Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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man ihnen glauben, so wäre Herzl bloß ein Moment der Entwicklung, ein Faktor, der nur aus Zufall die Gestalt angenommen hätte. Aber wenn dem auch so wäre, wenn das jüdische Leben wirklich nach gewissen organischen Gesetzen vor sich gehen und einen kausal bestimmten Prozeß durchmachen würde, so fehlte noch immer das Wichtigste und Entscheidendste, das Letzte: die Finalität, das" Bewußtsein des Ziels. Dieses Bewußtsein war dem jüdischen Geiste abhanden gekommen. Herzl hat diese Finalität wiederherstellen, die Energie des Judentums in einen Brennstrahl konzentrieren wollen. Wie weit und ob der Versuch gelungen ist, kommt nicht in Frage. Das unvergängliche Verdienst Herzls war, daß er der jüdischen Geschichte ein neues Thema, dem jüdischen Leben einen neuen Rhythmus gab: die schöpferische Tat ... HERZL Von Adolf Stand, Reichsratsabgeordneter, Lemberg I. Wir kennen verschiedene Erscheinungen des Lebens. Einmal sehen wir seine dunkle, düstere Seite. Der Enterbte spannt seine Muskeln und strengt seine Kraft an, um sich und die Seinen vor verzweifeltem Elend zu bewahren, der vom Leiden gebrochene Greis erträgt Hunger, Kälte und Mühsal; denn schwer ist das Leben, und für den Leidenden so lang, so weit, endlos, ewig fast. AmWege begegnen wir auch Kindern, die von grausamen Müttern gemartert oder von schrecklichen Schicksalsschlägen verfolgt werden. Da entstehen unablässigLebenstragödien, verschärft von schweren Krankheiten, langen Hungerzeiten und Frösten. Es pfeifen dort Stürme in der Luft und noch stärkere in den Herzen. Es sterben dort die Hoffnungen der Ärmsten und die Früchte der Arbeit der Verlorenen. Der Dichter steigt zu diesen Niederungen herab; in seiner Seele hallt das Echo dieser Sinfonie von Leid und Kampf und Verzweiflung lange nach; und ist des Schaffenden Herz übervoll, so entsteht ein erschütterndes Drama, eine erhabene Oper, ein graues Gemälde, ein trauriges Lied, versteinerte Tränen, — ein Denkmal. Auch noch andere Erscheinungen des Lebens gibt es. Das ist seine helle Seite. Da herrscht Frühlingsluft; alles unterhält und freut sich, belustigt und zerstreut sich. Also sehen wir hier zufriedene Kinder, wie in den „Fliegenden Blättern*, Menschen voll Leben, Hoffnung und Freiheit. Wärme empfängt uns, Sonnenschein erquickt uns, Lichtglanz erhellt den Horizont. Dort gedeiht der Witz, auf diesem Terrain blühen satte Landschaften und heitere Humoresken, und leichte Liedchen verlassen die lachenden Lippen, flattern in die weite Welt, das Glück dieser Menschen und deren Paradies kündend. L. Kres'tin, Jerusalem. In die letztern nahm Herzl öfter Einblick. In der Sammlung seiner erlesenen Feuilletons — seiner besten literarischen Produkte — befinden sich Bilder aus der Kinderstube, Silhouetten des Wiener Volkes, das sich im Praterbelustigt. Diese Bilder lockten ihn am meisten. Den Heitern, Zufriedenen, Glücklichen zog eine Seelenverwandschaft zu den Gebieten hin, aus denen die klare Quelle des Lebens sprudelt. Dorthin blickte er, die Tagessorgen vergessend, und beobachtete so lange, bis er mit der Umgebung eins wurde. Er liebte die Kinderwelt und das fröhlich spielende Volk, weil ihn deren Natürlichkeit anzog. Über den Älteren, Wohlhabenderen breiten sich schon die Fittiche der Kultur aus, sie nehmen in sich deren Fehler eher als deren kostbare Vorzüge auf. Sie werden steif, stolz, ahmen schon andere nach, hören auf, sie selbst zu sein. Anders ist es bei den Kindern und dem Volke. Da ist alles so aufrichtig, naiv, ursprünglich. Lange Zeit konnte ihnen Herzl zuschauen, um dann in ihrem Tone — sein Stil ist bei allem Raffinement so schlicht, licht und offen wie Hansens Fragen oder Trudeis Tränen—ihre Geschicke zu schildern. Und die sind ziemlich interessant. Nicht minder als die Geschicke der Jünglinge und der Männer. Herzl schlug eine Brücke zur Rückkehr in die mythischen Geheimnisse der Entstehung und Bildung unserer Kräfte Er nahm Einblick in die Kinderstube, verjüngte sich seibot und sagte so manches köstliche Wort über Erziehung, Pflege und Ausbildung der Kinder. Wie ein Gleichaltriger freut er sich mit ihnen, wenn ihnen wohl ist; aber ein Ankläger erwacht in ihm, ein strenger und drohender, wenn er uns die bleichen und unentwickelten Kleinen, die Nachkommen des überarbeiteten Proletariers zeichnet. ,'Da fallen bittere Worte, „Ghettopolitiker".