ein Ende nehmen!" „Was wollen; was sollen wir tun? Wir sind ja leider nur ein ohnmächtiges Häuflein!" „Was? Ohnmächtig? — Wenn man uns nicht als gleichberechtigte Staatsbürger, als vollwertige Kompatrioten betrachten will, dann müssen wir uns unserer Kidischen Nationalität erinnern. Kann ich nicht; iehr als guter und treuer Österreicher oder Ungar Ein Jugendbildnis Herz's gelten, — ich hielt bisher Österreich-Ungarn für mein Vaterland, für welches ich zu jedem Opfer bereit war, — verstößt man mich, — nun gut, — dann will ich ein mit Leib und Seele nationaler Jude sein!" Mit einem leichten Lächeln, das mit dem edlen Pathos dieser flammenden Worte lebhaft kontrastierte, fragte ich ihn: „Wie und wo wollen Sie ihre jüdische Nationalität betätigen, lieber Freund?" Er fuhr in seinem beredten Eifer fort: „Es gibt für uns Juden nur ein einziges Mittel, um wieder eine geachtete Nation zu bilden, uns auch bei unsern Widersachern Geltung zu verschaffen und nicht mehr als ungerne geduldete, verhöhnte Parias zu vegetieren, — die Auswanderung nach Palästina! Dorthin gehören wir, das war unser Vaterland, das soll wieder das Vaterland unserer Kinder und Kindeskinder werden!" . Ich machte tausend Einwürfe. Es half nichts. Auf meine Fragen: „Wer wird sich dieser unsäglich schweren Arbeit unterziehen? Wo findet sich der selbstlose Mensch, der sich einen so mächtigen Einfluß auf das gesamte Judentum auszuüben getraut?" war seine Antwort: „Hier — ich!" . . . Ungläubig zuckte ich die Achseln . . . Und doch sind diese energisch gesprochenen Worte Theodor Herzls Wahrheit geworden. Er stellte dem Antisemitismus den Zionismus entgegen. Wenn sich sein Traum auch nicht in seinem Ganzen erfüllt hat, so ist es ihm doch gelungen, einen großen Teil der Judenschaft in allen Teilen des Erdballes für seine grandiose Idee zu gewinnen, ja zu begeistern. Der Same, den er gestreut, ist aufgegangen, und seine Nachfolge ist guten Händen anvertraut, die das von ihm aus jahrhundertelangem Schlummer geweckte Stammesbewußtsein noch weiter pflegen und ausbilden werden. Nicht mehr schüchtern wird der Jude sich als Jude bekennen, sondern mit Stolz wird er ausrufen: Civis Hierosolymae sum! Herzls Mutter Von Leon Kellner Die löwenherzige Mutter Theodor Herzls bewohnt dieselben Räume weiter, in denen sie den Gefährten ihrer Jugend aufbahren sah, in denen sie die Kunde vom Heimgang ihres Sohnes erhielt. Das Schicksal hat ihr die schwersten Prüfungen auferlegt, die einem Menschen zugemutet werden können; sie ging aus allen glorreich hervor, wie es der Mutter eines Helden geziemt Sie war weise und still, als ihr der beste Mann lebte und die geratensten Kinder; jetzt, da ihr nichts als Andenken an die drei Menschen geblieben sind, kommt kein maßloses Wort der Klage über ihre Lippen. Wer Theodor Herzl am Grabe seines Vaters beobachtete, der sah, wie sich seine Brust zum Zerspringen erschütterte vor innerer Bewegung, — aber sein Auge