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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Menschen haben, wenn ich so sagen darf, dynamischen Charakter. Das ist keine Momentaufnahme, sondern eine Retrospektivanalyse des Entstehens dieser Menschen, ein originelles Observieren des Kulminationspunktes und — was wir von einem Porträtisten kaum erwarten — eine oft von prophetischem Geiste umwehte Prognose der Zukunft. Die Macht der Herzischen Beobachtung und ihres Wertes für die Zukunft mögen zwei Tatsachen erweisen: Im „Palais Bourbon* beschreibt er den Abgeordneten Millerand so, daß aus seinen Worten unzweideutig hervorgeht, daß der und kein anderer radikaler Abgeordnete emporschwimmen und den Ministerfauteuil erobern wird. Diese Worte sind im Februar 1895 gefallen. Einige Jahre später berief Waldeck-Rousseau den Sozialisten in die Regierung. Auf dem Baseler Kongreß am 28. August 1898 sprach Herzl folgende Worte: „Asien ist das diplomatische Problem des kommenden Jahrzehnts.u Dieser Gedanke verfolgte ihn fortwährend. Er wiederholte ihn in London am 13. August 1900. Dort sagte er: „Das asiatische Problem wird täglich ernster; ich fürchte, daß es bald einen blutigen Charakter annehmen wird. Wer für politische Dinge Verständnis hat, beeile sich und nütze jede Gelegenheit der Annäherung an Asien aus." Im Jahre 1904 brach der russisch-japanische Krieg aus. Wie Lasalle den Ausbruch der Kriege von 1866 und 1870 vorhergesagt hat, so ahnte Herzl das Duell zweier Rassen im weiten Osten voraus. III. Herzl tritt in die dritte Lebensphase. Während er früher ausschließlich Ästhetiker war, dann politischer Beobachter wurde, ist er endlich sozialer Tatmensch. Der Autor des „Palais Bourbon" verändert sich grundsätzlich, wirft die leichte Feder fort, hängt den Witz an den Nagel, dämpft den Humor, entäußert sich des unschöpferischen Sarkasmus und der beißenden Ironie, gibt sich der Kontemplation hin, nachts quälen ihn neue, schwere Gebilde, tagsüber arbeitet er gebückt über Volkswirtschaft Rechtswissenschaft und Statistik. Die Stelle der hellen Parlamentsäle nimmt das Weltall ein, und zwar dessen dunkelste Seite. Ein Konzert von Bosheit, Dummheit, ordinären Instinkten, niedrigen Trieben, Neid und Haß. Das Opfer sind die Nachkommen ehemaliger Herren, die Mitglieder der ältesten lebenden Aristokratie, Ahasvers Stamm. Man verletzt ihn physisch, verwundet ihn moralisch, seinen Körper zerstückelt man, seinen Geist erniedrigt man in unsern Augen. Ihm droht ein elender Tod oder — was schlimmer — ein weiteres Vegetieren . . . Herzl beginnt im Judentum den Zionismus, im Zionismus das Judentum kennen zu lernen. Der „Judenstaat" entsteht. Spuren davon sehen wir schon im „Palais Bourbon". Auf Seite 27 lesen wir: „Es geht den Maschinenmenschen ähnlich wie den Juden, die zufällig in einer antisemitischen Zeit ihr Leben verbringen müssen. Spätere Juden werden lichtere Tage sehen, die jetzigen sind einfach übel drän." Lichtere Tage! Es blitzte im Gehirn des Autors auf. Eine neue Idee nahm von ihm Besitz, deren Diener und Sklave er wurde. Sie potenzierte zuerst und entlockte seinen Inhalt, bis sich der arme Leib in unerhörten Kämpfen und Gefechten erschöpfte und auf dem kleinen Döblinger Friedhof hinlegte, sein Name aber unsterblich wurde, sein Geist zum Eigentum einer ganzen Kultur, sein Werk zum Denkmal einer bei Ghettojuden unbekannten Tapferkeit" und Energie und seine Arbeit zur Grundlage, worauf unsere Generation zu bauen beginnt. Woher gelangte Herzl zum Zionismus? Auf einem ganz andern Wege als seine Vorgänger. Kalischer knüpfte ein tiefer Glaube, ein großes Vertrauen an das Ghettowort, an das Land der Väter, Hessens originelle, mutige Anschauung hatte ihre Quelle in der heroischen Epoche des Napoleonismus und in Hegels Dialektik, auf Pinsker wirkte die wachsende Idee des Nationalismus, die kombiniert war mit dem Schmerz, den ihm die Bedrückung seines Volkes verursachte. Smolenski hat in seiner Jagd nach einem Ersatz der Religion, die ihm abging, das nationale Moment gewittert. Von einer andern Seite kam Herzl. Ihn führte nicht ein System von Gedankenprämissen der Renaissance zu. Da war er zu sehr Tatmensch, um ein Ausbrüten von Ideen zu gestalten, deren glückliche Kombination zu einem Ganzen abzuwarten und dieses Resultat für eine Krönung der Arbeit anzusehen. Auf die Ausgestaltung der Seele Herzls wirkten positive und negative Faktoren ein. Herzl war eine vorwiegend politische Natur. Von den Gütern und Errungenschaften der Kultur des XIX. Jahrhunderts imponierte ihm am meisten die Technik. Seine Gedanken formten sich nicht unter dem Einfluß von Spinoza, Kant oder Goethe, sondern von Fulton, Watt, Stephenson und Morse. Deren Erfindungen waren der Grund, worauf seine Idee heranwuchs. Jede neue Erfindung interessierte ihn, die Verbesserung einer winzigen Maschinenschraube versetzte ihn in Entzücken. Das hob und veredelte nach seiner Meinung die Menschheit. Er sah das rasende Wachsen der Kultur der westlichen Völker. Am liebsten wäre er selbst Erfinder geworden. Dieser Gedanke quälte ihn lange Zeit. Ohne auf diesem Felde schöpferisch sein zu können, wollte er mit diesen Gütern rückständige Völker und zurückgebliebene Erdteile beglücken. Er traf auf sein Volk. Und es ward der Inhalt seines Lebens, ihm das zu geben, was der Westen hat, es ihm so zu gehen, wie es der Westen hat. Es irgendwohin zu verpflanzen, — der Ort war ihm anfangs gleichgültig, der geniale Psycholog spürte bald diesen Mangel und nahm den . Erdteil auf, der sich einzig dazu eignete, — es zu einigen, ihm die neuesten Errungenschaften jeder Wissensehaft zu geben, es produktiv zu machen, das war Herzls Traum. Die fanatische Verherrlichung der Technik führte ihn in gerader Linie zum Zionismus. Im „Palais Bourbon" spricht er das aus: „Erfindungen waren es, welche die Menschen zu Haufen ballten im traurigen Dienst der Fabriken. Andere Erfindungen werden die Gedrängten und Gedrückten hinausstreuen in glücklichere Gegenden." In „ Altneuland * wieder" lesen wir: „Und ihr werdet es für einen Scherz halten, wenn ich euch sage, daß Neudorf gar nicht in Palästina gebaut w-orden ist, sondern anderswo. Es ist gebaut worden in England und Amerika, in Frankreich und in Deutschland. Es ist entstanden aus Erfahrungen, Büchern und Träumen. Die mißglückten Versuche von Praktikern wie von Phantasten müßten euch zur Lehre dienen, ihr wißt es gar nicht." Im Zusammenhang damit begreifen wir leicht Herzls Anglomanie. Vornehmlich imponierte ihm Britannien. Am angenehmsten waren ihm die Stunden des Aufent-

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