Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316426--53237-3347011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
HERZL UND SEINE FAMILIE Aus der Kinderzeit Von Dr. Adolf Iricz, Advokat in Budapest. Ich bin stolz darauf, Theodor Herzls erster Lehrer gewesen zu sein. Im September 1865 wurde mir, der ich damals ein junger Student war, nach eingehender Unterredung mit Herrn und Frau Jakob Herzl die Erziehung und der Unterricht des fünfjährigen, im Hause Dori genannten Knaben und seiner um ein Jahr altem Schwester Paul ine übertragen Ich widmete mich mit voller Hingebung den mir obliegenden Erziehungspflichten, deren Erfüllung mir eine wahre Freude gewährte; denn die beiden Kinder waren allerliebst und ermöglichten mir recht bald durch überraschende Erfolge die angestrebte Rechtfertigung des wertvollen Vertrauens ihrer Eltern. In kaum zwei Wochen konnten die Kinder schon lesen und schreiben, so daß sie die erstmonatliche Prüfung vor ihren Eltern glänzend" bestanden. Pauline war ein zartes, sanftes Kind, Dori hingegen kräftig und lebhaft, dennoch aber immer artig und bescheiden. Er lernte sehr leicht und hatte eine staunenswerte Auffassungsgabe, die ihm u. a. ermöglichte, gelegentlich des bald eingetretenen Rosch- Hasclionohfesres seinen Eltern nicht nur in deutscher, sondern auch in französischer Sprache die üblichen Glückwünsche vorzutragen. Für den Unterricht durfte, damit jede Anstrengung der Kinder vermieden sei, täglich bloß eine Stunde verwendet werden. Viel mehr Zeit wurde den Spaziergängen gewidmet, bei denen es oft vorkam, daß der bildschöne Knabe auf der Straße von fremden Personen, insbesondere jungen Damen, bewundert und in ein Gespräch gezogen wurde. Er war auch in seinen spätem Knaben- und Jünglingsjahren ein Liebling der bessern Gesellschaft seiner Vaterstadt und es wurde ihm schon zu jener Zeit eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Herzls Barmizwah-Feier Von Herrn Max Herzl in Budapest, einem Onkel unseres verewigten Führers, erhalten wir über Herzls Barmizwah-Feier folgende Mitteilungen: „Gelegentlich seiner Barmizwah wurde mein Neffe zum erstenmal zur Thora aufgerufen. * Hierbei trug er die Hafthora nach altjüdischer Weise vor. Nachmittags zu Scholesch-Sudos waren viele Freunde und Bekannte, darunter auch der selige Rabbiner Meisel, zur Barmizwah- Feier geladen. Bei dieser Gelegenheit hielt mein Neffe w .-.^j i mZ,, Wk. , m Familie Jakob Herzl eine improvisierte Rede, in der er den Gästen für ihren Besuch und seinen Eltern tränenden Auges für die gute Erziehung, die sie ihm angedeihen ließen, dankte. Zum Schlüsse seiner Rede gelobte er, dem Judentume unter allen Umständen treu zu bleiben. Hierauf wurde der Barmizwah-Knabe von Rabbiner Meisel mit dem üblichen Jeworechecho-Segen beglückwünscht. - , ■ ' ■MMhr"\ ^d/±M;^ f l, Ii i . \ V.UH'li all hu > yiw>4 *4 - mü$$ :;i t; h«+4m„ ** 3 « „ t Herzls Mutler mit ihren 'S . «; Kindern Theodor und Pauline Nach seiner Barmizwah beschäftigte sich mein verewigter Neffe sehr lebhaft und eindringlich mit dem Studium der jüdischen Geschichte." Der junge Herzl Von Dr. Bernhard Beck, Wien, kais. türk. Stabsarzt a. D. Wer als Hausarzt der Familie Theodor Herzl von der Zeit seines Jünglingsalters so nahe stand wie ich, den muß es mit doppeltem Schmerze, mit doppelter Wehmut erfüllen, des so jung und viel zu früh Dahingeschiedenen heute, an seinem 50. Geburtstage, in Trauer gedenken zu müssen. Nebst andern edlen Eigenschaften und ungewöhnlichen Geistesgaben zeichnete Theodor Herzl die beispiellose Hingabe an seine Eltern aus. Es kann ruhig gesagt werden, daß noch nie ein Sohn seine Eltern tiefinniger geliebt hat, als Theodor Herzl die seinigen, aber auch kaum jemals Eltern ihr Kind höher verehrt haben, als seine Eltern ihn. Wie oft war ich gerührter Zeuge dieser gegenseitigen Anbetung. Nach dem Tode seines Vaters glaubte er, die seinen Eltern geweihte Aufmerksamkeit in doppeltem Maße seiner edlen Mutter widmen zu sollen. Was Wunder, wenn seine Mutter sich zu seinen Lebzeiten so namenlos glücklich, aber auch so unsagbar stolz gefühlt hat! . . . Theodor Herzl kam mit seinen Eltern im Jahre 1878, nachdem seine einzige hochbegabte und junonisch schöne Schwester Pauline in ihrem 19. Lebensjahre vom Tode ereilt worden war, nach Wien an die Universität. In diese schwere Zeit fällt mein erster Umgang mit der Familie Herzl, die in meiner nächsten Nähe wohnte.