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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 21)
Language
German
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haltes in London. Dort lernte er am meisten, dort begann er seine erste Agitation, dort verstand man ihn am raschesten. „Wer dankbar oder wißbegierig ist, wird vielleicht nach den Pfadfindern auf diesem glücklichern Wege der Menschheit fragen. Dem angelsächsischen Stamm, meine Freunde, gebührt da der oberste Ruhm.* Zu diesen Ländern fühlte sich sein Herz hingezogen. Und seit Jahren rüstete er zu einer Reise zu dem am meisten entwickelten Volkselement, nach den Vereinigten Staaten. Die Vorsehung, hat seine Pläne durchkreuzt. Dies der positive Faktor, der Herzls Zionismus gebar. Herzl stammte aus einer reichen jüdischen Familie. Materielles Wohlergehen und gesellschaftliche Erfolge, eine außerordentliche Schönheit-und eine hervorragende Stellung öffneten ihm die Türen zu den Salons der jüdischen Bourgeoisie in Wien und Paris. Nachdem er diese Sphären näher beobachtet hatte, begann er sie zu verachten. Den feinen Ästheten verletzten die Gelüste der Parvenüs, den Kultureuropäer stieß der ordinäre Snobismus ab, die subtile Natur entfloh vor der mit unzüchtiger Sinnlichkeit und entfesselten niedern Instinkten verunreinigten Atmosphäre der Paläste jener lärmenden, schreienden Ausbeuter an der Donau und Seine. Der eine meint, das wäre das Judentum, flüchtet aus dem Judentum und will es in sich ersticken. Der semitische Antisemitismus. Seltsame Seelen repräsentieren ihn. Hinter Harden und Weininger, die mit großer Begabung ausgestattet sind, schleicht der boshafte Satiriker Kraus, hinter diesem der Verfasser des Liedes „der kleine Kohnft und der äußerlich assimilierte Mob unserer „Intelligenz". Der andere, Tieferblickende sieht, daß es Orgien satter Sklaven sind, er sucht Zuflucht in der Schaffung einer Garde freier Juden. 7)Früher hat man die Promenadejüngelchen, die Protzen und Juwelen- Hebräerinnen als die Vertreter der Judenschaft angesehen. Jetzt weiß man, daß es auch andere Juden gibt/' Der große Protest in Herzls Seele wurde geboren. Rasch warf er von sich das „Judentum* dieser Sphäre ab. Doch als er das Judentum brauchte, begann er es instinktiv anderswo zu suchen. Aus der Kombination dieser Faktoren der Verherrlichung der Technik und des Abscheues vor der jüdischen Bourgeoisie entstand seine Idee. Eine Idee schlummert oft jahrelang in uns, ihrer Existenz unbewußt tragen wir sie in uns. Sie bedarf eines äußern Anstoßes, der sie in höhere Regionen hinaufschnellen soll. Ruhig lagen die erwähnten zwei Faktoren in Herzls Seele beieinander, bis sie ein äußeres Ereignis, dieDreyfusaffäre berührte. Sie trafen sich, bildeten Ganzes, brachen als Zionismus los. Sein Lebensziel hat Herzl erfüllt. Geleitet, scheint es, von der Ahnung baldigen Sterbens, — in den letzten Jahren befaßte er sich in Gesprächen und Schriften oft?nit diesem Thema, — engte er die Grenzen des Zionismus stark ein. Am ersten Kongreß gab er seine Definition der Idee: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum •Judentum vor der Heimkehr ins Judenland.a Die Rückkehr zum Judentum vollzog sich auf der ganzen Linie, i'ie letzten kehren zurück. Es kehren zurück Gelehrte und Denker, Künstler und Literaten, Kaufleute und Industrielle. Es kehren zurück, die den Vaterglauben verworfen haben, und es kehren zurück, die ihn nie hatten. Wir stehen vor der Heimkehr ins Judenland. Am Anfang dieser Phase verloren wir einen Mann, der dieser Heimkehr Steurer und Führer hätte sein sollen. Die Geschichte vergönnte ihm nur, der Prophet der Heimkehr zu sein. In einem doppelten Charakter tritt Herzl nach außen auf, als Schriftsteller und als Handelnder. Wer ihn beurteilen und werten will, muß ihn in dieser Kombination nehmen. Er wird aber nicht grundsätzlich irren, wenn er nur den Handelnden berücksichtigen will. Und darin unterscheide ich mich von der allgemeinen Meinung. Diese legt eben Gewicht auf Herzl den Literaten, Ihr imponierte sein schillernder, kurzer, kerniger Stil, sie belustigten seine Witze, freute das Gleiten seiner Feder über die glatte Fläche der aktuellen Themen. Das nahm die Menge für den Inhalt, den Wert, den Reichtum Herzls. He! He! He! Verzeiht diesen modernisierten Jargon. Herzl war eine intelligente Individualität, ein glänzender Feuilletonist, ein guter Beobachter, ein Durchschnitts- Romanschriftsteller, ein Dutzend-Dramatiker. Im Feuilleton kommen ihm in Europa manche gleich, im Roman und Drama überragen ihn sogar Epigonen. Groß, einzig ewig ist jener Herz], in dessen Träumen Visionen sich zeigten, in dem sich unser ganzer Schmerz und unsere ganze Hoffnung, all unsere Verzweiflung und all unsere Wonne konzentrierten, in dessen Seele das Echo der Größe unseres Staates nachklang und die Klagen unserer Märtyrer für Volk und Glauben laut widerhallten. Während seine flüchtige Feder von Pariser Globetrottern und Wiener Histrionen schrieb, brausten in seiner Seele Orkane. Und es löste sich diese einzige Seele aus. Und da wuchs Herzl riesenhaft empor. Er wurde ungewöhnlich groß. Groß war er, als er über die Vorurteile der Menschen und die Meinung der Menge seine Sache stellte, groß war er, als er seine Konzeption, das Produkt schlafloser Nächte, die Resultante vieler Seelenstürme, den ,; Judenstaat* wie einen Handschuh der Welt hinwarf, groß war er, als er inmitten des Hagels von Hohnrufen und Pfeilen der Ironie seine Genossen suchte, groß war er, als er das Synhedrion zum Leben berief und wie ein Diktator allen gebot, als er die Millionen der Ica im Namen der nationalen Würde ablehnte, und groß war er, als er als der erste Jude den Potentaten dieser Erde seine Mission erklärte. Einmal befahl, einmal gehorchte er, heute drohte, morgen flehte er, bald konzentrierte, bald isolierte er. Und es war in ihm die Lebhaftigkeit des Technikers, die Technik des Erfinders, der Glaube des Fanatikers, der Fanatismus des Juden, das Leiden des Märtyrers, das Märtyrertum des Golus, die Schaffenskraft des Synthetikers, die Synthese des Genius, der Genius dor Rasse. Und er war uns nicht der Literat, nicht der Herrscher des Papiers sondern Seher und Sänger, der den Weg durch das Dickicht wies, die Fackel, die die Finsternis zerstreute, die Fanfare, die das Auferstehungslied blies, er war die Personifikation unserer Mission, die Verkörperung unserer Wahrheiten, das Synonym unserer Zukunft. Er war die Hoffnung.

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