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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 20 DIE MKE LT 455 während die düstere Situation manchen verwegenen kecken Wurf des Menschenelends zeitigt. Die Stimmung der Herzischen Feuilletons gemahnt stark an die Art, wie Heine Gedichte schrieb. Kaum reifte ein Gebilde voll Leben und Frohsinn, so erfolgte hart vor dem Schluß eine einschneidende Wendung. Der jüdische Pessimismus erfaßt beide Schöpfer. Der deutsche Lyriker verfällt in einen zynischen Ton und demoliert höhnisch, was er vorher so kunstvoll geschaffen; den Wiener Künstler beschleichen traurige Gedanken, bis eine schmerzliche Sentenz das witzige Ganze beschließt. II. Bis zum Jahre 1891 schrieb Herzl Reisefeuilletons, Studien und Kritiken. In diesem Jahre trat bei ihm eine entschiedene Wendung ein. Der Künstler warf sich auf die Politik. In Paris, wohin er übergesiedelt war, machte er die Schule durch, aus der alle erstklassigen Publizisten he rvorgingen: Wittmann, Bahr, Harden, Nord au, Goldmann. Hier, in dem Zentrum der künstlerischen Kultur de r Welt, dem Sitz großer Maler und Dichter, Bildhauer und Redner interessierte er sich trotz des Louvre und der französischen Komödie mehr für das Parlament Der feine Konsument der Kunst wurde zum Beobachter der Politik. Er bildete in sich eine Kombination dieser beiden einander oft feindseligen Gebiete aus. Beide Wirkungskreise, wo ^ich die Energie eines überwiegenden Teiles der Talente entladet, wrollen sich voneinander emanzipieren. Die Kunst ruft in der Zeit der größten Entfaltung „Fort mit der Politik!* und schließt mit der Parole „Part pour l art" jede soziale Tätigkeit aus. Die Politik wieder betrachtet den Schönheitskultus als Sybaritismus, als dilettantische Spielerei und ignoriert mit der Kälte realer Sieger die Ästhetik und belächelt deren Anhänger als Menschen, die über zuviel freie Zeit verfügen. Sie schreibt hnen Gleichgültigkeit gegen die Leiden der Millionen zu, verdächtigt sie der Nichtachtung des Aufschreis der Enterbten. Die Politiker werfen den Künstlern Snobismus, Hese werfen jenen Philistertum vor. Herzl ging von ier Kunst zur Politik über. In Paris studierte er fünf ahre lang ausschließlich die Seele der Gesetzgeber, Versuchte die Wege, die das Wort zurücklegt von dem Augenblick an, da es eine bestimmte Schicht ausspricht, L. Kr est in, Jerusalem. bis zu dem Moment, da es in den für die Gesellschaft bindenden Gesetzbüchern zur Herrschaft gelangt. Einige Jahre lang beobachtete er, und das Resultat der Observation war „Palais Bourbon". Dieses Buch ist eine herrliche Kombination der Ästhetik und der Politik, eine meisterhafte Allianz der idealen Kunst und des realen Lebens. Zu den besten Parlamenten, an denen Europa sich schult, gehört zwar der Bourbonen-Palast nicht. Aber als erster hat er seinen Schilderer gefunden. House of commons, Reichstag und Reichsrat harren der Feder, — des Ausflusses der subtilen Seelenkenntnis und der genauen Vertrautheit mit der Regierungstechnik. Die französische Repräsentanz hat sie gefunden. Herzl ergriff die Meisterfeder und warf ai,fs Papier 21 vollendete Porträts von Vertretern aller Richtungen dieses Hauses. Die Roten revoltieren da, die Schwarzen intrigieren, die Opportunisten feilschen, die Loyalen dienern, die leidenschaftlichen Südländer bahnen sich mit den Nerven, die berechnenden Karrierenjäger mit der Felonie, die romantischen Epigonen der Troubadouren mit verwundeten Frauenherzen, ambitiöse Journalisten mit Pasquillen, lärmende Demagogen mit Abenteuern den Weg zu dem Ziele ihrer Träume, Wünsche, Plagen, Kämpfe und Mühen, — dem Ministerfauteuil. Alles an diesen Gestalten lebt, bewregt sich, handelt. Es umweht uns die Kühle der Logik Dupuys, es brennt uns die Glut der Eloquenz Jaures , es weckt unsre Neugier die unvergleichliche Dialektik Goblets, es interessiert uns die eiserne Konsequenz Milleraiids, es unterhält uns das ewige Dienern Jumels. Wie ein Porträtmaler mit dem Pinsel Leib und Seele, Kraft und Ursprünglichkeit der Originaltypen wiedergibt, so dringt der Schriftsteller mit der Feder in die verborgensten Winkel der Psyche von Frankreichs Führern und verewigt sie mit einigen flotten Strichen. Herzl wird der Lenbach der Feder. Glemenceau, Guesde, Deschanel, Pelletan, Freycinet, Rochefort erstehen vor unsern Augen, wir sehen die ganze Technik des gesetzgebenden Apparates von Frankreich, es teilt sich uns die auflodernde Leidenschaft des Volkes mit, wir nehmen teil an den vulkanischen Eruptionen des Geistes der Moral, da der Panamismus sich wie Rost ansetzte, der die Reinheit Galliens vergiftet. Die Porträts dieser 2* „Bibelexegese".

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